Die venezianische Wirtschaftsentwicklung im 18. Jahrhundert hat sich seit vielen Jahrzehnten zu einem besonders lebhaften Feld der Forschung entwickelt. Während lange Zeit eher die Sicht eines – vorgeblich weitgehend selbstverschuldeten – Niedergangs vorherrschte, sind spätestens mit der Studie von Jean Georgelin, Venise au siècle des Lumières (1978) andere Stimmen in den Vordergrund getreten. Im Ergebnis hat sich bislang noch kein klar umrissenes neues Bild ergeben, weitere Forschungen erscheinen dementsprechend besonders lohnend. Pierre Niccolò Sofias Werk zur Produktion und Vermarktung der venezianischen Glasperlen im 18. Jahrhundert kann hier einen wichtigen Beitrag leisten. Die Geschichte der kleinen Objekte von relativ hohem Wert hat, so Sofia in der Einleitung, das Potenzial, die Reichweite eines bedeutenden venezianischen Exportsektors aufzuzeigen. Dabei sind seine Leitfragen, wie der Perlenhandel organisatorisch funktionierte, welche Netzwerke involviert waren und was dies über die mediterranen, die atlantischen und letztlich sogar globalen Wirtschaftsbeziehungen Venedigs aussagt.

Im ersten Kapitel lässt Sofia die gegenwärtige geschichtswissenschaftliche Diskussion zu Venedig im 18. Jahrhundert Revue passieren. Er resümiert, dass die Stadt nicht nur ein kulturelles Zentrum war, sondern das Herz einer größeren Gewerberegion. Staatliche Regulierungen und Zunftstrukturen wirkten weniger als hemmende Faktoren, sie schufen vielmehr einen stabilen Rahmen für die Entfaltung von Handelsnetzen. Dabei ist die Einbindung der venezianischen Wirtschaft in überregionale Wertschöpfungsketten bemerkenswert.

Im zweiten Kapitel fokussiert Sofia auf das Savoir‑faire und die Organisation der Produktion. Die Herstellung der Perlen erfolgte meist zünftisch gerahmt in kleinen Werkstätten im Familienbetrieb, in denen das handwerkliche Wissen und Können tradiert wurde. Die dezentrale und arbeitsteilige Struktur erwies sich als zu Innovationen fähig. So erkannten die Produzentinnen und Produzenten Nachfragetrends aus fernen Märkten und reagierten darauf. Zünfte und staatliche Aufsichtselemente kontrollierten die Qualität und sorgten so für Vertrauen in das Produkt.

Im dritten Kapitel richtet Sofia den Blick auf die „patrons“ des Perlenhandels. Dabei versteht er unter patrons keine klar umrissene Berufsgruppe, sondern eine ökonomische Schlüsselfunktion innerhalb der Wertschöpfungskette: Gemeint sind Akteure, die Produktion und Absatz bündelten, das Hauptrisiko trugen und damit als organisatorische Zentralakteure des Handels fungierten. Diese Funktion überschnitt sich teilweise mit der Gruppe der sogenannten margaritieri – den in der venezianischen Zunftorganisation verankerten Produzenten und Vertreibern von Glasperlen (margarite). Häufig arbeiteten die margaritieri im Rahmen umfangreicher Bestellungen von kapitalkräftigen Großhändlern, darunter die in Venedig ansässigen Deutschen Sebastian Schalckhauser, Johann Wilhelm Hugel und Cord Jastram. Diese Kaufleute waren ebenso wie mehrere jüdische und venezianische Händler in weitgespannte Vertriebsnetzwerke eingebunden.

Im vierten Kapitel erweitert Sofia den Fokus auf die globalen Handelsketten, in denen die venezianischen Glasperlen zirkulierten. Im atlantischen Raum dienten die Perlen vor allem als leicht transportierbare Tauschmittel innerhalb der Warenströme, die europäische Händler zwischen Afrika und Amerika organisierten. Im Mittelmeerraum und in weiten Teilen Eurasiens hingegen fungierten die Glasperlen primär als Schmuck oder Bestandteile von Devotionalien. Im Indischen Ozean schließlich trafen venezianische Produkte auf eine etablierte lokale Produktion, dennoch gelang es, durch die Anpassung an die regionale Nachfrage eine marktfähige Nische zu besetzen.

