Bemerkenswert ist, angesichts des typisch deutschen mangelnden Selbstbewusstseins und des strukturellen Pessimismus, welche das eigene Land seit Jahrzehnten am Abgrund sehen, die dem Buch vorangestellte Präsentation der Bloomsbury-Reihe »Geschichte des modernen Deutschlands«, in der das Werk erschienen ist. Sie »bietet Leser:innen aktuelle Einblicke in die Geschichte eines der mächtigsten und bedeutendsten Länder der Welt«.1 Ähnlich formuliert es die Verfasserin Katie Sutton, Associate Professor of German and Gender Studies at the Australian National University in Canberra, eine der produktivsten Autorinnen zur Geschichte der Sexualitäten und geschlechtlichen Identitäten im Deutschland des 20. Jahrhunderts, in ihrer Einleitung. Sie ziele nicht allein darauf, »bestehende Forschungsergebnisse zusammenzuführen, sondern auch neue Erkenntnisse über die bewegte Geschichte einer der mächtigsten und einflussreichsten Nationen Europas und der Welt in der Neuzeit zu gewinnen« (3).
Das Buch beleuchtet über 200 Jahre deutsche Geschichte und untersucht die vielfältigen Wege, auf denen »normale« Sexualität definiert wurde und wie diese Vorstellungen Identitäten, Verhaltensweisen, Körper und Praktiken geprägt haben. »Wenn man das Thema Sexualität als Kategorie der historischen Analyse ernst nimmt, bedeutet das, die vielfältigen und widersprüchlichen Wege zu untersuchen, auf denen Aktivist:innen, Ärzt:innen, Politiker:innen, Künstler:innen, soziale Bewegungen, Kulturkommentatoren und ganz normale Frauen und Männer sowie gender-diverse Menschen in den letzten zwei Jahrhunderten die ›normale‹ oder ›natürliche‹ Sexualität definiert haben« (8). Die Autorin führt »in Themen ein, die für die Geschichte der Sexualität von besonderer Relevanz sind – Ehe, Scheidung, Geburtenkontrolle, Abtreibung, Prostitution, Verfolgung und Emanzipation von Homosexuellen sowie Erfahrungen von Menschen mit unterschiedlichen Geschlechtsidentitäten – und verknüpft diese mit übergreifenden Fragen zu Geschlecht, Ethnie, Klasse und Nation« (13). Nach einer Danksagung und Einleitung ist das Buch in sechs Kapitel gegliedert.
Ob sich Menschen jedoch, wie Sutton, im Anschluss an Foucault, meint, erst ab circa 1800 bewusst geworden sind, eine spezifische Sexualität zu haben, sei dahingestellt. Porcellio, Protagonist einer zeitgenössischen Novelle von Matteo Bandello, antwortete seinem Ankläger bereits in der Mitte des 16. Jahrhunderts: »Sich mit Jungen zu amüsieren ist für mich so natürlich wie essen und trinken für die Mehrheit. Wie können Sie mich also fragen, ob ich gegen die Natur sündige?«2 König James I. von England (1566–1625) bekundete seine Liebe zu George Villiers unverhohlen. 1617 verteidigte er sich in einer Reaktion auf die Einwände des Geheimen Rates gegen die offensichtliche Günstlingswirtschaft mit der Liebe von Jesus zum Apostel Johannes: »Christus hatte Johannes und ich habe George.«3
Friedrich »der Große« verfasste 1749 das Gedicht »Palladion« auf seinen Favoriten, den Vorleser Claude Etienne Darget: Darin berichtet Darget von seinem Aufenthalt in einem von Jesuiten geführten Internat. Um den hübschen Darget gefügig zu machen, lässt Friedrich die Lehrer schwule Liebespaare der Weltgeschichte aufzählen, von Alkibiades über Cäsar, das »Weib aller Römer«, bis zu Jesus und seinem Lieblingsjünger Johannes, der Jesus als williger Ganymed gedient habe.4 Der Verweis auf Jesus und Johannes diente in spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Sodomieprozessen wiederholt als Verteidigungsstrategie. Das zeigt, dass sich Individuen lange vor 1800 nicht nur ihrer sexuellen Identität bewusst waren, sondern sich auch in einer langen Ahnengalerie verorteten und auch andere sie so sahen. Die schwule Ahnengalerie wurde nicht erst von Magnus Hirschfeld und Karl-Maria Kertbeny angeführt (14), sondern schon in der Frühen Neuzeit abgeschritten.
