Gewiss sind noch unzählige Personen am Leben, die zu beruflichen Zwecken eine Kurzschrift erlernt haben und beherrschen, überwiegend Frauen, die als Sekretärinnen gearbeitet haben. Dennoch kann man behaupten, dass das Zeitalter der Stenographie Geschichte ist. Die moderne Informationstechnologie basiert auf der Buchstabenschrift, der älteren und simpleren Methode zu schreiben. Doch in dem Maße, wie sie bei der rasanten Entwicklung der Computertechnik in den Hintergrund tritt, eröffnet sich die Welt der Kurzschrift als reizvolles Forschungsgebiet. Der einführende Beitrag von Boeddeker und McCay, »An Introduction to Shorthand and its Study«, umreißt dieses. Zur Pflege der Kurzschrift gehörte immer ein dezidiertes historisches Bewusstsein, doch der distanzierte Rückblick provoziert neue Ansätze. Die beiden Herausgeberinnen haben sich der Aufgabe angenommen, die zahlreich, aber vereinzelt aufkeimenden Projekte zu vernetzen. Dies gelang mit zwei Online-Tagungen in der Corona-Zeit, die in die vorliegende Publikation mündeten. Im Vordergrund der Einzelbeiträge stehen die soziokulturelle Würdigung stenographischer Schriftzeugnisse und die Herausforderung ihrer Entzifferung. Der Band bietet eine gelungene Mischung aus thematischer Fokussierung auf die neuzeitliche, von England ausgehende Entwicklung und Offenheit für das umfassende Phänomen.

Das neu einsetzende Interesse an der Geschichte der Kurzschrift profitiert von den Möglichkeiten der Arbeit mit digitalisierten Handschriften und der breiten Verfügbarkeit von Bildmaterial. Die reproduzierten Schriftbeispiele erleichtern nicht nur das Verständnis der vorgelegten Untersuchungen, sondern werben allgemein für die Beschäftigung mit dem vielfältigen, zuletzt viel zu wenig beachteten Material. Mit gezielter, nicht übertriebener Illustration entfaltet jeder Beitrag seine spezifische Faszination.

Die lateinische Stenographie ist prominent vertreten. Christoph Walter, »Tironian Notes and Legal Practice: The Use of Shorthand Writing in Early Medieval Legal Culture«, behandelt Schriftdenkmäler in Urkunden und Rechtshandschriften. Maximilian Gamer, »Writing the History of the Tironian Notes in the Sixteenth Century: Johannes Trithemius and Roman Shorthand«, würdigt die Pionierarbeit zur historischen Kurzschrift, die Trithemius an der Schwelle zur Neuzeit geleistet hat.

Es ist richtig, bei der potentiellen Leserschaft keine Grundkenntnisse vorauszusetzen. Alle Beiträge bemühen sich dementsprechend um einen einführenden Überblick, bevor sie ihre spezifische Thematik vertiefen. So wird in mehreren Artikeln eine dreistufige Entwicklung der modernen Kurzschrift deutlich, die sich in England vollzog. In den Handbüchern der ersten Phase gab der Autor seinen Lesern Anleitung zur Entwicklung ihrer eigenen Kurzschrift. Anwendungsgebiete waren persönliche Notizen, Entwürfe, Mitschriften von Predigten, Abschriften von Büchern, meist mit religiösem Hintergrund. Diese Epoche begann mit der Veröffentlichung der Characterie von Timothe Bright (1588) und erstreckte sich bis ins späte 18. Jahrhundert. Die folgende Phase war geprägt von der Bestrebung, präzise Schriftsysteme zu entwickeln, die eine zuverlässige Protokollierung in rechtlichen und parlamentarischen Zusammenhängen erlauben. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann eine dritte Phase, deren Vorreiter Einfachheit und leichte Erlernbarkeit in den Mittelpunkt stellten. Die Kurzschrift verließ damit das elitäre Umfeld. Jeder konnte sie ausüben. Als Diktatschrift wurde sie zu einem grundlegenden Werkzeug im Business.

Timothy Underhill, »The Use of Shorthand by Women and Girls in Early Modern England«, wendet sich gegen die falsche Vorstellung, dass die Frauen erst in späterer Zeit als Sekretärinnen in die Welt der Kurzschrift eingetreten sind. Die gewählten Untersuchungsgegenstände sind Handbücher aus dem Besitz von Frauen, Schriftdenkmäler von Frauen aus gelehrten Kreisen sowie kurzschriftliche Einträge in Rezeptbüchern. Mit diesem Interesse durchkämmt der Autor das Material in voller Breite, liefert jedoch nach meinem Eindruck eher genderübergreifende als genderspezifische Erkenntnisse.

