Das Große Abendländische Schisma (1378–1417) gehört zweifellos zu einem der am gründlichsten erforschten Gebiete der politischen Geschichte, ganz zu schweigen der Kirchengeschichte.1 Trotz allem gibt es Leerstellen, wichtige Aspekte, die lange Zeit weniger im Fokus der Forschung lagen und weitgehend ausgespart wurden. Die Auswirkungen der kirchlichen Krise auf die geistlichen Institutionen und insbesondere die konkreten Effekte auf das Leben der einzelnen Gläubigen wurden kaum erforscht. Dies mag mit einer Quellensituation zusammenhängen, die längst nicht für alle Fragestellungen gleichermaßen günstig ist, vor allem aber mit der Problematik, dass das überlieferte Quellenmaterial zunächst mühsam erschlossen und aufbereitet werden muss, um zu gesicherten Aussagen zu gelangen.
Der vorliegende, von zwei finnischen Historikerinnen herausgegebene Sammelband befasst sich explizit mit einem der beiden Desiderate, indem in exemplarischen Fallstudien verschiedene in Rom und seinem Umland beheimatete kirchlich‑religiöse Institutionen und deren vielfältige Probleme im Verlauf des Schismas mit unterschiedlichen Fragestellungen und aus mehreren Perspektiven untersucht werden. Bekannt ist, dass das Schisma für diese Einrichtungen in hohem Maße Belastungen und Erschwernisse mit sich brachte, gleichzeitig jedoch, so die Herausgeberinnen, auch Chancen generierte. Der Band ist in drei Abschnitte gegliedert, die auf eine kurze, den Kontext situierende Einleitung der beiden Herausgeberinnen (9–15) folgen.
Der erste Abschnitt »Setting the scene« spannt dabei mit drei Beiträgen (J. Rollo-Koster, »A tale of two cities« [17–47]; A. Jamme, »Plaidoyer pour les méchants!« [49–76]; R. Välimäki, K. Salonen, J. Karhu, »The Papal Curia and the religious orders […]« [77–111]) einen weiten Rahmen für die anschließenden Fallbeispiele. Exemplarisch schildert Rollo-Koster in ihrem Beitrag den Einfluss laikaler kommunaler Machtträger auf Entscheidungen im kirchenpolitischen Bereich, wie im Falle des Konklaves vom April 1378, entlang der Machtkämpfe zwischen den Orsini und Colonna in Rom und bei der Invasion der Stadt durch Durazzo von Neapel; für Avignon demonstriert sie dies anhand der beiden Belagerungen des Papstpalasts. Die Beispiele zeigen die Wechselwirkung, in der die kirchlich-klerikale und die weltlich‑laikale Welt zueinander standen und miteinander verknüpft waren.
Im zweiten Abschnitt »The international orders in the Roman setting« schließen sich vier Beiträge an, die exemplarisch die Zisterzienser (B. McGuire, »The Cistercians in the later Middle Ages: Reformation, Schism and survival« [115–143]), die Dominikaner (B. Sère, »Dominicans and the Great Western Schism« [145‑170]), die Serviten (E. Carletti, »Un nuova comunità religiosa a Roma durante il Grande Scisma d’Occidente« [171‑190]) sowie die Johanniterritter (I. García Lascurain Bernstorff, »Poverty, charity, Neapolitan binds and a Roman clan« [191–207]) in den Blick nehmen. McGuire analysiert die Probleme, die sich für einen zentralisierten Orden durch das Schisma ergaben: Der obligatorische Besuch der alljährlichen Generalkapitel in Cîteaux war nicht mehr zu realisieren, wodurch die Häuser der römischen Obödienz von der Zentrale de facto abgeschnitten waren. Die römische Obödienz versuchte eine eigene zisterziensische Administration aufzubauen, nicht zuletzt um Zugriff auf finanzielle Ressourcen zu gewinnen. Soweit die Generalkapitel stattfanden, wurde die Abwesenheit der römischen Obödienz negiert, die faktische Spaltung des Ordens nicht verbalisiert. McGuire kann zeigen, wie der Generalorden kirchenpolitisch lavierte, bevor er 1409 Alexander V. anerkannte und schließlich die Einheit im Orden wiederherstellen konnte. Das Beharren auf den alten Regeln war Teil der Überlebensstrategie. Sère weist am Beispiel der Dominikaner auf den schwierigen Umgang mit dem Papstschisma hin, das den papstnahen Predigerorden ebenfalls in die Spaltung trieb. Am Ende gelang jedoch die Wiederherstellung der organisatorischen Einheit, vor allem aber eine nachwirkende Schärfung des eigenen Selbstverständnisses als Stütze des Papsttums, das sich gegen konziliare Bestrebungen positionierte.
