Rezensionen über Festschriften laufen Gefahr, sich in Plattitüden zu ergehen. Denn die Gründe sowohl für den Charme als auch die Crux der Festgaben hängen eng zusammen: Dankbar möchte man der zu ehrenden Person ein Stück von dem zurückgeben, was diese Person zur Forschung beigetragen hat. Nun ist aber auch wissenschaftliches Schreiben ein kreativer Prozess und Erkenntnis und Relevanz fallen nicht auf einen gut gemeinten Wunsch hin vom Himmel, weil jemand Geburtstag hat. Auch dies ist eine Plattitüde, doch muss es erwähnt werden, da auch Heribert Müller, »sich solchen Ehrungen gegenüber Skepsis bewahrt [hat]«1. Wenn der Jubilar sich wenige Jahre nach der letzten Festgabe – betont keine Festschrift – zu seinem 70. Geburtstag nun doch mit einer solchen beschenkt sieht, wird er dies den Herausgeberinnen sowie Autorinnen und Autoren wohl in Hinblick auf diese in Umfang als auch Qualität überdurchschnittliche Festschrift gewiss nachsehen.

Das Werk ist in sechs Abschnitte (Kirche in Ost und West, Königtum im Mittelalter, Köln, Frankreich, insbes. Lothringen und Burgund sowie Geschichtsschreibung) gegliedert, welche sich an den Forschungsschwerpunkten des Jubilars orientieren. Auf knapp 800 Seiten enthält die Festschrift 39 sowohl deutsche als auch französische Aufsätze von Schülerinnen und Schülern, Freunden und Wegbegleitern des Jubilars, die eine Zeitspanne von 19 Jahrhunderten bedienen. Dieser Umfang bedingt, dass hier freilich nur ein kleiner Teil der Beiträge genannt werden kann, wenngleich alle eine Besprechung verdienten.

Zu nennen ist der Beitrag von Franz Fuchs, der eine Handschrift des verschollen geglaubten »Malleus Hussonis« (wohl erste Hälfte des 15. Jahrhunderts) nachweisen kann. Wenn sich, wie auch Fuchs vermerkt, der Artikel vorwiegend darauf beschränken muss, die Existenz des »Hussenhammers« für die Forschung anzuzeigen, ist allein die Tatsache, dass eine Handschrift, noch dazu eine »autornahe« – evtl. sogar das Autograf –, aufgefunden wurde, eine kleine Sensation.

Der Aufsatz Claus Arnolds bietet eine Auswertung der Enzyklika »Pascendi« – mit dieser verurteilte Pius X. 1907 den »Modernismus«, der seiner Meinung nach die Kirche ergriff, und suchte diesen außerdem mit Kontrollgremien zu bekämpfen –, speziell hinsichtlich der Umsetzung ihrer Bestimmung. Vor allem die besondere Situation in Deutschland kann durch erstmals ausgewertete Schreiben näher beleuchtet werden. Arnold gelangt zu dem Schluss, dass die Enzyklika zwar in Hinblick auf eine zentral gesteuerte Herrschaft als unvollkommen bewertet werden muss, jedoch hinsichtlich ihrer mobilisierenden Wirkung bis zur Basis der Priester und Laien beeindruckend.

Zu einer Neubewertung des blinden aquitanischen Sehers in Einhards Translatio et miracola ss. Marcellini et Petri« kommt Jörg W. Busch in seinem erhellenden und zum Teil mit spitzer Feder geschriebenen Beitrag. Busch sieht diesen als »überdeutliche Anspielung« (S. 297) mit Signalwirkung für den damaligen Kaiser und vormaligen König von Aquitanien, Ludwig den Frommen, der durch den Seher ermahnt werden sollte, die Einkaiserherrschaft durch die Forderung der Kaiserin Judith nach Herrschaftsteilung nicht zu gefährden. Die »Aquitanier« stünden dabei in der Wissenskultur des karo-lingischen Hofes für ein abstrahierend-römisches Denken, doch habe Einhard mit dem Zeichen kein Gehör gefunden. So sei aus Ludwig durch den »Einfluss der fränkisch-germanisch denkenden Judith [...] wieder ein erbhofteilender fränkischer Großbauer geworden« (ibid.).

Der Aufsatz von Eric Burkart thematisiert die Kreuzzugspolitik des spätmittelalterlichen Burgund. Statt eindimensional »auf die Person des Herrschers zu rekurrieren« (S. 653) schlägt Burkart vor, die »geteilten kognitiv-symbolischen Wissensordnungen« (ibid.) in den Blick zu nehmen. Vor diesem Hintergrund sieht Burkart die von Burgund unternommenen Kreuzzugsprojekte als eine Form des Ausdrucks politischer Rationalität, gleichsam als Form einer politischen Selbstbeschreibung als Verteidiger von Glaube und Kirche. Er weist so die ältere Forschung zurück, welche diese Projekte als Bruch in der »rationalen« Politik des französischen Herzogtums wahrgenommen hatte. Es zeigt sich hiermit abermals, dass eine Trennung von Glaube und Vernunft für die Vormoderne zu kurz greift.