David M. Powers, »The Three Codes of Adonijah Bidwell (1716‒1784)«, widmet sich den Manuskripten eines Predigers aus Massachusetts. Bidwell kombinierte unterschiedlichste Ideen, die Schrift im Hinblick auf eine verbesserte Schreibökonomie den eigenen Bedürfnissen anzupassen. Zu Elementen aus der stenographischen Tradition treten selbst erfundene Symbole und Methoden. Powers unterscheidet drei Ausprägungen dieser Handschrift mit einer jeweils typischen Mischung verschiedener Elemente. Die (nicht leicht nachvollziehbare) Systematik ist aus der Herkulesarbeit der Entzifferung erwachsen, auf der das Hauptaugenmerk des Beitrags liegt. Der Autor verdeutlicht zurecht, welchen Wert das Produkt solcher Arbeit für die Allgemeinheit besitzt. Eine schwer lesbare Handschrift wird als kryptisch empfunden, in der Folge erscheinen die Inhalte geheimnisumwoben und es kommt zu unkontrollierten Fehlurteilen. Diese zurechtzurücken, rechtfertigt die Anstrengungen um das Lesen von Kurzschrift.

Die Bedeutung der Stenographie für die Entwicklung der parlamentarischen Demokratie in den Vereinigten Staaten und in Frankreich thematisieren Teddy Delwiche, »Shorthand and the Informed Public in Early American Politics«, und Delphine Gardey, »Religion and Literacy, Parliaments and Business: Shorthand Writing in Great Britain and France, from the Sixteenth to the Nineteenth Century«.

Alfred W. Cramer, »The Romantic Melodic Code: What Stenography Tells Us About Mid-Ninteenth-Century Music«, stellt Bezüge zur musikalischen Sprache der Romantik her. Richard Wagner repräsentiert in seiner Musik bestimmte Ausdrücke durch wiedererkennbare Leitmotive, ähnlich wie Gabelsberger in seiner Redezeichenkunst Sprachliches in Figürliches übersetzt. Die strukturelle Verwandtschaft zwischen Melodien und stenographischen Linienzügen spiegelt sich auch in den metaphysischen Überlegungen der genannten Protagonisten.

Hugo Bowles und Claire Wood, »Decoding Dickens: Social Stenography and the ›Tavistock‹ Letter«, schildern zunächst, wie Charles Dickens (1812‒1870) die Arbeit als shorthand reporter und Kurzschriftlehrer in jungen Jahren zu einem Zuverdienst verhalf. Der ideosynkratische Schrifttypus, den er für seine eigenen Zwecke benutzte, basiert auf dem System der Brachygraphy, das von der Familie Guerney über mehrere Generationen entwickelt und propagiert wurde. Die Schwierigkeiten bei der Entzifferung der Manuskripte von Dickens führten zu einem preisgekrönten Projekt, das die interessierte Öffentlichkeit in die Arbeit einbezog. Die Autoren waren maßgeblich an der Verwirklichung beteiligt und berichten ihre Erfahrungen hautnah. Bemerkungen zu Vorgeschichte und Bedeutung ähnlicher Formen sozialer Interaktion in stenographischen Zusammenhängen lockern den Beitrag weiter auf.

Untersuchungen zur modernen und zur antiken Stenographie haben ganz unterschiedliche Voraussetzungen. Während die antike Kurzschrift seit langer Zeit erforscht wird und die Schriftdenkmäler insgesamt gut erschlossen sind, befinden sich entsprechende Ansätze für die Neuzeit noch in den Anfängen. Andererseits ist die Quellenlage für die Neuzeit ungleich besser, so dass das vollständigere Bild der modernen Kurzschriftkultur ein besseres Verständnis allgemeiner Phänomene erlaubt. Doch beide Felder zeichnen sich gleichermaßen durch das Forschungspotential aus, das in der Vielzahl ungelesener Dokumente liegt. Mögen alle Seiten von der initiierten Zusammenarbeit profitieren!

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Martin Hellmann, Rezension von/compte rendu de: Hannah Boeddeker, Kelly Minot McCay (eds.), New Approaches to Shorthand. Studies of a Writing Technology, Berlin, Boston (De Gruyter) 2024, 283 p., 21 b/w and 39 col. fig. (Studies in Manuscript Cultures, 41), ISBN 978-3-11-138233-3, DOI 10.1515/9783111382692, EUR 99,95., in: Francia-Recensio 2026/1, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115309