18 quellenbasierte Beiträge sind von einer methodisch und begrifflich orientierenden Einleitung (Benjamin Deruelle, Michel Hébert, »Du pouvoir de l’arbitraire à l’arbitraire des pouvoirs«, 11–32) sowie einer gewichtenden Zusammenfassung (Claire Dolon, »Conclusion«, 371–380), einer Auswahlbibliographie und Biogrammen der Autorinnen und Autoren gerahmt. Im Titel des Bandes wird die Spannung zwischen Distanz und Nähe der erforschten Gegenstände sprachlich eingefangen (im Deutschen etwa: »Herrschaftliche Willensentscheidung und schiedsrichterliche Vermittlung«). Exemplarische Fallstudien zu Frankreich, England und den iberischen Reichen umfassen den Untersuchungszeitraum, mit einem Schwerpunkt im 12./13. Jahrhundert für die rechtsgeschichtliche und vor allem im 14. und 15. Jahrhundert sowie in der Frühneuzeit für die herrschaftsgeschichtliche Analyse. Die Beiträge sind in vier Rubriken (»Affirmer et légitimer le pouvoir«, »Exercer le pouvoir arbitraire«, »Un arbitre sans arbitrage?«, »Le triomphe de l’arbitraire?«) chronologisch geordnet.
Ein Vergleich der Ergebnisse zu den untersuchten Regionen wird nicht dezidiert angestrebt und die einleitend begründete Begriffsverwendung nicht in allen Beiträgen analog angewandt. Der Gewinn des gewählten Ansatzes besteht in der Durchdringung eines ambivalenten Motivgeflechtes bei der Genese herrschaftlicher Zentralisierung und Juridifizierung und gleichzeitiger politischer und rechtlicher Formierung ständischen und regionalen Widerstandes. Der verbindende Fokus beider Prozesse liegt in der Spannung zwischen fürstlichem Willensentscheid und richterlicher Schlichtung, indem diese sowohl der Herrschaft zugesprochen als auch gegen sie in Stellung gebracht werden konnte. Situativer Anlass war jeweils eine Konfliktsituation, meist ausgelöst durch restriktive herrscherliche Entscheidungen. Der dadurch eröffnete, von Konflikten geprägte Diskurs zielte auf einen rechtlich noch nicht durchdrungenen Gestaltungsraum, weshalb in der Einleitung der Bezug zur fürstlichen Souveränität und zur Notwendigkeit der Entscheidung im Ausnahmezustand (souveraineté, necessité) hergestellt wird.
Ausgehend von kanonistischem, chronikalischem und brieflichem Textbestand zeigt Bruno Lemesle (»L’arbitraire du juge, des canonistes aux lettres papales [XIIe siècle–début du XIIIe siècle]«, 35–50) die Herausbildung der Rechtsvorstellung richterlicher Entscheidungsgewalt (herkommend von lat. arbitrium). Thibault Desmoulins (»La conception d’un système judicaire fondé sur l’arbitraire [XVIe siècle]«, 51–65) untersucht die nachmittelalterliche Genese der Vorstellung von Rechtsgewalt (pouvoir juridique) als richterlichem Willensakt (volonté). Mit Valentin Grandclaude (»Coopération locale et arbitraire royal: l’établissement des prévôts des maréchaux provinciaux dans la France de la Renaissance [v. 1474–v. 1530]«, 67–86) beginnt eine Folge von Beiträgen, die vor allem auf der Grundlage von Akten der Parlements die Anklagen gegen Amtleute wegen Willkürakten durch Appell an die herrscherliche Schlichtung (arbitrage royal) belegen. Alexandre Lepesteur (»Sortir des guerres de Ligue en Bretagne par l’arbitraire et l’arbitrage? Le parlement rennais et l’application de la politique royale«, 87–105) erkennt in dieser Schlichtung die Etablierung einer rechtlichen Normativität und betrachtet sie als Garantin der öffentlichen Ordnung. Eine außerordentliche Strafjustiz (desafuero) in Aragón als Praxis der Entscheidung in Krisen- und Ausnahmesituationen beschreibt Martine Charageat (»Le desaformiento en Aragon [XIIIe–XVe siècle]«, 109–126). Wie personalisierte Willensakte (bon plaisir) als Ausdruck fürstlicher Souveränität die Rechtsgrundlagen der Herrschaftsordnung in der Kulisse richterlicher Gewalt unterlaufen konnten, zeigt Élodie Lecuppre-Desjardin (»Affaires de coeur, affaire de cour. Quand le prince use de son ›bon plaisir‹ pour forcer au mariage dans la Grande Principauté de Bourgogne à la fin du Moyen Âge«, 127–142). Ebenfalls von neuer Normativität bei der Durchsetzung fürstlicher Willensakte (volonté) und Gnadenerlässe (lettre de grâce) als Ausdruck reklamierter Souveränität spricht Emmanuel Gerardin (»Arbitrer l’arbitraire entre Empire et Royaume. La légitimation de l’indépendance juridictionelle des ducs de Lorraine par l’exercice de la grâce durant la première modernité [XVe–début du XVIIe siècle]«, 143–165). Die Gerichtspraxis in