Im Jahr 1940 fasste Marc Bloch seine Überlegungen zur Niederlage der französischen Armee nach dem deutschen Angriff in einem Manuskript zusammen, das posthum unter dem Titel Étrange défaite veröffentlicht wurde. Barbara Schlieben erwähnt dieses Werk mehrfach in ihrem bedeutenden Buch über die Meditationes oder Praeloquia von Rather von Verona und über das Polipticum quod appellatur perpendiculum von Atto von Vercelli. Schlieben analysiert beide Werke im Lichte eines neuen Interpretationsparadigmas, das sie als »Gegenwartsschreibung« bezeichnet. Damit meint sie »die Darstellung offener Gegenwart, die ohne zeitlichen Fluchtpunkt auskommen muss« (4).

Es handelt sich um eine Darstellung, die sich in den Werken der beiden Bischöfe des 10. Jahrhunderts ausgehend von zwei überzeitlichen »Verfahren« herausbildete und auch in anderen historischen Phasen zur Strukturierung der Analyse der Gegenwart beigetragen haben: die Begriffe »Kategorie« und »Prognose«. Die Analyse dieser Begriffe auf einer allgemeinen epistemologischen Ebene und exemplarisch in Bezug auf die Werke von Rather und Atto steht im Mittelpunkt von Schliebens Buch. Es ist in vier Kapitel gegliedert, denen eine wichtige Einleitung vorangestellt ist, und beginnt mit einer gründlichen historiographischen Rekonstruktion, die sich mit der Frage des Ausschlusses der Gegenwart aus der historischen Analyse befasst. Wie Schlieben uns erinnert, hat dieser Ausschluss oft zu einer von Vorurteilen geprägten Lesart mittelalterlicher Quellen geführt, die die Abwesenheit des »Begriffs von Gegenwart« im Mittelalter postulierte. Dadurch wurde die Bedeutung von Werken wie den Meditationes oder dem Polipticum verkannt. Schlieben gelingt es hingegen durch ihre Untersuchung, »die Frage nach dem Verhältnis von eher theoretisch-programmatischen Aussagen und der je spezifischen Praxis von Gegenwartsschreibung« (14) auf innovative Weise zu beantworten. Dabei ist ihr bewusst, dass sie sich auf Neuland begibt.

Den ersten Schritt in dieses Neuland unternimmt sie im ersten Kapitel mit einer »Begriffsbestimmung der Gegenwarten«, die von der Postmoderne ausgeht und rückblickend zu den »frühmittelalterlichen Gegenwarten« gelangt. Diese terminologischen Überlegungen werden durch einen historiographischen Überblick über das regnum Italiae im 10. Jahrhundert ergänzt. Dabei erinnert Schlieben daran, dass das Paradigma der »feudalen Anarchie«, das lange Zeit die italienische Mediävistik dominierte, erst seit etwa vierzig Jahren endgültig aufgegeben wurde, zugunsten von Rekonstruktionen, die die relative politische Stabilität bis 1080 hervorheben.

Wenn wir diese neuen Forschungsperspektiven akzeptieren, wie es Schlieben tut, dann sollten auch die beiden Werke von Rather und Atto nicht einfach als Antwort auf eine Krise gelesen werden, sondern als Ausdruck neuer Sicht- und Interpretationsweisen der Gegenwart. Ihre Untersuchungen der Gegenwart fanden ihre Daseinsberechtigung in ihrem »Amt« als Bischöfe, auch wenn beide dieses Amt in unterschiedlicher Weise gegenüber dem König und ihrer »Herde« ausübten. Wichtig war aber auch ihr kultureller Hintergrund, den Schlieben anhand einer reichhaltigen Bibliographie ausführlich rekonstruiert. Ausgehend von diesen Elementen führten ihre besonderen biographischen Umstände sie zu einer gemeinsamen Entscheidung, die mit der Tradition brach: über die Gegenwart nachzudenken, anstatt ihre Vergangenheit zu rekonstruieren. Damit leiteten Rather und Atto einen bis heute wenig erforschten Gattungswechsel ein.

Die Art und Weise, wie sie dieses Projekt umsetzten, war jedoch unterschiedlich. Mit seinen Meditationes schrieb Rather ein Werk, das Schlieben dem Modell der »kategorialen Gegenwartsschreibung« zuordnet, da es versuchte, die Gegenwart »über eine Systematisierung sozialer Gruppen und ihrer relationes« zu rekonstruieren (18). Mit seinem Polipticum entwickelte Atto hingegen »den Typus der ›prognostischen Gegenwartsschreibung‹, in der mittels einer Prognose narrativ ein hypothetischer Fluchtpunkt gesetzt wird, der es ermöglicht, die Gegenwart zu strukturieren« (18).

