Die vielen Revolutionen und Kriege in Frankreichs Geschichte haben viele vormoderne Zeugnisse zerstört, so auch die meisten Quellen der spätmittelalterlichen Bretagne – eines für viele Jahrhunderte zentralen politischen Akteurs, ehe das Herzogtum 1532 seine Souveränität verlor und im Königreich Frankreich aufging. Umso bemerkenswerter ist, dass für die verstreuten, oft nur fragmentarisch in öffentlichen wie privaten Archiven überlieferten Überreste des bretonischen Rechnungshofes aus der Zeit des Hundertjährigen Krieges nun die stolze 870 Seiten umfassende Edition von Michael Jones vorliegt. Der emeritierte Professor der Universität Nottingham und ausgewiesene Kenner der bretonischen Geschichte hatte zuletzt 2017 mit Philippe Charon die Rechnungsquellen des Herzogtums für die Jahre 1261–1352 ediert. Die vorliegende Edition schließt daran an und wendet sich dem Rechnungshof unter Herzog Johann V. »dem Eroberer« zu (1339–1399; in der französischen Forschung verwirrenderweise als Jean IV. geführt), dessen 35-jährige Herrschaft die Verwaltungsstrukturen der Bretagne nachhaltig prägte.
Zu Beginn des Bretonischen Erbfolgekrieges im Jahre 1341 stritt Johanns Vater, Johann von Montfort, mit Unterstützung des englischen Königs mit Karl von Blois um das Herzogtum, nach seinem Tod 1345 führte seine Gattin den Konflikt für ihren minderjährigen Sohn fort. Dieser besiegte Blois 1364 in der Schlacht von Auray und wurde im Jahr darauf bretonischer Herzog, sah sich aber nach der Invasion des Königs von Frankreich 1373 dazu gezwungen, ins englische Exil zu gehen. Nach seiner Rückkehr 1379 bis zum Ende seiner Herrschaft differenzierte sich die herzogliche Rechnungskammer, die sich seit 1369 in Vannes befand und deren primärer Zweck darin bestand, die ihr vorgelegten Rechnungen auf Richtigkeit zu überprüfen, immer weiter aus. Hervorgegangen aus der Krise des Kriegs, dessen Schulden beglichen werden mussten, und von großer Bedeutung bei der Entwicklung des bretonischen Seehandels, wurde die Kammer zur zentralen Finanzverwaltungsinstanz im Herzogtum. Die erhaltenen Beglaubigungen der dort geprüften Quittungen können laut Jones drei Gruppen zugeordnet werden: einfache Genehmigungsvermerke; Anweisungen an Empfängerinnen und Empfänger zur Vorlegung weiterer Informationen für Ermittlungen; Notizen zur Dokumentation des Verwaltungsvorgangs für die Nachwelt.
Während die erste Phase der Regentschaft Johanns V. nur spärlich belegt ist, so bietet das englische Exil ab 1373 das diverseste Rechnungsmaterial in dieser Edition. So erfahren wir daraus etwa, welche Mengen an Nahrung und Getränken am herzoglichen Hof in England konsumiert wurden, aufgeteilt nach den Kosten für Bäckerei, Weinkeller, Küche, Hühnerstall, Speisekammer, Kerzenherstellung oder die Schmiede. Spannend ist weiterhin, dass fast die Hälfte der Rechnungen auf Papier erhalten sind und einige davon nicht wie üblich in Latein, sondern auf anglo‑normannisch verfasst wurden. Auch Einzelstücke, wie etwa die Abrechnung der Reise Johannas von Navarra 1386 in die Bretagne zu ihrer Hochzeit mit Herzog Johann, gewähren nicht nur Einblicke in die herzoglichen Finanzen, sondern auch in spätmittelalterliche Preisentwicklungen.