Im fünften Kapitel rückt Sofia Händler in den globalen Warenkreisläufen in den Mittelpunkt. Innerhalb dieser Gruppe spielten jüdische Kaufleute eine herausragende Rolle. Der von ihnen organisierte Handel stützte sich auf familiäre und religiöse beziehungsweise konfessionelle Netzwerke. Zugleich macht das Kapitel deutlich, dass konfessionelle Zugehörigkeiten die Handelsbeziehungen strukturierten, ohne sie zu begrenzen.

Im sechsten Kapitel untersucht Sofia den atlantischen Handel venezianischer Glasperlen und zeigt, dass dieser trotz der primär mediterranen Ausrichtung der Serenissima von zentraler Bedeutung war. Die Exporte gingen vor allem nach Portugal, England, Frankreich, Spanien und in die nördlichen Niederlande, wobei Lissabon als wichtigster Umschlagplatz fungierte. Hervorzuheben ist die Rolle der venezianischen Glasperlen im transatlantischen Sklavenhandel. Sie fungierten als standardisierte Tauschmittel im Handel mit westafrikanischen Menschenhändlern und waren entsprechend ein fester Bestandteil derjenigen europäischen Produkte, mit denen Sklaven gekauft wurden.

Im siebten Kapitel wendet Sofia den Blick wieder der Levante zu und untersucht, wie venezianische Glasperlen entlang der klassischen Karawanen‑ und Seewege des Nahen Ostens bis nach Arabien, Afrika und Indien gelangten. Vor allem Ägypten spielte eine Schlüsselrolle für den Vertrieb dieser Produkte. Die Glasperlen waren dort nicht nur Handelsware, sondern Teil komplexer Tauschbeziehungen. Sie waren daher auch besonders resilient gegenüber internationaler Konkurrenz.

Im Fazit betont Sofia, dass die Analyse venezianischer Glasperlen ein neues Bild Venedigs im 18. Jahrhundert hervorbringt. Venedig erscheint als produzierendes und global vernetztes Wirtschaftszentrum. Venezianische Glasperlen waren globale Güter, die komplexe Verbindungen von Produktion und Handel sowie die Innovations- und Anpassungsfähigkeit der Manufakturen widerspiegeln. Eine flexible Arbeitsorganisation trug zur Resilienz der Wirtschaft bei, getragen vom Zusammenspiel kleiner und großer Händler, darunter prominent einiger jüdischer Kaufleute. Obwohl Venedig im atlantischen Raum keine dominante Rolle spielte, besetzten Akteure der Republik hier eine wichtige und profitable Nische.

Das Buch überzeugt durch die souveräne Durchdringung eines wichtigen Themas. Auf der Grundlage einer reichen Quellenbasis, die auch statistisches Material aus Zollregistern einbezieht, eröffnet der Autor mithilfe der analytischen »Sonde« Glasperlen einen tiefgehenden Einblick in das Venedig des 18. Jahrhunderts. Trotz eines Umfangs von weniger als 300 Seiten einschließlich der Anhänge erweist sich das Werk als inhaltlich äußerst reichhaltig. Zahlreiche Aspekte, die hier nicht eigens thematisiert werden können, laden zur weiteren Lektüre und Forschung ein, darunter ein aufschlussreicher geschlechtergeschichtlicher Zugriff auf die Produktion der Glasperlen ebenso wie wertvolle Hinweise auf die Überlieferungen von Zollregistern der späten Republik. Häufig werden wichtige deutsche Händler genannt, so Heinzelmann, Hermann, Dannenberger und weitere. Dieser Aspekt hätte durchaus noch stärker ausgeführt werden können und bleibt leider eher implizit.

Klar wird: Die Geschichte des venezianischen Glashandwerks war stets von ausgeprägter Internationalität geprägt, sowohl innerhalb als auch außerhalb Venedigs. Nach der Lektüre dieses Buches ist deutlicher als zuvor erkennbar, worin die tieferen Ursachen für diesen Erfolg liegen. Damit kann das Paradigma des Niedergangs der Republik im 18. Jahrhundert in einer weiteren wichtigen Hinsicht relativiert werden.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Magnus Ressel, Rezension von/compte rendu de: Pierre Niccolò Sofia, De Venise au monde. Production et commerce global des perles de verre au XVIIIe siècle, Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2025, 317 p., ISBN 978-2-7535-9657-3, EUR 25,00., in: Francia-Recensio 2026/1, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115242