Mit der Epistola de reprobacione nigromantice ficcionis verfasste der katalanische Arzt Arnald von Villanova († 1311), der v.a. für seine medizinischen Werke bekannt ist, einen kurzen Text über die Widerlegung der Nigromantie. Die maßgebliche Edition von Sebastià Giralt Soler erschien bereits 2005 als Band VII.1 der Reihe Arnaldi de Villanova Opera Medica Omnia (AVOMO). In seiner nur online publizierten Dissertation von 2002 übersetzte Giralt das Werk außerdem ins Katalanische.1 Auf Grundlage beider Veröffentlichungen legt Olivier Rimbault nun die erste französische Übersetzung sowie eine ausführliche inhaltliche Analyse der epistola vor.

Den Editionstext Giralts hat Rimbault einer kritischen Prüfung unterzogen und kann ihn so an immerhin zwei Stellen korrigieren. Dies betrifft zum einen die Korrektur von quas zu quos (70), der trotz der schlechteren Überlieferung der maskulinen Form zuzustimmen ist, da man die Stelle sonst so verstehen müsste, dass Arnald sich gegen seine eigenen Argumente richtet (premissas raciones scripsimus contra vulgares loquentes, quos/quas disputando impugnare vitamus). Die andere Korrektur ist inhaltlich noch gewichtiger. Sie betrifft die Stelle, an der von den Zauberbüchern Pseudo-Salomos die Rede ist (68). Mit dem recht einheitlich überlieferten Storch (ciconia) konnte Giralt nichts anfangen und vermutete, es sei an eine Inschrift zu denken, die bei Zauberpraktiken verwendet werde (Decus Arnaldi, Anm. 478). Rimbault gelingt nun die – auch paläographisch gut nachvollziehbare – Konjektur iconia bzw. iconica (arte); es würde sich demnach also um ein pseudo-salomonisches Werk mit dem Titel »Science des images« (69) handeln. Ein solches Werk lässt sich zwar nicht nachweisen, im Kontext der Stelle ist diese Erklärung, die im Kommentarteil (169–172) erläutert wird, aber sehr viel überzeugender als alle bisherigen Vermutungen.

Angesichts der kritischen Auseinandersetzung mit dem Editionstext ist es bedauerlich, dass dieser gewissermaßen »nackt«, d.h. ohne Variantenapparat und (von wenigen Worten im Einleitungsteil [41] abgesehen) ohne Angaben zur handschriftlichen Überlieferung, präsentiert wird. Zumindest eine Zusammenfassung der von Giralt erarbeiteten Beschreibung und Bewertung der Überlieferungsträger (AVOMO VII.1, 201–217) wäre wünschenswert gewesen. Auch hätte man den zurecht als »extrêmement complet« (51) bezeichneten textkritischen Apparat Giralts verschlanken können, indem man z.B. nach dem Leithandschriftenprinzip nur die relevanten Abweichungen von der Oxforder Handschrift (M) dokumentiert, die Giralt als die beste erkannt hat (AVOMO VII.1, 210). Alternativ hätte man die dem 14. Jahrhundert zuzuordnende Handschriftengruppe MZPL zugrunde legen können, deren übereinstimmende Lesarten ganz überwiegend den Editionstext konstituieren. Auch hinsichtlich der Relevanz der abweichenden Lesarten hätte man eine Auswahl treffen können und zwischen inhaltlich bedeutsamen (z.B. AVOMO VII.1, 226, Z. 161–162: in naturis et motibus planetarum oder in numeris et motibus planetarum) und wenig signifikativen Abweichungen (z.B. AVOMO VII.1, 228, Z. 200: igitur oder ergo) unterscheiden können.

Durchweg gelungen ist die französische Übersetzung, wobei die propagierte Balance zwischen Texttreue und übersetzerischer Freiheit (51) fast ausnahmslos gewahrt bleibt. Zu den wenigen Ausnahmen zählt die Wiedergabe von fetentes vetule (63) mit »les horribles vieilles«, für die ich – auch angesichts des von Rimbault selbst erwähnten locus communis der stinkenden Alten (63, Anm. 5) – keinen Grund erkennen kann.