Der letzte Abschnitt »Negotiating the Schism in Rome« umfasst Beiträge von J. Palmer, »Ideal order and lived community: Rome’s urban clergy during the Great Western Schism« (211–239), T. Immonen, »The Cistercian community of Tre Fontane during the Schism« (241–253), A. Rehberg, »La crisi dell’Ospedale e dell’Ordine di Santo Spirito in Sassia […]« (255–291) und A. Esposito, »La comunità ebraica di Roma negli anni dello Scisma« (293‑306), die anhand einzelner Spezialfälle Wege zeigen, wie die oft schwierige Bewältigung des Schismas gelingen konnte, und welche Spielräume genutzt wurden. Palmer geht in seinem Beitrag auf die Probleme des niederen stadtrömischen Klerus ein. Der finanzielle Druck seitens der Päpste, die vom Stadtklerus verlangten, Gelder aufzutreiben, die aus dem mobilen Besitz der Kirchen nicht zu realisieren waren, zwang oft zum Verkauf eigentlich unveräußerlichen Immobilienbesitzes, wodurch die langfristige Sicherung des Einkommens gefährdet wurde. »Kreative« Methoden waren gefragt, z.B. die Sicherstellung der Leichname gestorbener Pilger, um daraus Kapital zu schlagen. Verstärkte Bemühungen um die Laien waren ein Weg, um an Schenkungen zu kommen. Dem Klerus eröffneten sich so neue Chancen, es brachte aber auch Verpflichtungen mit sich, etwa die Garantie privilegierter Grabplätze. Stiftungen liturgischen Geräts wurden z.B. mit dessen Unverkäuflichkeit verknüpft, um es vor einem Zugriff durch Papst und Kurie zu sichern. Am Beispiel der Zisterzienserabtei Tre Fontane, einige Kilometer außerhalb der Mauern Roms Richtung Ostia gelegen, zeigt Immonen das Auf und Ab dieses Klosters in den Wirren des Schismas, das durch immer wieder aufflammende Kämpfe im nahen Umfeld sowie die Zersplitterung und Entfremdung des umfangreichen Landbesitzes finanzielle Ressourcen einbüßte und darüber hinaus sein Geschäftsmodell als Wallfahrtsstätte zerstört sah. Zerrieben zwischen unterschiedlichen weltlichen und geistlichen Gewalten wurde das Kloster zum Spielball unterschiedlicher Interessen, für die das Wohlergehen der Abtei von sekundärer Bedeutung war. Auch Rehberg weist in seiner Untersuchung zum Hospital Santo Spirito in Sassia auf die enormen Belastungen infolge der militärischen Verwüstungen seiner großen Landgüter hin und macht zudem auf eine weitere Quelle finanzieller Belastung durch die Steuerforderungen Urbans VI. aufmerksam. Dagegen standen Einnahmen aus städtischen Steuerbefreiungen sowie aus zahlreichen Indulgenzen, den vielen Schenkungen aus privater Hand sowie den Geschenken, die im Jubeljahr 1400 von den zahlreichen Pilgern gemacht wurden, so dass der Hospitaliterorden die Schismazeit vergleichsweise gut überstand.
Insgesamt gibt der vorliegende Band einen guten Überblick über die Probleme kirchlich-religiöser Institutionen in Rom und dem näheren Umland, weist vielfach auf ihre enormen, nicht nur ökonomischen Belastungen hin, die eine direkte Folge des Papstschismas waren. Dies gilt, wie die Beiträge instruktiv zeigen, trotz aller Unterschiede zwischen einzelnen Ordensgemeinschaften oder auch einzelnen Häusern. Chancen, wie sie die beiden Herausgeberinnen sehen wollen, sind dagegen schwerer zu greifen.
Nicht zuletzt war der immense Geldhunger des gespaltenen Papsttums äußerst rufschädigend und damit eine Katastrophe mit Langzeitfolgen für die abendländische Kirche. Welche Auswirkungen dies auf die Verwurzelung der Kirche im Volk und für die Gläubigen hatte, wäre im Einzelnen jedoch noch näher, auch über die Grenzen Roms hinaus, zu untersuchen. Dazu liefert dieser Band zahlreiche Anregungen. Ebenso wäre es von Interesse, die avignonesische Obödienz unter diesem Aspekt stärker in den Blick zu nehmen.
Die vorliegende Publikation ist sorgfältig redigiert, nahezu fehlerfrei. Ein Register der vorkommenden Namen und Orte erschließt dem Leser den Band zusätzlich.
Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:
Ansgar Frenken, Rezension von/compte rendu de: Marika Räsänen, Kirsi Salonen (eds.), Religious Communities in Rome during the Great Western Schism, Rome (École française de Rome) 2025, 344 p. (Collection de l’École française de Rome, 626), ISBN 978-2-7283-1852-0, DOI 10.4000/14ibb, EUR 32,00., in: Francia-Recensio 2026/1, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115324





