Die Publikation bildet den 31. Band der Reihe Obituaires. Série in-8 innerhalb des Recueil des historiens de la France.1 Die von Jean-Loup Lemaitre erstellte Edition behandelt das Anniversarienregister (terrier des anniversaires) des Hospitals Saint-Gérald in Limoges. Als terrier wird ein Register oder Inventar2 bezeichnet – im vorliegenden Fall von Anniversarien. Insbesondere »Hospitäler bedienten sich dieser Aufzeichnungsform zum Zwecke der Verwaltung ihrer Sondervermögen«.3

Die Geschichte Saint-Géralds ist bis ins 13. Jahrhundert gut dokumentiert: Das Hospital wurde wahrscheinlich 1158 am Ort einer zuvor zerstörten, dem heiligen Gerald von Aurillac geweihten Kirche oder Kapelle eingerichtet. Aus der kirchlichen Reformbewegung heraus geschahen Gründung und Ausstattung im Zusammenspiel zwischen den Bischöfen von Limoges, reformorientierten Geistlichen und dem Prior der angesiedelten Gemeinschaft der Augustinerchorherren und Rektor des Hospitals. Sie wurden unterstützt durch mehrere Päpste und laikale Stifter (10–12). Nach Zerstörungen Ende des 12. standen Anfang des 13. Jahrhunderts bereits neun Hospitäler oder »maisons d’aumônerie« und deren Gotteshäuser unter der Ägide Saint-Géralds (13–15). Seine Geschichte in den nachfolgenden Jahrhunderten ist bislang von wissenschaftlicher Seite noch nicht systematisch erarbeitet und aus den Quellen – nach dem durch den vorliegenden Band vermittelten Eindruck – nur sehr schlaglichtartig zu erschließen. Das Hospital bestand bis ins Jahr 1660, als es mit anderen karitativen Einrichtungen in Limoges zu einem »Hôpital général de la ville« (VIII, 2) zusammengelegt wurde. Nach Jacques Verger habe die kleine Gemeinschaft in Saint-Gérald eher lokale Strahlkraft besessen, dafür aber in beständiger Weise gewirkt.

Nach Einführungen des Reihenherausgebers und des Editors (VII–X, 1–2) ist der Band in der für die Reihe typischen Manier aufgebaut: Auf eine kurze Bibliographie (3–7) folgt eine ausführliche, zweigeteilte Einleitung (9–38): Zuerst wird ein Nachdruck der einschlägigen Studie des nicht nur für die Geschichte des Limousin ausgewiesenen Experten Jean Becquet († 2003)4 zur frühen Geschichte des Hospitals im 12. und 13. Jahrhundert aus dem Jahr 1987 präsentiert (9–24). Sie ist umständlich mit Anmerkungen von Lemaitre versehen. Hier finden sich die maßgeblichen Angaben zur frühen Beurkundung, zu Besitz- und Rechteverhältnissen und zur Verfasstheit des Hospitals und seiner Gemeinschaft. Ein knapper Anhang listet die »dépendances« von Saint-Gérald auf (23–24). Der zweite Teil, nun von Lemaitre, behandelt der Überschrift nach die Geschichte Saint-Géralds vom Ende des Mittelalters bis ins 16. Jahrhundert (25–38). Er besteht zunächst aus dem Abdruck längerer Exzerpte aus einer frühneuzeitlichen erzählenden Quelle in einer Edition der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (25), die schon von Becquet erwähnte Vorgänge behandelt. Der Editor ›springt‹ dann zu einer Quelle des Jahres 1666 und zurück zu Ereignissen des 16. Jahrhunderts, zu denen er ohne Anmerkungsapparat und mit gewöhnungsbedürftiger Zitationspraxis abermals ausführliche Quellenzitate bringt. Es folgt in ähnlicher Form der Nachdruck weiterer bereits publizierter Quellenexzerpte. Dann erst geht Lemaitre knapp auf die relevanten Archivbestände zu Priorat und Hospital ein (29), bevor er wieder zur Darbietung längerer Exzerpte zurückkehrt (30). Nach einigen Bemerkungen zur Auflösung des Hospitals (31–32) schließen sich – entgegen der Kapitelüberschrift – noch das 17. Jahrhundert betreffende Hinweise an (32–33) sowie Informationen zur Pfarrei Saint-Gérald (35–36). Daraufhin führt Lemaitre Anweisungen aus der nun obituaire genannten Quelle an, wie und auf welcher Grundlage die gestifteten Anniversarfeiern zu begehen waren (36–37). Die Einführung schließt mit einem Allerweltssatz zur Bedeutung des Totengedenkens im Limoges des 15. und frühen 16. Jahrhunderts, die aus der im vorliegenden Band edierten Quelle hervorgehe (37).