Soldverbänden zwischen fürstlicher Gerichtsgewalt und Urteilsgewalt der Offiziere beschreibt Nicolas Handfield, »›[F]urent jugez de passer l’ung après l’aultre, parmi les picques‹. La justice des lansquenets face à l’arbitraire princier, 1480–1620«, 167–185). Ihre Abwehr fürstlicher Gerichtsgewalt basierte paradoxerweise auf deren basaler Anerkennung. Ähnliches zeigt sich bei Olivier Spina (»›Till that I know your further plesure what I shuld do in this matter‹. Arbitraire et arbitrage royaux autour de la trahison par les mots [Angleterre, 1534–1540]«, 187–204) in den Klageschriften gegen Gewaltexzesse von Dienstleuten, die als Appell an den Herrscherwillen (bon plaisir) als Schiedsinstanz gerichtet wurden. Josep Capdeferro (»Le libre arbitre de l’arbitre chez le chancelier de la Catalogne [XVIe–XVIIIe siècle]«, 205–218) beschreibt die besondere richterliche Stellung des Kanzlers gegenüber geistlichen wie weltlichen Angelegenheiten. Reformen zur Effektivierung von Justiz und Fiskalverwaltung konnten Widerstand und schriftliche Eingaben gegen Verwaltungsurteile provozieren, wie Jean-Yves Champeley, Samy Mechatte und Sébastien Savoy (»Les placets des sujets savoyards dans les projets de l’État monarchique au XVIIIe siècle«, 219–238) nachweisen. Im Gegenzug konnten Appelle an den persönlichen Willen des Fürsten (bon plaisir) und dessen Gnade (grâce) gegen richterliche Entscheide, die mit dem fürstlichen Willen begründet wurden, als Teilhabe an der Normierung der Rechtspraxis verstanden werden, wie Michel Hébert (»Le prince comme arbitre dans la supplique urbaine [Provence, XIVe–XVe siècles]«, 241–260) ausführt. Für Begnadigungsakte wurde der König auch als Schiedsrichter zwischen öffentlicher Ordnung und militärischer Handlungsfähigkeit bei Klagen gegen Militärangehörige angerufen, so Benjamin Deruelle und Quentin Verreycken (»Père du peuple ou roi de guerre? Arbitraire et arbitrage de la grâce des gens de guerre dans le royaume de France [1460–1559]«, 261–284). Nach Fanny Cosandey (»Arbitrer les conflits. Un exercice de toute-puissance [France, XVIe–XVIIIe siècle]«, 285–302) war der monarchische Absolutismus keine Tyrannis, sondern äußerte sich in einer Gerichtsgewalt, die nicht als Willkür (arbitraire) gelten sollte. Marie-Laure Legay (»L’arbitraire fiscal au XVIIIe siècle: acteurs, discours et réalités de gestion«, 305–319) kommt zu dem Schluss, dass Klagen gegen Finanzreformen und deren ausführende Kommissare nicht mehr als Appell an einen fürstlichen Willensakt, sondern als vertrauensbildende Verfahrenstechnik definiert wurden. Entsprechend konnten Rechtsentscheide Flexibilität und Pragmatik der Finanzverwaltung zeigen: Thomas Boullu (»Les arbitrages fiscaux et douaniers du Contrôle général des finances [XVIIe–XVIIIe siècles])«, 321–339). Anhand der ausgewerteten archivalischen Klageschriften wird durchgängig ein hohes Aufkommen an schriftlicher Kommunikation zur Erreichung königlicher Entscheide deutlich, wie Jérôme Loiseau (»Arbitraire fiscal et habilitation des États provinciaux de Bretagne, Bourgogne et Languedoc dans la seconde moitié du XVIIIe siècle«, 341–358) grundsätzlich betont. Emmanuel Berger (»De l’arbitraire des juges à l’intime conviction des jurés. Études sur l’adaptation d’un principe juridique d’Ancien Régime à l’époque de la Révolution française«, 359–369) weist auf den Zusammenhang von Konfusion in der Rechtspraxis und Vertrauensverlust in die Justiz hin, die als Ursache der beklagten Willens- und Willkürakte der Richter verstanden wurden.
Wie schon im Wortspiel des Titels angedeutet, tragen die in den Beiträgen vorgestellten Erkenntnisse überzeugend dazu bei, Vorstellungen einer linearen Entwicklung zu moderner Staatlichkeit zu dekonstruieren. Zu den »Grauzonen« der Macht in der Vormoderne zählte die faktische Bedeutung von Personalität in der Herrschafts- und Rechtspraxis, die Spielräume einer pragmatischen Gestaltung politischen Handelns offenhielt.
Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:
Martin Kintzinger, Rezension von/compte rendu de: Benjamin Deruelle, Michel Hébert (dir.), Arbitraire et arbitrage. Les zones grises du pouvoir (XIIe–XVIIIe siècle), Villeneuve d’Ascq (Presses universitaires du Septentrion) 2024, 406 p., 12 ill. (Histoire et civilisations), ISBN 978-2-7574-4237-1, EUR 28,00., in: Francia-Recensio 2026/1, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115317