Die hier so sorgsam edierten Quellen geben außerdem Auskunft über das Personal der Rechnungskammer. So ist für die späten Sechzigerjahre etwa der Engländer Thomas Melbourne als receveur général überliefert, während nach der Rückkehr aus dem Exil vor allem Jean Hilary eine zentrale Figur darstellte. Dieser war seit den 1380er-Jahren als Schatzmeister tätig, verhandelte 1393 als Vertreter des Herzogs mit Olivier V. de Clisson und wurde schließlich zu Johanns Testamentsvollstrecker bestimmt. Viele Beamte verblieben nach dessen Tod am Hof. Guillaume Eder etwa war seit 1382 herzoglicher Berater und blieb es auch unter Johanns gleichnamigem Sohn und Nachfolger. Auch der Gesandte Gillet Souzbois, der 1374 als Emissär zu Papst Gregor XI. und 1382 als Schuldeneintreiber zu Gaston III. Fébus gesandt worden war, verblieb bis 1417 in Diensten der bretonischen Herzöge. Ebenso lassen sich generationelle Dienstverhältnisse durch Jones’ akribische Edition ausmachen, so etwa die der Familie Guimarchou, war Großvater Pierre doch 1396–1397 als receveur général, Sohn Alain 1388–1394 als Silberschmied und Enkel Jean 1414–1438 als receveur d’Auray für die Herzöge tätig. Leider, so beklagt Jones, seien von den vielen anderen Posten des herzoglichen Hofs, wie etwa den Ställen, der Kapelle oder dem Kaplan, keinerlei Rechnungsquellen erhalten. Andere edierte Quittungen erfassen auch wirtschaftliche Aktivitäten abseits des Hofes, so etwa innerhalb der Städte des Herzogtums – darunter Vannes, Nantes und Rennes aber auch Dinan, Jugon oder Concarneau – und überliefern somit u.a. Details zum Weinanbau und -verkauf, zur Eintreibung von Steuergeld oder zum Seehandel mit dem iberischen Königreich Léon.
Das größte Verdienst der vorliegenden Edition besteht somit nicht nur in der Sammlung und Katalogisierung, sondern auch in der zugänglichen Präsentation der vielen verstreuten und zudem äußerst anspruchsvollen Rechnungsquellen, von denen 107 hier erstmals in minutiöser Akribie ediert sind. In seiner Einleitung und im kritischen Apparat ordnet Jones mit großer Wissensfülle nicht nur Personen, Orte und Ereignisse historisch ein, sondern widmet sich auch Nischenthemen, wie der Verwendung unterschiedlicher Währungen oder Sprachen. Seine Edition ermöglicht nicht nur weiterführende prosopographische Studien, sondern gibt ebenso Einblicke in höfische wie städtische Verwaltungspraktiken. Zugleich ist es Jones gelungen, den Text so vollständig und zugleich so zugänglich wie möglich zu präsentieren, etwa durch die Auflösung von Abkürzungen, die Übertragung von Geldsummen in arabische Ziffern und das intelligente Auffüllen von Leerstellen. Die kursiv im Text inkludierten Anmerkungen der spätmittelalterlichen Rechnungsprüfer vermitteln zudem ein Gefühl für die vielen Augen jener, die bereits so viele Jahrhunderte vor dem Editor und den Leserinnen und Lesern der vorliegenden Edition kritisch auf diese Quellen blickten. Einige farbige Abbildungen ausgewählter Abrechnungen, ein Glossar sowie ein Personen-, Orts- und Sachregister runden den Band ab.
Somit erhellt die Edition der Rechnungsbücher Johanns V., wie es Jacques Verger in seinem Vorwort formuliert, »die gesamte Geschichte der Bretagne im 14. Jahrhundert, nicht nur die administrative und finanzielle, sondern auch die politische, soziale und wirtschaftliche«. Und hoffentlich vermag sie es außerdem, ihr wissenschaftliches Publikum dazu zu ermutigen, sich dem Hundertjährigen Krieg vermehrt auch abseits der gängigen Historiographie über vermeintlich trockene Zeugnisse wie diese zu nähern, sodass in naher Zukunft womöglich auch andere verstreute und bisher unerschlossene Rechnungsquellen für das spätmittelalterliche Frankreich – etwa die der großen Städte der Epoche – eine ebenso vorbildliche Edition erhalten können.
Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:
Maria Pieschacon-Raffael, Rezension von/compte rendu de: Michael Jones (éd.), Comptes de Jean IV, duc de Bretagne (1364–1399), Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2025, LXII–873 p., 23 ill. (Sources médiévales d’histoire de Bretagne), ISBN 979-10-413-0334-2, EUR 59,00., in: Francia-Recensio 2026/1, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115332