Es schließen sich zwölf, bis auf eine Ausnahme (Pl. 2) in guter Auflösung gedruckte farbige Tafeln mit teils historischen Karten (Pl. 1, 2, 8) sowie mit Beispielseiten aus in der Einführung behandelten Manuskripten und Drucken (Pl. 3–7) und aus dem der edierten Quelle zugrundeliegenden Manuskript (Pl. 9–12) an. Instruktive schwarz-weiße Abbildungen aus ebenjener Handschrift finden sich auch weiterhin im Text (Fig. 1 und 2).

Die Seiten 51 bis 59 bieten endlich die Beschreibung des der Edition zugrundeliegenden Manuskripts: Limoges, Archives départementales de la Haute-Vienne, Sign. H SUP Limoges 2 B 6.5 Das papierne Quart-Manuskript umfasste ursprünglich 225 Folia, von denen heute noch 113 vorhanden sind. Bezüglich der anlegenden Hand des terrier fügt Lemaitre kurze paläographische Betrachtungen bei (52–53). Die Aufstellung des Inhalts der Handschrift (53–57) schließt mit einer Auflistung der Stifter und Stifterinnen und ihres jeweiligen Platzes im Verweissystem des Handschriftenkompilators (57–59).

In der Handschrift selbst findet sich zunächst ein kurzer Prolog zur Anlage der Handschrift, die dort zeitgenössisch terrarium anniversariorum Sancti Geraldi genannt wird, sowie ihrer ursprünglich auf vier Abschnitte angelegten Struktur (63–65; fol. 1). Die Folia 2–5 (65–80) umfassen dann eine mit einem zeitgenössischen Verweissystem versehene Übersicht, inventarium litterarum, über die darauffolgenden 65 Stiftungsdokumente.6 Die eigentliche Memorialquelle, das 1513 angelegte Anniversarium, erstreckt sich über die Folia 6 bzw. 5v–48 (81–122). Der anonyme Kopist – ein nicht sicher zu identifizierender Angehöriger von Saint-Gérald (54) – verzeichnete hier die Stiftungen zugunsten des Hospitals in kalendarischer Weise, ausgehend vom Todestag der Stifter und Stifterinnen. Es werden über 50 Texte aufgeführt, ergänzt um wenige Nachträge. Die numerische Diskrepanz zu den im inventarium verzeichneten 65 Dokumenten erklärt sich daraus, dass der Kopist mit seiner Arbeit aus unbekanntem Grund nicht über die Einträge für den Monat September hinauskam,7 wenngleich er die heute fehlenden Dokumente bereits im inventarium aufgeführt hatte. Für das vierte Quartal kann also auf die Übersicht zurückgegriffen werden. Auf den folgenden Seiten (foll. 50–113), die ursprünglich den Rest des Anniversariums sowie zwei weitere Bestandteile des terrier hätten beinhalten sollen, finden sich diverse Texte mit Bezug zu Saint-Gérald, etwa Notariatsinstrumente, Verträge, ein Gebet (fol. 86v) und das Gründungsdokument der Bruderschaft der Heiligen Léobon und Gérald (fol. 87r).