Im ersten Kapitel behandelt Sutton die Zeit von der Reformation bis zur deutschen Reichsgründung 1871. Es beginnt mit der Hinrichtung des Transmannes Heinrich Lohmann 1701 und macht so deutlich, dass das existenzielle Thema der Transidentität keinesfalls Folge einer neueren Mode ist. Der zweite Abschnitt »Sexuelle Moderne und Nationalbewusstsein: 1871–1918« schildert insbesondere die Entstehung der Sexualwissenschaft. Im folgenden Teil »Babylon Berlin? Befreiung, Gewalt und Politik in der Weimarer Republik, 1918–1933« wird unter anderem beschrieben, wie Berlin infolge von Massenarmut und Arbeitslosigkeit zum Zentrum des internationalen Sextourismus wurde. Gleichzeitig gingen Eheschließungen und die Geburtenrate dramatisch zurück. Die Reaktion der Nationalsozialisten wird im Kapitel »Pronatalismus und Verfolgung« dargelegt. Die beiden letzten Teile, »Liebe, Sex und Ehe im geteilten Deutschland« sowie »Sexuelle Entwicklungen und Revolutionen: Vom Rock ’n’ Roll zur Schwulenbewegung«, thematisieren unterschiedliche Entwicklungen und legen dar, dass sowohl emanzipatorische als auch reaktionäre Tendenzen Wurzeln haben, welche teilweise über die Weimarer Zeit hinausreichen. Die Schlussbetrachtung »Politische Übergänge: Transformationen seit dem Fall der Berliner Mauer« behandelt die Liberalisierung des Abtreibungsrechts und die Streichung des § 175 infolge der Wiedervereinigung, aber auch neuere reaktionäre Strömungen.
Die übergeordnete Fragestellung des Buches lautet: »Wie verändert die Auseinandersetzung mit dem Wandel der Vorstellungen von ›Normalität‹ unser Verständnis der Geschichte der Sexualität im modernen Deutschland?« (3). Es geht um gesellschaftliche und administrative Normierungsmechanismen. Die Autorin untersucht die vielfältigen und oft widersprüchlichen Definitionen von »normaler« und »natürlicher« Sexualität beziehungsweise nicht-normativer Sexualitäten und Geschlechtlichkeiten in den letzten zwei Jahrhunderten in Deutschland. Hilfreich und elegant wird am Ende der Kapitel jeweils deren Inhalt resümiert und eine Einführung in das folgende Kapitel gegeben.
Katie Sutton zeichnet nach, dass die »deutschsprachige Welt« einen entscheidenden Anteil am Verständnis der Sexualitäten hatte (5), und verknüpft gekonnt die zentralen Themen der modernen Sexualitätsgeschichte, Ehe, Prostitution, Homosexualität und Transidentitäten, mit den Wendepunkten der deutschen Geschichte vom 18. bis zum frühen 21. Jahrhundert. Sehr instruktiv und innovativ ist dabei der Vergleich der Entwicklungen in West- und Ostdeutschland während der Zeit von 1945 bis 1990. Ein vergleichbares Vorgehen wäre auch für das 19. Jahrhundert angemessen gewesen, denn in Bayern war gleichgeschlechtlicher Sex von 1813 bis 1872 straffrei, in anderen Teilen Deutschlands nicht. Dennoch, das Buch von Katie Sutton ist ein großer Gewinn, gleichermaßen für Studierende im ersten Semester wie für etablierte Wissenschaftler:innen.
Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:
Wolfgang Burgdorf, Rezension von/compte rendu de: Katie Sutton, Sexuality in Modern German History. 1800 to the Present, London, New Delhi, New York, Sydney (Bloomsbury Academic) 2023, XI–325 p., ISBN 978-1-350-01006-2, EUR 79,95., in: Francia-Recensio 2026/1, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115244





