Unter dem Namen »gregorianische Reform« – nach ihrem prominentesten Vertreter Gregor VII. (1073–1085) – werden gemeinhin die umfassenden Erneuerungsbestrebungen innerhalb der römischen Kirche von Leo IX. (1048–1054) bis Calixtus II. (1119–1124) zusammengefasst, in deren Verlauf sich Kirche und Papsttum als unabhängige Instanzen und politische Machtfaktoren in Europa etablierten. Stefan Weinfurter sprach im Zusammenhang mit den tiefgreifenden sozialen, kulturellen und politischen Auswirkungen gar von einer »Entzauberung der Welt«.1
Der 2025 erschienene Sammelband Communautés déchirées? (»zerrissene Gemeinschaften«) fixiert die Ergebnisse einer gleichnamigen Tagung in Angers im Jahr 2021. Herausgeber Tristan Martine versammelt hier 13 Detailuntersuchungen zu den unmittelbaren Auswirkungen der Reformtätigkeit auf lokale »Gemeinschaften« in West- und Mitteleuropa. Der Band befasst sich also weniger mit den großen Konfliktlinien zwischen sacerdotium und imperium, sondern widmet sich den konkreten Folgen der Kirchenreform »vor Ort« und deren Wahrnehmung und Einordnung durch die beteiligten bzw. betroffenen Gemeinschaften. Die Autoren aus Deutschland, Frankreich, Irland, Italien, Spanien und dem Vereinigten Königreich untersuchen, inwieweit Gemeinschaften infolge von Reformbemühungen gespalten, gestärkt, transformiert oder neu zusammengesetzt wurden. Der Gemeinschaftsbegriff wird dabei bewusst weit ausgelegt und umfasst sowohl kirchliche als auch weltliche Gruppen, die jeweils als »Gemeinschaft« interpretiert werden (12).
Der Herausgeber zeichnet den »moment grégorien« zum Auftakt als komplexe Entwicklung innerhalb der europäischen Kirche, betont die unterschiedlichen nationalen Perspektiven und macht den Wert lokaler und sozialer Untersuchungen deutlich (7–12). Anschließend zeigt Patrick Henriet in seiner Einführung unter dem Titel »Les communautés déchirées, entre complexité historique et ›pangrégorianisme‹« am Beispiel von Toulouse und Mailand, wie Reformer und Reformbemühungen bestehende Konflikte beeinflussen konnten, und arbeitet heraus, dass es sich bei der Reform keineswegs um eine allumfassende »Revolution« gehandelt hat (13–24). Henriet arbeitet dabei richtigerweise heraus, dass Konflikte innerhalb oder zwischen Gemeinschaften, nur weil sie in die Zeit der gregorianischen Reform fallen, keineswegs »gregorianischen« Ursprungs sein müssen (24). Er warnt eindrücklich davor, die Reformbestrebungen als universelle Erklärung für Konflikte (»pangrégorianisme«) heranzuziehen.
Der Hauptteil des Bandes ist inhaltlich in drei Großkapitel gegliedert. Das erste, »Oppositions et redéfinitions au sein des communautés ecclésiastiques« (25–96), das sich mit innerkirchlichen Spannungen beschäftigt, beginnt mit einer Untersuchung des Reformkonzils von Reims 1049. Laurent Jégou beschreibt das Konzil als symbolisches, aber zugleich konfliktgeladenes Ereignis, das trotz demonstrativer Einheit nach außen von Machtkämpfen und internen Spannungen geprägt war (27–44). Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der »géographie conciliaire« (36), die Jégou anhand der Sitzordnung entfaltet, die er aus den Beschreibungen der Historia dedicationis ecclesiae beati Remigii des Anselm von Saint-Remi rekonstruiert (38); hervorzuheben sind hier insbesondere die instruktiven Graphiken (38–40). Jean-Hervé Foulon stellt das Kloster Marmoutier in den Mittelpunkt seiner Untersuchung, verfolgt die Auswirkungen der Reformbewegung auf die Gemeinschaft über einen Zeitraum von 100 Jahren hinweg und zeigt, wie es Marmoutier gelang seine innere Einheit, seine Autonomie und religiöse Identität durch eine Verbindung von Schutz, Memoria und strategischen Allianzen langfristig zu sichern (45–66). Hannes Engl beleuchtet mit den erheblichen Machtverschiebungen zwischen Papst, Bischöfen und lokalen Gemeinschaften in Lothringen im späten 11. und frühen 12. Jahrhundert die möglichen Auswirkungen der Reform auf die kirchlich-politischen Verhältnisse (67–78). Sebastian Gensicke weist anhand der Konflikte um die Nachfolge von Manasses II. von Reims (1096–1106) und des daraus resultierenden Schismas 1106–1108 infolge der päpstlichen Einflussnahme auf die Wahl nach, dass lokale und laikale Interessen und politische Einflussnahmen trotz der Reformbemühungen weiterhin bedeutende Faktoren bei der Bestimmung von (Erz-)Bischöfen blieben (79–96).