Im Editionsteil (61–124) wird der erste Part der Handschrift (fol. 1‑49), der die hauptsächlich lateinische Memorialquelle umfasst, erstmals kritisch ediert, ergänzt um einen kurzen Beschluss der Gemeinschaft von Saint-Gérald von 1552 bezüglich einiger Anniversarien (fol. 88). Foliowechsel im Manuskript finden sich im Editionstext mit eckigen Klammern gekennzeichnet; mit fortlaufenden Zahlen in runden Klammern werden hingegen einzelne Sinneinheiten nummeriert und die Edition somit in 126 Abschnitte strukturiert. Auf diese Zahlen beziehen sich die Querverweise in Anmerkungsapparat und Fließtext. Im Fußnotenapparat werden Personen und Orte unter Beifügung weiterführender Angaben identifiziert, Daten aufgelöst, Kommentierungen und Verweise, etwa zwischen inventarium und Anniversarium, geboten.

Die Edition wird erschlossen durch ein Orts- und Personenregister (127–137) sowie ein Sachregister (139–146), die jeweils auf die durch runde Klammern gekennzeichneten Sinnabschnitte verweisen, ergänzt um ein Abbildungsverzeichnis (147–148).

In Frankreich sind nur wenige, meist auf den Norden konzentrierte Memorialquellen aus Hospitälern überliefert. Die einzige Ausnahme für Mittel- bzw. Südfrankreich bildet die nun edierte Quelle. Sie gibt Auskunft über die ökonomische Grundlage, auf der der alltägliche Betrieb in Saint-Gérald gemeistert wurde. Gleichzeitig wird aus dem inventarium und Anniversarium das Spektrum der Stiftenden ersichtlich: Als berühmtester oder berüchtigtster Stifter erscheint der in Limoges ausgebildete Bernard Gui, Inquisitor und Bischof von Lodève († 1331) (81); ansonsten finden sich eher der niedere Adel, Beamte, Priester, Bürger oder Kaufleute, Handwerker, Bauern sowie oftmals Frauen. Diese Gruppen sind meist in oder um Limoges bzw. in der Pfarrei Saint-Gérald zu verorten. Die Stiftungen betreffen die Zeit seit dem 14., hauptsächlich aber die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die wenigen Nachträge lassen sich den unmittelbaren Jahren nach der Anlage des Manuskripts zuordnen (55).

Die edierte Quelle bietet eine gute Grundlage, die Geschichte Saint‑Géralds nach seiner Gründungs- und Konsolidierungsphase bis zum Ende des Mittelalters zu betrachten. Umso mehr erstaunt es, zunächst einen fast vierzig Jahre alten und nicht entlegen gedruckten Aufsatz von Becquet, ergänzt durch eine bloße, stark springende Quellenkompilation vorzufinden. Obwohl man natürlich die Expertise Becquets und dessen persönliche und wissenschaftliche Verbundenheit mit dem Editor8 in Rechnung stellen muss, wäre es dienlicher gewesen, die Geschichte Saint‑Géralds in konsistenterer, übersichtlicherer Weise darzustellen. Gleichwohl mag die Edition dazu beitragen, die Geschichte des Hospitals neu zu erarbeiten und zu kontextualisieren.

Ausführliche Editions- bzw. Transkriptionsgrundsätze finden sich im Band, mit Ausnahme kurzer »signes critiques utilisés« und einem Fußnotenverweis auf den editorischen Usus der Reihe (62), dem freilich nicht immer gefolgt wird, nicht. Die Anmerkungen enthalten über das bereits Geschilderte hinaus keine weiteren Hinweise im Sinne eines kritischen Apparats. Im Rahmen der paläographischen Analyse (52) würde man wie üblich auch kurze Hinweise zu den nachtragenden Händen erwarten. Wenige unschöne Satz- (beispielsweise 7, Z. 1) und Editionsfehler (beispielsweise 81, Nr. [73]), fehlende Kennzeichnung der nicht ausgeführten Initiale bei Sequitur) fallen – soweit dies anhand der vier gebotenen Tafeln zu kontrollieren ist – ins Auge, tun aber inhaltlich nur wenig zur Sache.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Quelle in vielerlei Hinsicht befragbar ist. Verger betonte die Anschlussfähigkeit für die Kirchen-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte (IX). Wird ein terrier gewöhnlich durch die Historische Geographie für die Phase des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit untersucht, so mag durch das rezensierte Beispiel die Möglichkeit zur Analyse aus dem Blickwinkel der memoria eröffnet werden.