Die Gegenwartsschreibungen der beiden Bischöfe unterschieden sich zwar in ihrer Art, verwiesen jedoch auf ein gemeinsames kulturelles Universum, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung. Eine zentrale Rolle spielten dabei die Bibelkommentare vieler Autoren und die Werke von Boethius, insbesondere diejenigen, die sich mit den aristotelischen Kategorien befassten. Diesem Universum ist das zweite Kapitel gewidmet, in dem Schlieben auch daran erinnert, wie Atto, gerade »mit Boethius im Gepäck« (142), sich mit dem Dilemma auseinandersetzte, wie man der Prognose (nicht der Prophezeiung!) angesichts einer von chaos geprägten Gegenwart Wert beimessen könne.

Dieses chaos, das durch die Usurpation der königlichen Macht entstanden war – eine Macht, die ihre Legitimität vor allem in der Unterstützung durch die Bischöfe und die parentes, also im neuen Modell der Vertikalisierung der Herrschaft (367), gefunden habe –, und seine Rolle bei der Entstehung des Polipticum ist Gegenstand des dritten Kapitels. Darin bietet Schlieben eine aktualisierte historiographische und philologische Analyse des Polipticum und schlägt anstelle der üblichen Datierung (ca. 952–958) eine neue vor. Atto habe laut Schlieben dieses kryptische und obskure Werk ohne explizite Verweise auf Personen und Ereignisse in den Monaten zwischen der Wahl Berengars II. zum König – den Atto unterstützte, weil er ihn für legitim hielt – im Dezember 950 und der Ankunft Ottos – für ihn der Inbegriff eines illegitimen Königs – in Italien im August 951 verfasst. In diesem Zusammenhang habe er seine »prognostische Gegenwartsschreibung« konzipiert, die sich an einen engen Kreis von Zeitgenossen, insbesondere Bischöfe, richtete. Unter ihnen, so vermutet Schlieben, sei vielleicht gerade Rather der wichtigste Gesprächspartner gewesen, der erst einige Jahrzehnte zuvor zum ersten Mal im Gefolge von Hugo von Provence nach Italien gekommen war. Von Hugo hatte er den Bischofssitz von Verona erhalten, den er in der Folge wiederholt verlor und zurückeroberte, als er mit Otto und dessen Sohn Liudolf in das regnum Italiae zurückkehrte.

Die Abfassung seiner Meditationes, mit der sich Schlieben im vierten Kapitel befasst, erfolgte jedoch zwei Jahrzehnte vor diesen Ereignissen und dem Polipticum. Er verfasste sie während seiner Gefangenschaft in Pavia (934–936) und dem anschließenden Exil in Como (936–939). Gerade sein Exilzustand – der eine lange politische und literarische Tradition evoziert, die Schlieben hervorragend rekonstruiert hat – veranlasste ihn, die Gesellschaft, in der er lebte, zu beschreiben. Diese war gekennzeichnet durch soziale Mobilität und asymmetrische, bipolare hierarchische Beziehungen zwischen einer »plötzlichen Gegenwart«, in der die verschiedenen sozialen Akteure momenthaft handelten, und einer »breiten Gegenwart«, in der die sozialen Beziehungen offen auf die Zukunft ausgerichtet waren (368).

Die hier genannten Themen sind nur einige von vielen, die in Schliebens Buch behandelt werden. Nützliche Schlussfolgerungen fassen das in den vorangegangenen Kapiteln dargestellte komplexe Gesamtbild zusammen, das auf einer sorgfältigen Analyse der Quellen und einer fundierten Kenntnis der internationalen Geschichtsschreibung basiert. Schliebens Buch ist nicht nur generell wichtig, weil es ein neues Forschungsgebiet, die Gegenwartsschreibung, eröffnet, sondern auch für die italienische Mediävistik von großer Bedeutung, da es eine innovative Interpretation der komplexen Geschichte des regnum Italiae in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts und seiner Akteure bietet.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Giuseppe Albertoni, Rezension von/compte rendu de: Barbara Schlieben, Gegenwart schreiben im 10. Jahrhundert. Deutungen der eigenen Zeit in Rathers Meditationes und in Attos Polipticum, Berlin, Boston (De Gruyter Oldenbourg) 2024, 451 S., 1 Karte (Europa im Mittelalter, 30), ISBN 978-3-11-055620-9, DOI 10.1515/9783110556209, EUR 99,95., in: Francia-Recensio 2026/1, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115327