»Des textes oubliés?« ‒ vergessene Texte? ‒ fragt die erste Überschrift in der Einleitung des vorliegenden Bandes. Ja, die Texte, die hier präsentiert werden, haben als Geschichtsquellen jede Bedeutung eingebüßt und verblassen neben der erstklassigen Literatur ihrer Epoche. Doch eine breite handschriftliche Überlieferung lässt keinen Zweifel an der Beliebtheit der Schriften im späten Mittelalter. Als Kenner der Umstände hat der Herausgeber den richtigen Blickwinkel für eine Würdigung. Die Edition bietet Einblicke ins Erdgeschoss der Literaturgeschichte, detailreich, packend dokumentiert. Der Platz in einer Reihe, die den Klassikern der mittelalterlichen Geschichte verpflichtet ist, ist insgesamt sicherlich verdient.

Es geht um drei Werke aus Tours, dem Zentrum des mittelalterlichen Martinskults, um Texte, die im Pilgerwesen der Stadt verankert sind. Eine Translatio beschreibt die Reise der Martinsreliquien nach und durch Burgund über einen Zeitraum von 31 Jahren (846‒877), während ihre Heimat in Tours von Überfällen der Normannen heimgesucht wurde. Eine Mirakelsammlung zählt Wunder auf, die nach ihrer Rückkehr geschehen sind. Diese beiden Stücke spielen also im 9. Jahrhundert. Der dritte Text berichtet über das Leben der »Siebenschläfer«, sieben Cousins des heiligen Martin, in deren Schicksal Bezüge zu den bekannteren Siebenschläfern von Ephesus erkennbar sind. Hier geht es um fiktive Geschehnisse zu Lebzeiten des heiligen Martin im 4. Jahrhundert.

Jeder der drei Texte, deren Neuedition im Mittelpunkt des Bandes steht, wird in einer eigenen Einleitung kritisch untersucht. Dabei erhält der Leser Einführungen in die Geschichte der geistlichen Institutionen in und um Tours. Der Herausgeber zeigt, dass die drei Texte um die Mitte des 12. Jahrhunderts im Kollegiatstift der Basilika St. Martin verfasst wurden, und bestimmt enge Grenzen für ihre Datierung. Der gemeinsame Ursprung wurde in einer großenteils gemeinsamen handschriftlichen Überlieferung bewahrt. Erst die neuzeitliche Editionsgeschichte hat das Ensemble auseinanderdividiert.

Die Translatio trägt die Überschrift Textus Historie translationis in Burgundiam et relationis in Turoniam corporis beati Martini, »Geschichte von der Überbringung des Körpers des heiligen Martin nach Burgund und von seiner Rückkehr nach Tours«. Dem Text wurde ein fiktiver Briefwechsel mit Odo von Cluny († 942) vorangestellt. Das passt, denn Odo, ein Literat in der literaturarmen Zeit des frühen 10. Jahrhunderts, hatte seine geistliche Karriere als Kanoniker zu St. Martin begonnen, dem beschriebenen Geschehen stand er zeitlich nahe und als Verehrer des heiligen Martin ließ er sich in Tours begraben. Doch mit der Autorschaft des Textes hat Odo nichts zu tun ‒ sein Name ist nur Verzierung. Der Herausgeber legt die chronologischen Unstimmigkeiten offen und konfrontiert die berichteten Zerstörungen auch mit modernen archäologischen Erkenntnissen. Die inhaltliche Analyse ist in einer Tabelle (XLIX–L) zusammengefasst, die die fiktive Chronologie des vorliegenden Berichts den anderweitig bezeugten Aufenthalten des Martinsschreins gegenüberstellt. In Auxerre erfährt die Reise einen Wendepunkt. Es kommt die Frage auf, ob die Heilung eines Leprakranken dem durchreisenden Gast oder dem ortsansässigen Patron zuzuschreiben ist. Eine Art Gottesurteil, bei dem ein weiterer Erkrankter zwischen den konkurrierenden Heiltümern positioniert wird, fällt zugunsten des heiligen Martin aus (40‒47).

Foulons Untersuchungen zur Entstehung des Textes präzisieren ältere Erkenntnisse. Zeitlich am plausibelsten erscheinen die Jahre 1147‒1149, als König Ludwig VII. am Zweiten Kreuzzug teilnahm.