Mag – wie schon bei der Besprechung des 30. Bands der Reihe – das Auge des in deutscher Wissenschafts- und Editionstradition ausgebildeten Historikers bzw. der Historikerin in Bezug auf die Edition und Kommentierung von Memorialquellen zwar andere Sehgewohnheiten aufweisen, so wird die ansehnliche Reihe der edierten französischen Obituaires durch die wertvolle Quelle weiter vervollständigt. In jedem Fall sollte der Band anregen, das bislang offenbar vernachlässigte Saint-Gérald systematisch zu erforschen. Ebenfalls wären nun auch vergleichende Studien zwischen Nord- und Süd- sowie Mittelfrankreich oder zwischen ähnlichen aus Hospitälern stammenden Quellen denkbar.

2 Ein terrier (lat. liber recognitionum) kommt in seiner Form dem deutschen Urbar am nächsten, das eine Übersicht über Besitz, herrschaftliche Rechte und Einkünfte bietet. Maria Milagros Cárcel Ortí (Hg.), Vocabulaire international de la diplomatique, Valencia 1994 (Collecció oberta, 28), 114, Nr. 464; 116, Nr. 478. Vgl. weiterhin Walter Brunner, Les terriers allemands et autrichiens. Panorama et méthodes d’édition, in: Ghislain Brunel, Olivier Guyotjeannin, Jean-Marc Moriceau (Hg.), Terriers et plans-terriers du XIIIe au XVIIIe siècle. Actes du colloque de Paris, 23–25 septembre 1998, Rennes, Paris, Genf 2002 (Bibliothèque d’histoire rurale, 5; Mémoires et documents de l’École des chartes, 62), 37‑64, bes. 38 zum memorialen Aspekt der Quellengattung.
3 Dieter Hägermann, Art. Urbar, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 8, München 1997, 1286–1289, hier 1288.
4 Jean Becquet, Lés débuts de l’hôpital Saint-Gérald de Limoges (XIIe–XIIIe siècles), in: Bulletin de la Société archéologique et historique du Limousin 114 (1987), 38–58. Zu Becquet und seinem Werk vgl. Andreas Sohn, Jean Becquet (1917–2003): Ein benediktinisches Gelehrtenleben im Dienst der Geschichtsforschung und der Revue Mabillon, in: Francia 31/1 (2004), 217‑231, DOI 10.11588/fr.2004.1.45429, bes. 220 sowie 225–228 explizit zu Becquets Arbeiten zum Limousin.
6 Nicht 72 Stück, wie fälschlich vom Reihenherausgeber Verger in dessen Einleitung (IX) angegeben. Er versteht hier die in runden Klammern gesetzten Zahlen als Zählung der Stiftungen und nicht als schon beim Prolog einsetzende, durchgehende Zählung von Sinnabschnitten.
7 Abweichend dazu die Nennung des Augusts in der Einleitung des Editors (1). Bereits im Prolog wurde eine I-Initiale offenbar nicht ausgeführt (53, 63), was schon auf den – im Sinne der anlegenden Hand – nicht abgeschlossenen Charakter der Quelle hindeutet.
8 Vgl. Sohn, Jean Becquet (wie Anm. 4), bspw. 220.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Tobias P. Jansen, Rezension von/compte rendu de: Jean-Loup Lemaitre (éd.), Le terrier des anniversaires de Saint-Gérald de Limoges, publié sous la direction de Jacques Verger, avec une étude de (†) Dom Jean Becquet (OSB), Paris (Académie des inscriptions et belles-lettres) 2024, X–152 p., 12 pl. (Recueil des historiens de la France. Obituaires. Série in-8°, 31), ISBN 978-2-87754-712-3, EUR 31,80., in: Francia-Recensio 2026/1, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115331