Den größten Mehrwert gegenüber den Arbeiten Giralts bietet die eingehende inhaltliche Auseinandersetzung mit Arnalds epistola, die Rimbault in mehrere den Editionstext flankierende Kapitel aufteilt. In einem einleitenden Teil (15–49) werden grundlegende Informationen zu Leben und Werk Arnalds aufbereitet, wobei Rimbault gewissenhaft die belegbaren Fakten von den teilweise bis heute kursierenden Mythen trennt (18–26). Auch beschäftigt er sich ausführlich mit der wichtigen Unterscheidung zwischen necromantia und der titelgebenden nigromantia (29–40). Es folgen Angaben zu den bisherigen Editionen und zur (sehr überschaubaren) Forschungsliteratur. Die Einleitung beschließt eine Übersicht zur gedanklichen Gliederung des Werks in drei Haupt- und mehrere Unterkapitel, die einen hilfreichen Leitfaden für die Lektüre bietet.

Auf den Editionsteil folgt ein über 100 Seiten umfassender und mit sieben Abbildungen illustrierter Zeilenkommentar, der den lateinischen Text fast Wort für Wort erklärt und kontextualisiert (73–195). Rimbault geht es hier v.a. darum, für den Gedankengang des Textes zentrale Konzepte wie z.B. substantia, virtus, ratio, proportio usw. zu erklären, in ihrer philosophie- und theologiegeschichtlichen Entwicklung nachzuvollziehen und im Kontext der Nigromantie-Thematik zueinander in Beziehung zu setzen.

Diese sequentielle Lektüre des Textes wird ergänzt durch eine 70-seitige »synthèse historique« (197–269), die sich ausgehend von einer systematischen Betrachtung der von Arnald benutzten Quellen mit ausgewählten Fragestellungen beschäftigt, die für den Text als Ganzes konstitutiv sind und die unter dem Überbegriff der (Ir)rationalität zusammengefasst werden (Christentum und Heidentum, Medizin in Antike und Mittelalter, mittelalterliche Universität, Theologie und Dämonologie).

In der »Conclusion générale« (271–299) schlägt Rimbault einen Bogen zur Einleitung und betrachtet vor dem Hintergrund der in den Kommentarteilen gewonnenen Erkenntnisse erneut Leben und Werk des Autors; dabei fragt er insbesondere nach der Repräsentativität Arnalds und seiner epistola für den philosophisch‑theologischen Geist seiner Epoche. Rimbault beendet diesen Teil mit einigen anregenden, weit über das kurze Brieflein Arnalds hinausreichenden Überlegungen zur Rolle des Rationalen und des Magischen in den Diskursen der Philosophie und der Anthropologie in Vergangenheit und Gegenwart.

Die Gelehrsamkeit der Kommentarteile spiegelt sich in einem umfangreichen, allerdings weitgehend auf die französischsprachige Forschung begrenzten Literaturverzeichnis (301–319), das zusammen mit einem – leider recht knappen und auf einige lateinische Schlüsselbegriffe beschränkten – Index (321–322) den Band beschließt.

Insgesamt zeugt Rimbaults kommentierte Edition nicht nur von großer Sachkenntnis, sondern auch von einem feinen Sinn für die vielfältigen philosophischen und theologischen Perspektiven, die sich bei der Lektüre von Arnalds bescheidenem Werk eröffnen. Beispielhaft erweist sich hier, dass auch ein wenig beachtetes opusculum – »un texte très court, et somme toute marginal et secondaire dans la production d’Arnaud de Villeneuve« (40) – eine eingehende Analyse und Interpretation verdient.

1 Sebastià Giralt Soler, Decus Arnaldi: Estudis entorn dels escrits de medicina pràctica, l’ocultisme i la pervivència del corpus atribuït a Arnau de Vilanova, https://www.tdx.cat/handle/10803/5542.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Niels Becker, Rezension von/compte rendu de: Olivier Rimbault (éd.), Lettre sur l’imposture de la magie nigromantique. Arnaud de Villeneuve. Magie et rationalité chez un penseur du XIIIe siècle, Turnhout (Brepols) 2025, 322 p., 5 ill. en n/b, 2 ill. en coul. (Témoins de notre histoire, 24), ISBN 978-2-503-61323-9, EUR 105,00., in: Francia-Recensio 2026/1, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115325