Die Beiträge dieses Bandes gehen zurück auf das Kolloquium »Gerson am Rhein«, das 2022 in Straßburg, Basel, Colmar und Schlettstadt stattfand. Mit dem Fernziel einer Ausgabe ausgewählter Werke (Opera selecta) Johannes Gersons (1363–1429) hat man die Erforschung ihrer Rezeption zeitlich und räumlich eingegrenzt auf die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts und auf das Gebiet längs des Oberrheins. Der zeitliche Rahmen bot sich an durch die Dynamik, die der Übergang von der Handschrift zum Druck für die Verbreitung der Schriften G.s in Gang setzte, der räumliche Rahmen durch die Dichte an Klöstern, Städten, Adelssitzen und Universitäten, zu deren geistigem Leben G.s Werk Anlass und Material in Fülle bot.
Die Abschnitte I und II des Bandes legen das Hauptgewicht auf die materiale Seite der Ausbreitung dieser Werke, indem sie die noch vorhandenen Handschriftenbestände mit historischen und modernen Signaturen nach ihren Fundorten auflisten und u.a. über das bibliothekarische Prinzip des doppelten Katalogs informieren (Fournier, 73–82). In den Vordergrund treten einzelne Orte wie Basel, Straßburg, Freiburg aber auch Wien, und es zeichnen sich bevorzugte Themenkreise ab (Hobbins, 43–44): 1. pastorale Schriften zur geistlichen Leitung der Laien, 2. Handreichungen für Priester und Gläubige, 3. Schriften über die persönliche geistliche Lebenspraxis, 4. Kirche als Institution, 5. berühmte Fälle von weiterem Interesse. Beispielsweise ordnete die Erfurter Kartause G.s Schriften unter die Buchstaben D, E und F, die die drei Wege des geistlichen Aufstieges bezeichneten und durch eine gemeinsame Einleitung und ein Schlusswort verbunden waren (Fournier, 163–165).
Bemerkenswert ist das Prinzip des Bandes, in jedem Beitrag mit einer Fallstudie einzelne Persönlichkeiten oder Schriften in den Vordergrund zu rücken. So wird man z.B. mit dem Basler Dominikaner Albert Löffler bekannt, einem Kopisten und Büchersammler (Zahnd, 208), aber auch eigenwilligen Leser, der vor Zufügungen und Modifikationen im Text nicht zurückschreckte, die stellenweise thomistische Gedanken in G.s Text hineintragen (Signore, 263–266; Iribarren, 316–317). Ein Kuriosum stellt die intensive Rezeption der Schriften G.s durch die Dominikaner dar, obwohl er diesen Orden Zeit seines Lebens öffentlich bekämpft hatte. Die Untersuchung Zahnds zeigt jedoch, dass es die Schriften der geistlichen und moralischen Erneuerung, Devotio moderna, waren, die bei den Dominikanern auf Interesse stießen. Ebenso traf G.s Rat im Umgang mit Gewissensnöten bei ihnen auf Zustimmung: Bei unterschiedlichen Meinungen der Gelehrten über das Rechte, genüge die moralische Gewissheit, moralis certitudo, des Einzelnen (Grellard, 449–453). Der Dominikaner Johannes Nider arbeitet in seine eigene »Trostschrift für das verängstigte Gewissen« Zitate aus mehreren Schriften G.s im selben Sinn ein.
In G.s Traktat »Lob der Schreiber« konnten sich viele Mönche wiederfinden. Mit den Worten Signores (264): »a sort of lesson on scribal practice and editorial strategies, in which the French theologian praised scribes and the spiritual value of the labour of copying, in line with reforming ideals«. Die Rezeption des Traktates untersucht Iribarren bis hin zur Ära der gedruckten Vervielfältigung, in der Johannes Trithemius mit einer Schrift unter demselben Titel dem gewandelten kulturellen Kontext seiner Zeit Rechnung trug (307–312).
