In den vergangenen Jahren hat sich die Forschung zum Verhältnis von Mensch und Umwelt im Mittelalter deutlich intensiviert. Dabei richtet sich das Interesse vermehrt auf die Wechselwirkungen zwischen dem Menschen und seiner Umwelt sowie auf die Gestaltung ökologischer Rahmenbedingungen. Der Sammelband Environnement et sociétés au Moyen Âge, herausgegeben von Corinne Beck, Fabrice Guizard und Marie-Odile Rousset, liefert einen thematisch, chronologisch und geographisch breit angelegten Überblick und folgt einem interdisziplinären Ansatz.

Angefangen bei unwirtlichen Zonen wie Sumpfgebieten und Wüsten bis hin zur Nutzung artenreicher und fruchtbarer Landschaften zeigt der Sammelband seine besondere Stärke: Er erweitert den Blick über den westeuropäischen Rahmen hinaus und eröffnet damit eine deutlich breitere Perspektive auf mittelalterliche Umweltbeziehungen. Die thematischen Schwerpunkte liegen einerseits auf den unterschiedlichen Ausprägungen menschlichen Einflusses sowie gemeinschaftlich organisierter Ressourcennutzung. Andererseits rückt der Band menschliche Anpassungsstrategien an extreme Lebensräume in den Fokus.

Auf die Einleitung, die zugleich als Plädoyer gegen eine rein anthropozentrische Umweltgeschichtsschreibung gelesen werden kann und sowohl einen umfassenden Forschungsüberblick liefert als auch laufende Projekte vorstellt, folgen vier Kapitel: Das erste Kapitel »Aménager« thematisiert langfristige Veränderungen der Natur durch menschlichen Einfluss. Izdebski nutzt Pollendaten als Spiegel von Kontinuitäten, sich wandelnden politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten und der Modifizierung landwirtschaftlicher Aktivität. Mit einem ähnlichen Thema beschäftigt sich Viaut, der die Rolle von Burgen und Schlössern in Südfrankreich als Wohnsitze der Eliten und deren Beitrag zum Schutz des Waldes beleuchtet. Die Anpassung des Menschen an eine lebensfeindliche Umgebung problematisiert Lestremau am Beispiel Fenlands in England. Obwohl eine Trocknung der Sümpfe erfolgte und Flüsse kanalisiert wurden, blieb es ein Feuchtgebiet, was erhebliche gesundheitliche Schwierigkeiten sowie Herausforderungen bei der Besiedlung und dem Landverkehr bedeutete. Tranchant zeigt, dass sich Betreiber mittelalterlicher Häfen mit ähnlichen Problemen konfrontiert sahen, und beschreibt das ständige Ringen um ein Gleichgewicht zwischen den Anforderungen der Schifffahrt und den sich wandelnden Umweltbedingungen. Den Besitz von Gewässern in der Region um Turku im heutigen Finnland und die Gewährleistung ihrer gerechten Nutzung thematisiert Boestad.

Ebenfalls um die Organisation und Bewahrung gemeinschaftlicher Ressourcen geht es im ersten Beitrag des zweiten Kapitels »Administrer, gérer, préserver«. Im Fokus stehen königliche Regularien aus Paris, deren Inhalt von Fischern selbst geprägt wurde. Sie zeigen sowohl Ansätze eines Ressourcenschutzes als auch den Versuch, ein wirtschaftlich bedeutendes Gewerbe zu kontrollieren, so Bretthauer. Aus den von Rozanès untersuchten und zwischen dem 13. und frühen 15. Jahrhundert entstandenen Statuten aus dem unteren Rhonetal gehen Ausschlusskriterien und Strafen in Bezug auf gemeinschaftlich genutzte Bereiche wie Weiden, Gewässer sowie die Abfallwirtschaft hervor. Vanz präsentiert in ihrem Beitrag die gemeinsame Instandhaltung unterirdischer Kanäle in der Zentralsahara. De Larivière untersucht in ihrem Beitrag die Verschmutzung der Lagune von Venedig anhand eines Berichts des Patriziers Marco Cornaro um 1450. Neben den Herausforderungen der Gezeiten war die Instandhaltung der Wasserwege in Venedig auch durch menschliche Einflüsse erschwert: Zurückgelassenes Fischereigerät, Holz- und Haushaltsabfälle sowie Rückstände aus Märkten und Schlachthöfen verstopften die Kanäle. Im Zentrum stand die Sorge um das ökologische Gleichgewicht und die maritime Infrastruktur, auf der Venedigs wirtschaftliche Stärke beruhte.

