Anne-Laure Alard-Bonhoures Dissertation ist unter der Schirmherrschaft von Laurent Feller entstanden, welcher der Arbeit auch eine wohlwollende Würdigung vorausgeschickt hat. Kernaspekte ihrer Studie hat die Autorin bereits veröffentlicht, unter anderem in der Revue historique und den Médiévales, in der Festschrift für Laurent Feller sowie in dem von Laurent Feller mitherausgegebenen Sammelband Économies de la pauvreté au Moyen Âge. In diesem Sinn ist das Buch zum einen als Synthese von bereits veröffentlichten Teilergebnissen zu begreifen; zum anderen präsentiert es sich als quellengesättigte Dokumentation einer langjährigen wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Verwaltungsschrifttum einer Grundherrschaft in Grenzlage, die wiederholt mit den Auswirkungen von Krieg und Bürgerkrieg zu kämpfen hatte.

Im Fokus der Aufmerksamkeit steht die kleine Benediktinerabtei Saint-Martin von Pontoise im französischen Teil des Vexin (41–56). Selbst in Spitzenzeiten beherbergte das Kloster in seinen Mauern kaum mehr als 20 Mönche. Greifbar werden die Religiosen für uns aber nur, wenn sie in den Blick der Verwaltung gerieten. Das in den Archives départementales du Val-d’Oise überlieferte Verwaltungsschrifttum der Abtei ist zwar umfangreich (Rechnungsbücher, Zinsrodel, Hefte etc.), beschränkt sich mit stupender Ausschließlichkeit aber auf eben diese Verwaltungsaufgaben bzw. das Verzeichnen von Besitz und Einnahmen (auch von Brückenzöllen), zunächst durch den Abt, später durch eigens dafür bestimmtes Personal. Geschlossene Serien sind es aber nicht, die erhalten geblieben sind, weder für die Abtei noch ihre acht Priorate, sondern lediglich Fragmente mit punktuellen Verdichtungen, die nicht erlauben, wirtschaftliche Konjunkturen nachzuzeichnen.

Alard-Bonhoures Studie ist in drei Teile gegliedert: Sie beginnt mit der Abtei und ihren Pächtern, Zinsern und Tagelöhnern, wendet sich im zweiten Teil den verschiedenen Einkünften zu (mithin dem Wandel von der Rente zum Zins), um im dritten Teil auf die Verschriftung der Verwaltungstätigkeiten zu blenden, die massiv an Umfang, aber nicht an Rationalität zunimmt. Der Text wird von 19 Graphiken, 31 Abbildungen und 39 Schaubildern begleitet und am Schluss um zehn Anhänge und eine Übersicht der einschlägigen Handschriften erweitert (327–377). Ob das in dieser Form für die Drucklegung alles nötig ist, bleibt dahingestellt. Auch in anderen Belangen wird deutlich, dass es sich um eine Qualifikationsarbeit handelt und nicht um ein Buch, das für eine größere Leserschaft konzipiert ist. Zu kleinteilig sind zum Beispiel die Unter- und Zwischentitel, und zu oft wird zu lange aus den Quellen zitiert. Nie geht der Blick der Autorin über die engen Grenzen der untersuchten Grundherrschaft hinaus; das heißt, es werden keine Vergleiche gezogen, obschon sich der umfangreichen Bibliographie im Anhang entnehmen lässt (379‑398), dass Vergleiche, selbst wenn sie sich nur auf Frankreich bezögen (denn anderes rezipiert sie nicht), durchaus möglich gewesen wären. Einzelne Resultate sind dennoch bemerkenswert: Dazu zählt unter anderem die zunehmende Bedeutung der Taglöhner für die Bewirtschaftung der Grundherrschaft sowie die Verdrängung der Bauern durch Städter als Pächter, die nicht mehr auf dem Land wohnten, das sie bewirtschafteten (und deren Pachtverträge oft von bemerkenswert kurzer Dauer waren).

Von der im Text vielfach beschworenen (aber nie hinterfragten) »Krise des Spätmittelalters« gewinnen in dieser Studie letztlich nur die Auswirkungen von Krieg und Bürgerkrieg plastisches Profil: In regelmäßigen Abständen wurden Reben und Felder verwüstet, wurde das Vieh zur Beute und die Landbevölkerung, ja selbst die Mönche, dazu gezwungen, in die Städte zu fliehen. Nicht alle Pächter kehrten zurück, und Felder, die zu wenig abwarfen, verwaisten.

Alles in allem ist das Bild, das Anne-Laure Alard-Bonhoure zeichnet, kriegsbedingt ein düsteres, weniger für die Abtei als vielmehr für die, die ihren Boden bestellten und ihre Reben kultivierten. Die Einnahmen der Abtei sanken im Vergleich zum 13. Jahrhundert zwar schon im 14. Jahrhundert drastisch um die Hälfte; allen Widrigkeiten zum Trotz überlebte sie jedoch unbeschadet (anders als zwei ihrer Priorate), ja sie ging am Schluss zwar nicht reicher, institutionell jedoch deutlich gestärkt aus den Wirren der Zeit hervor.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Gabriela Signori, Rezension von/compte rendu de: Anne-Laure Alard-Bonhoure, Richesses en crise. Gestion et écritures comptables à l’abbaye de Saint-Martin de Pontoise (années 1320–1490), Paris (Éditions de la Sorbonne) 2025, 417 p. (Histoire ancienne et médiévale, 197), ISBN 979-10-351-1011-6, DOI 10.4000/15ovf, EUR 25,00., in: Francia-Recensio 2026/1, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115306