Gegenstand einer Fallstudie ist auch die Schrift »Berufung eines Sünders«, Appellatio peccatoris, eine Art Beichtspiegel in juristischer Terminologie, mit welcher der Sünder an Gottes Barmherzigkeit appelliert. Bei der Diskussion der Autorschaft G.s wäre von den Autoren (Hermann, Kirakosian, Wütherich, 347–355) die Schrift »Trost der Theologie« (ed. Glorieux, Bd. 9, Nr. 449, 190) aus dem Jahr 1418 zu berücksichtigen gewesen. Dort trägt G. die Theorie von den drei Curiae Gottes vor, denen je eine Eigenschaft Gottes vorsteht: die Gnade, die dem Sünder verzeiht, das Erbarmen, das ihn zurechtweist und bessert, und die Gerechtigkeit, die verurteilt und straft. Der Verurteilte hat hier wie dort das Recht, an Gottes Barmherzigkeit zu appellieren, die höher ist als seine Gerechtigkeit. Die Frage nach einer höheren oder niederen Gerechtigkeit ist auch durch genaue Übersetzung zu klären.1
In den Jahren nach G.s Tod treten Männer auf, die dem Straßburger Kreis christlicher Humanisten angehören oder zumindest nahestehen. Ihre Schriften enthalten viele Zeugnisse der Lektüre G.s. Beispielhaft untersucht Grellard die Modalitäten der Übernahmen gersonischen Gutes in Johannes Niders Schrift »Trostmittel für das verängstigte Gewissen«. Zunächst stellt er eine Typologie der Übernahmen auf (443), wobei er drei Haupttypen unterscheidet: 1. punktuelle Übernahmen pädagogischen Inhaltes, 2. eher technischer Gebrauch unter theoretischem Gesichtspunkt, 3. längere Zitate in argumentativer Funktion, die eine vollständige Abhängigkeit von G.s Denken enthüllen. Grellard zeigt, wie Nider G. »systematisiert«, indem er das Material aus dessen Schriften reorganisiert und damit eine »Gersonische Dogmatik« zu einigen Kernthemen der Moraltheologie neu erschafft (461). Für Jakob Wimpfelings Arbeit mit und an den Texten G.s gilt Ähnliches: Anhand des von ihm selbst edierten vierten Bandes der Opera omnia-Ausgabe von 1502 zeigen die Autorinnen Fabre und Sère an den Anmerkungen und graphischen Zeichen, wie Wimpfeling sich ein eigenes Bild G.s erschaffen hat. Auch sie erstellen eine Typologie der Hauptinteressen (617): 1. Ekklesiologisches, 2. Anklage des Missbrauchs der Kirche, 3. Programmatisches zur Bildung mit einem starken Bezug zur mystischen Theologie und zur Lehre von der Kontemplation. Derselbe Wimpfeling übertrug sein Gersonbild auf den längst verstorbenen Marsilius von Inghen, um – unter Rückgriff auf Ciceros rhetorische Methode im Laelius – das Ideal eines reformerisch gesinnten akademischen Lehrers der Via moderna zu erzeugen (Hoenen, 497–502).
Die Digitalisierung ermöglicht es heute, alles, was jemals gedruckt wurde, zu klassifizieren und bestimmten Druckern und Druckorten zuzuordnen. Zwei Beiträge befassen sich mit dem gedruckten Erbe G.s: Die Untersuchung von Roccati ordnet Titel, Namen und Zahlen, um am Ende eine Chronologie der Ausgaben aufzustellen (576–577), während Sère nicht nur die Druckerfamilien beleuchtet, sondern auch die reformerische Wirkung der Werke G.s innerhalb der Kirche einbezieht, die jedoch nur kurze Zeit dauerte, weil, wie die Autorin sagt, »den Werken Gersons das für eine rasche Umsetzung notwendige Programm fehlte« (604).
Der klug aufgebaute, inhaltsreiche Band zeigt Materialität und Spiritualität des Rezeptionsbegriffs als Akte der Aneignung. Die Fallstudien beleuchten exemplarisch einzelne Werke und Personen, deren oft gehörte Namen Gestalt gewinnen. Die Tatsache, dass der lebenslange Kanzler der Universität Paris seine früheste und intensivste Rezeption entlang des Rheins auf deutschem Boden erfahren hat, könnte das Interesse an seinen Werken bei deutschen Latinisten und Theologen steigern. Eine konsequentere Anwendung der typographischen Auszeichnungsmittel würde die Lesefreude noch erhöhen.
Corrigenda: S. 25 statt Anselm lies: Ambrosius; ebenso S. 277 Anm. 2. S. 70 Z. 8 lies: carnales. S. 141 Anm. 7 lies: considerationes. S. 147, 1. lies: Österreichische. S. 196 Z. 2 v. u. lies: Pforzheim. S. 210 Anm. 63 questum querere: »Gewinn erwirtschaften«. S. 246 Z. 4 veritas generalis: »allgemeingültige Wahrheit«. S. 247 lies: veritatum S. 279 Anm. 5 facere videmur: »wir stellen her«. S. 288 Anm. 33 lies: hic… legendus »dieser soll gelesen werden«. S. 293 Anm. 45 libera et meritoria: »freie und verdienstvolle«. S. 294 Anm. 46 bonum de genere: »für sich gut«. S. 298 Anm. 53 ecclesiae … veritas: »die Wahrheit der Kirche«. S. 300 lies: Schriftapostolat. S. 319 erster Abschnitt: zehn gleichartige Druckfehler. S. 444 Anm. 12 statt prae sine lies: prae fine. S. 446 Anm. 15 lies: Wilhelmo. S. 447 Anm. 16 lies: pensatis. S. 449 Anm. 19 lies: novum. S. 451 Anm. 25 lies: dialecticam; ebenda lies: concedendum. S. 489 Z. 2 v. u. lies: inferno. S. 628 letzte Z. lies: dari. S. 634 lies: christianae.
Ein gründliches Lektorat hätte sich für dieses schöne Buch allemal gelohnt.
Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:
Helga Köhler, Rezension von/compte rendu de: Isabel Iribarren (dir.), Gerson rhénan. Itinéraires culturels et circulation des textes dans l’Europe rhénane, XVe–XVIe siècles, Turnhout (Brepols) 2024, 656 p., 48 planches en n/b, 2 plans en n/b, 3 ill. en n/b, 21 ill. en coul. (Studia humanitatis rhenana, 6), ISBN 978-2-503-61075-7, EUR 125,00., in: Francia-Recensio 2026/1, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115321