Das zweite Großkapitel, »Des communautés urbaines déchirées?« (97–152), widmet sich Konflikten innerhalb von Städten bzw. städtischen Gemeinschaften. Den Anfang macht Paolo Tomei mit einer kleinteiligen Untersuchung der Veränderungen im sozialen Gefüge von Lucca unter der Herrschaft von Mathilde von Tuszien († 1115), einer der zentralen Figuren im Konflikt zwischen Gregor VII. und Heinrich IV. (99–112). Isabelle Rosé befasst sich mit der Spaltung der Mailänder Gesellschaft durch die Reformergruppe der pataria, und legt einen besonderen Fokus auf Petrus Damianis Bericht über seine Legation nach Mailand (113–128)2. Amancio Isla untersucht den Konflikt zwischen Bischof Diego Gelmírez (1101–1140) und den alteingesessenen Kanonikern von Santiago de Compostela und zeigt deutlich, dass innerkirchliche Konflikte dieser Zeit keineswegs immer Folgen von Reformtätigkeit waren (129–152).
Im dritten Großkapitel, »Communautés ecclésiastiques et aristocratie laïque: entre couture et déchirure« (153–215), stehen die Beziehungen zwischen Laien und kirchlichen Gemeinschaften im Zentrum. Niall Ó Súilleabháin (155–164) und Cédric Jeanneau (165–188) beschäftigen sich jeweils mit Auswirkungen der Reformbewegung auf Eigenkirchen an der Loire und im Bas‑Poitou und zeigen, wie Reformkräfte die bestehenden kirchlichen Strukturen allmählich, aber nachhaltig veränderten, ohne Laien dabei gänzlich auszuschließen. Emmanuel Grélois untersucht detailliert das Ringen um die Kirche Saint-Sandoux zwischen Laien, Mönchen und dem Bischof der Auvergne am Ende des 11. Jahrhunderts (189–204). Thomas Kohl blickt schließlich auf das Reich und macht deutlich, wie die zahlreichen inneren Krisen und Konflikte infolge des Investiturstreits und der Kirchenreform die Ausbildung neuer Gemeinschaften begünstigten (205–215).
Eine Zusammenfassung der Ergebnisse von Julia Barrow auf Englisch (217–224) und Französisch (225–232) beschließt den Band, dem noch ein Personen- und ein Ortsregister (233–242) sowie Kurzbiographien der Autorinnen und Autoren (243–244) beigegeben sind.
Die größte Stärke von Communautés déchirées? ist sicher der lokale bzw. regionale Zuschnitt. Für den bedeutenden Themenkomplex »Gregorianische Reform« respektive »Investiturstreit« zeigen die Beiträge deutlich, wie sehr der Erfolg der Reformbemühungen von den Verhältnissen vor Ort abhing und wie stark die Implementierung reformerischer Werte und Normen von lokalen Gruppen beeinflusst wurde. Insbesondere die wiederkehrende Beobachtung, dass nicht jeder Konflikt zwangsläufig in Zusammenhang mit der Kirchenreform stand, bleibt festzuhalten. Darüber hinaus bietet der Band mit seiner Mikroskopie in detaillierten Einzelstudien ein ausgezeichnetes Kompendium zu den lokalen Auswirkungen der Reformbemühungen abseits von den großen Konflikten zwischen Kaiser- und Papsttum. Niemand, der sich mit den untersuchten Orten oder Gemeinschaften im 11. und 12. Jahrhundert beschäftigt, dürfte an dem entsprechenden Beitrag vorbeikommen. Angesichts der räumlichen Streuung und der thematischen Bandbreite der Beiträge wären kurze Abstracts vor den einzelnen Artikeln wünschenswert gewesen, um den Lesern und Leserinnen den Zugriff zu erleichtern. Positiv hervorzuheben ist auch die internationale Ausrichtung, die unterschiedliche nationale Forschungstraditionen und Bewertungen der gregorianischen Reform miteinander zusammenführt. Communautés déchirées? ist erfreulicherweise auch online im open Access zugänglich.
Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:
Christoph Walther, Rezension von/compte rendu de: Tristan Martine (dir.), Communautés déchirées? Violences et divisions au sein des communautés de l’Occident grégorien (XIe–XIIe siècles), Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2025, 248 p., ISBN 979-10-413-0077-8, DOI 10.4000/13met, EUR 25,00., in: Francia-Recensio 2026/1, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115330