Johannes Heil bietet in seinem äußerst klugen Beitrag weit mehr als eine Darstellung der Juden in der mittelalterlichen Erfurter Chronistik, wie es die Überschrift suggeriert. Äußerst geschickt kann er auch auf einer abstrakten Ebene die Bedeutung seines Untersuchungsgegenstandes deutlich machen und zeigt auf, wie sich gruppenspezifische (evtl. sogar gesellschaftliche) Grundannahmen im Kontext politischer oder gesellschaftlicher Spannungen nicht nur perpetuieren, sondern bis zu unhinterfragten Extremen steigern können.

Auf einer eher abstrakten Ebene soll zusammenfassend noch auf die lesenswerten Aufsätze von Hanna Vollrath (Konflikte in Lothringen im 11. Jahrhundert in deutscher und französischer Forschung), Jean-Marie Moeglin (Genese des Begriffs »Hundertjähriger Krieg«) und Harald Müller (Johannes Haller und die Gegenpäpste) hingewiesen werden. Die Artikel sind konzise forschungsgeschichtliche Abhandlungen, die mehr bieten als nur Nacherzählungen historischer Forschungspositionen, sondern diese auch auf ihre Konstitution und die dahinterliegenden Denkmuster hin untersuchen.

Trotz allen Lobes ließen sich freilich die sonstigen Gemeinplätze und Monita, die man bei Festschriften vermerken kann, auch für dieses Werk anbringen. Die genannte Breite führt zum bekannten Problem des fehlenden roten Fadens, wodurch sich die Gemeinsamkeiten der Aufsätze häufig auf »äußere Merkmale« beschränken müssen. So bildet beispielsweise der Abschnitt zu Köln ein Konglomerat von Aufsätzen, das von eher strukturellen Beobachtungen (Wilhelm Janssen, Eberhard Isenmann), über weitestgehend personenfokussierende Beiträge (Peter Gorzolla, Rainer Christoph Schwinges, Wolfgang Voss) bis zur weitgefassten, diachronen Analyse (Gerd Schwerhoff) reicht. Gleichzeitig trennt diese Sektionierung Beiträge, die thematisch nahe beieinanderliegen (z. B. Jörg W. Busch und Johannes Fried zu »unterschwelligen« Botschaften bei Einhard). Und trotz aller Breite wäre das fehlende Register nicht obsolet gewesen. Wenngleich außerdem bei den Abkürzungen nicht die Einheitlichkeit erreicht wurde, wie sie der restliche Band aufweisen kann2, sei dahingestellt, ob Abkürzungen biblischer Bücher in einem Siglenverzeichnis aufgeschlüsselt werden müssen.

Auch all diese Punkte sind freilich Plattitüden; der eingangs erwähnten Gefahr konnte sich auch diese Rezension nicht gänzlich entziehen. Doch gerade in diesen Gemeinplätzen kündigt sich unterschwellig das Gesamturteil bereits an, da außer wohlfeilen Punkten nichts zu kritisieren bleibt. Die Festschrift hinterlässt einen äußert positiven Gesamteindruck. Die Sorgsamkeit, die der Jubilar auch selbst hinsichtlich seiner Publikationen und als genauer Rezensent an den Tag legt, wurde – betrachtet man den Umfang – mit beinahe überraschender Akkuratesse umgesetzt. Und neben dem spürbaren Enthusiasmus und der Freude vieler Autorinnen und Autoren an ihren Untersuchungsgegenständen – Punkte, die der Lektüre der Beiträge einen weiteren Mehrwert hinzufügen – birgt diese Festschrift sorgsame Forschung, die sicher umfangreich rezipiert werden wird.

2 So stehen französische Abkürzungen (»1 Rois«) neben lateinischen (»Is«) und eher unüblichen (»Ezech«). Die Auflösung der Bücher hingegen erfolgt stets in Latein.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Maximilian Nix, Rezension von/compte rendu de: Gabriele Annas, Jessika Nowak (Hg.), Et l’homme dans tout cela? Von Menschen, Mächten und Motiven. Festschrift für Heribert Müller zum 70. Geburtstag, Stuttgart (Franz Stei- ner Verlag) 2017, 789 S., 8 s/w Abb. (Frankfurter Historische Abhandlungen, 48), ISBN 978-3-515-11469-1, EUR 99,00., in: Francia-Recensio 2017/4, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2018.3.51751