Unter der Überschrift Textus miraculorum post relationem beati Martini ad sepulchrum eius ostensorum, »Bericht über die Wunder, die sich nach seiner Rückkehr am Grab des heiligen Martin gezeigt haben«, folgt in der Edition wie in vielen Handschriften der Wunderkatalog. Bei seinem Erstdruck durch Baluze 1715 wurde Erzbischof Herbernus von Tours (890‒916 oder 891‒918) als Autor eingesetzt, in dessen Amtszeit die Wiedereinsetzung der Martinsreliquien fällt. Auch bei diesem Text kann Foulon die Herkunft aus dem Kollegiatstift nachweisen. Die Entstehungszeit grenzt er mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Jahre 1155/1156 ein. Der größte Teil dieser Schrift ist mit einer Sammlung der Mirakel am Grab des Girardus von Saint-Aubin († 1123) in Angers identisch, die 1153/1154 entstanden ist. Nur die Namen der Personen und Orte sind ausgetauscht. Die naheliegende Vermutung, dass man sich in Angers beim großen Vorbild des heiligen Martin bediente, kann Foulon als falsch erweisen. Die Version aus Tours ist die jüngere, aber zeitlich so dicht hinter dem Vorbild anzusetzen, dass Foulon das Phänomen auf die engen Beziehungen zwischen Angers und Tours zurückführt.

Der dritte Text, die Vita (prima) septem dormientium, dient dem Zweck, die Verehrung der Siebenschläfer und ihrer Grabhöhlen im Kloster Marmoutiers zu etablieren. Das Kloster gründet sich auf die Eremitage des heiligen Martin, in der diese Legende spielt. Sie präsentiert den Stammbaum von Martins Familie und versetzt sieben Cousins an den Ort des Geschehens, wo sie nach dem Vorbild der Siebenschläfer von Ephesus gemeinsam entschlafen. Mit einem fiktiven Widmungsbrief des Gregor von Tours wurde versucht, einen berühmten Autor vorzutäuschen ‒ eine passende Wahl, denn Gregor von Tours ist nicht nur als Verfasser der Libri de virtutibus sancti Martini, sondern auch einer Passio der Siebenschläfer von Ephesus bekannt. Doch es handelt sich um ein weiteres Produkt aus der Werkstatt der Martinsbasilika, wobei die Einteilung des Textes in Lektionen eine ursprüngliche Fassung für das Stundengebet erkennen lässt. Eine erweiterte Version wurde in Marmoutiers ausgearbeitet und von dort aus verbreitet (der Text dieser Vita secunda septem dormientium ist in einem Anhang beigegeben). Auch hier ist eine Kooperation zwischen den beiden Institutionen zu vermuten. Die Entstehungszeit fällt in die Jahre 1155‒1162.

Somit entsteht das Bild einer kontinuierlichen literarischen Arbeit im Dienste der Ortsheiligen. Wir lernen die Jahre um die Mitte des 12. Jahrhunderts als intensive Phase einer Tradition kennen, die Sulpicius Severus noch zu Lebzeiten des heiligen Martin begründete und die das Fundament für das Pilgertum nach Tours darstellte. Der Leser gewinnt den Eindruck, dass hierbei das Kollegiatstift der Martinsbasilika die führende Rolle spielte. Allerdings kündigt Foulon einen Editionsband mit sechs weiteren Texten an, die wie die Vita secunda in Marmoutiers zu verorten sind (»Annexe II«, 221–222). Auf den Vergleich darf man gespannt sein.

Der Editionsteil besitzt eine parallel geführte Übersetzung ins Französische und ist mit einem zweiteiligen Apparat für textkritische und für historische Anmerkungen unterfüttert. Alles beruht auf einer gründlichen Erschließung der Handschriftenbasis. Die Einführungen sind mit einer Reihe von instruktiven Karten und Übersichten ausgestattet. Am Ende des Bandes stehen Indizes der Zitate, der Orts- und der Personennamen. Die vorliegende Ausgabe erfüllt somit alle Ansprüche des historisch und philologisch interessierten Lesers.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Martin Hellmann, Rezension von/compte rendu de: Jean-Hervé Foulon (éd.), Histoire et Hagiographie au XIIe siècle. La production de la collégiale de Saint-Martin de Tours, Paris (Les Belles Lettres) 2025, CXCI–249 p. (Classiques de l’histoire au Moyen Âge, 60), ISBN 978-2-251-45723-9, EUR 55,00., in: Francia-Recensio 2026/1, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115318