Im dritten Kapitel »Représenter et percevoir« widmen sich zunächst Constans und Czerbakoff zwei Jagdtraktaten aus dem 13. Jahrhundert, die einen Einblick in mittelalterliches Tierwissen bieten. Beide bezeugen den Aufstieg eines pragmatischen zoologischen Wissens, das aus der Beobachtung erwuchs und wertvolle Erkenntnisse über die mittelalterliche Umwelt vermittelt, geprägt von vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Mensch und Tier. Blesbois präsentiert wiederum den mittelalterlichen Garten als Spiegel menschlicher Beziehungen sowie der Umweltwahrnehmung mittelalterlicher Gesellschaften. Letzteres illustriert Dumasy-Rabineau anhand von Karten aus Fenland, Venedig und Beauvaisis (überwiegend aus dem 15. Jahrhundert). Denn der Grund für die häufige und präzise Kartierung fragiler und artenreicher Ökosysteme war das Bewusstsein um ihre Vulnerabilität und Dynamik. Vagnon diskutiert auf Grundlage des Liber insularum archipelagi (15. Jahrhundert), inwiefern Menschen sich ihrer Umwelt anpassten oder versuchten, sie zu dominieren. Eychenne zeigt anhand der Chronik des Ibn Ḥiǧǧī, dass Klima oder Umwelt in den Quellen meist nur dann Erwähnung finden, wenn außergewöhnliche Anomalien mit spürbaren sozioökonomischen Folgen auftraten. Dies erschwert die Rekonstruktion »normaler« Umweltbedingungen.

Im vierten Kapitel »Exploiter: prélever, extraire et transformer« verweisen Shindo, Blondel und Labbas auf das Potenzial der Analyse von Jahresringen für die Rekonstruktion ehemaliger Waldlandschaften, Wachstumsbedingungen, verfügbarer Ressourcen und Transportwege. Bernier konzentriert sich in seiner Arbeit auf letztere und macht anhand von Wasserwegen – französischen Flüssen und Nebenflüssen des atlantischen Beckens – den Ausbau von Infrastrukturen im Frühmittelalter deutlich. Galano betont in ihrem Beitrag zur Lagune von Montpellier, dass nicht nur die Ausbeutung der Natur, sondern auch der gezielte Anbau von Pflanzen als bedeutender menschlicher Eingriff in die Natur zu bewerten ist. Sie unterscheidet verschiedene Grade menschlicher Intervention, die auf eine Verbesserung des Lebensraums abzielten. Schließlich rundet eine Zusammenfassung Fellers den Band ab, in der er darauf hinweist, dass die Beiträge vielseitige und kontextabhängige Umgangsweisen mittelalterlicher Gesellschaften mit ihrer Umwelt sichtbar machen. Allerdings bleiben die Beiträge überwiegend als alleinstehende Einzelbeispiele nebeneinanderstehen, sodass sich nur begrenzt übergreifende Synthesen ergeben.

Insgesamt zeichnet sich der Band durch seine thematische Vielfalt und seinen interdisziplinären Zugang aus. Die Beiträge zeigen, dass Umweltbedingungen den Handlungsspielraum mittelalterlicher Gesellschaften wesentlich prägten und vielfältige Formen der Anpassung und Nutzung hervorbrachten.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Verena Weller, Rezension von/compte rendu de: Environnement et sociétés au Moyen Âge. LIVe Congrès de la SHMESP (Poitiers, 11–14 mai 2023), Paris (Éditions de la Sorbonne) 2024, 411 p., ill. (Histoire ancienne et médiévale, 196), DOI 10.4000/12loc, ISBN 979-10-351-0992-9, EUR 30,00., in: Francia-Recensio 2026/1, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115329