Die Gregorianische Kalenderreform gilt als eines der grundlegenden Ereignisse der Neuzeit, schuf sie doch den Kalender, der bis heute in vielen Teilen der Welt gilt. Durch Papst Gregor XIII. angeregt, wurde 1582 die seit der Julianischen Reform entstandene Diskrepanz von ca. zehn Tagen zwischen dem Verlauf des Sonnenjahres und den kirchlichen Feiertagen ausgeglichen und zudem ein Plan für die Zukunft geschaffen. Die Forschung hat sich bisher vor allem mit den konkreten Voraussetzungen und Nachwirkungen dieser Reform auseinandergesetzt. Sie galt als ein Werk der Neuzeit. Nun hat sich die Differenz nicht über Nacht herausgebildet – ca. alle 130 Jahre verschob sie sich um einen Tag –, sodass auch den Gelehrten des Mittelalters nicht verborgen blieb, dass, sollte der Fehler nicht korrigiert werden, »Weihnachten bald sommerlich werde«, so Bono von Lucca im Jahr 1254 (S. 4).

Diese Forschungslücke zu schließen ist das Ziel des zu rezensierenden Buches. Der Autor, C. Philipp E. Nothaft, ist einer der besten Kenner des spätantiken und mittelalterlichen Kalenderwesens. »Scandalous Error« stellt eine erweiterte Synthese seiner beeindruckenden Publikationstätigkeit der letzten Jahre dar und versucht einen »bigger picture account« (S. 9) zu der Frage, »how the need to regulate civil and ecclesiastical life by means of a calendar posed a technical astronomical problem to medieval society and how its scholars, astronomers, and churchmen reacted to the challenge at hand« (S. 9).

In acht chronologischen Kapiteln und auf einer breiten Quellenbasis aus gedruckten und ungedruckten Traktaten analysiert Nothaft die mittelalterlichen Diskussionen in diachroner Perspektive und vor allem stets interdisziplinär zwischen Geschichte und Astronomie. In der Einleitung erläutert er seine These, dass sich die Kenntnis über die Verschiebungen des julianischen Kalenders über das Mittelalter weit verbreitete und spätestens Ende des 13. Jahrhunderts ein Großteil der Gelehrtenwelt die Datierung des Ostertermins als »ecclesiastical and legal fiction« (S. 3) erkannt hatte und dass »the pioneers in discussing how to restore the Roman calendar in a scientifically accurate manner are found not in Renaissance Rome or Reformation Wittenberg, but in the monasteries, schools, and universities of high medieval Europe« (S. 6).

Die ersten beiden Kapitel stellen die Brücke zwischen Antike und Mittelalter dar und erklären die historischen Wurzeln des Sonnen- und Mondkalenders und deren jeweilige Entwicklung bis 1100. Konzise stellt der Autor die Grundlagen und Problematiken der Kalenderberechnungen dar, sodass sich beide Kapitel gut als erweiterte Einführung in die mittelalterliche Chronologie eignen. Kapitel 3 füllt die historiografische Lücke des 12. Jahrhunderts, in dem ein Wissenszuwachs aus arabischen, hebräischen und griechischen Texten zu einem tiefergehenden Verständnis der technischen Dimensionen von Kalenderproblemen im lateinischen Europa führte.

Kapitel 4 stellt die Entwicklung an den entstehenden Universitäten im 13. Jahrhundert dar, die die Diskussion vor allem auf philosophischer Ebene erweiterte. Dabei stützt Nothaft sich auf eine Vielzahl von Denkern, bekannten, wie Johannes von Sacrobosco oder Roger Bacon, ebenso wie wenig bekannten z. B. franziskanischen Gelehrten, wie den sonst unbekannten Bruder Johannes. In den 1270er Jahren schrieb er einen »Compotus philosophicus« und errechnete u. a., dass die Kirche ihr bedeutendstes Fest regelmäßig in einer späteren Mondphase als der biblisch vorgeschriebenen feierte. Darüber hinaus ist es erstaunlich, dass die franziskanischen Texte die Kirche offen in ihrem Festhalten an den nicäanischen Beschlüssen bezüglich des Ostertermins kritisierten und sich darin einig waren, dass der jüdische Kalender exaktere Methoden zur Lösung der Probleme bereithalte.

Kapitel 5 stellt drei bedeutende Entwicklungen des 14. und 15. Jahrhunderts in den Mittelpunkt, die die Chronologie auf lange Sicht veränderten: die Erarbeitung verbesserter Mondkalender, neue Entdeckungen in der Astronomie und besonders die Einführung der Alfonsinischen Tafeln als Grundlage für europäische Standards der Kalenderberechnung.

In Kapitel 6 und 7 werden die nach Meinung des Autors wichtigsten Versuche, das Kalenderproblem auf legislativer Ebene zu lösen, untersucht. Zunächst liegt der Fokus auf Clemens VI., der Experten nach Avignon rief, um eine Reform der Goldenen Zahlen in Angriff zu nehmen, »encouraged to do so ›by the insistences of many people‹« (S. 208). Damit ist die Kalenderfrage erstmals aus der theoretisch-universitären in die kirchlich-politische Sphäre getreten, eine konkrete Umsetzung folgte aber nie. Kapitel 7 untersucht die konziliaren Reformversuche des 15. Jahrhunderts. In Konstanz wird die Wichtigkeit einer Kalenderreform zwar hervorgehoben, ihre Umsetzung jedoch auf ein zukünftiges Konzil verschoben. Dieses fand in Basel statt und tatsächlich wurden dort konkrete Pläne vorgelegt, die Nothaft als Höhepunkt vorgregorianischer Kalenderdiskussionen sieht und die u. a. die Auslassung einer Woche im Jahr 1439 vorsahen. Die politischen Umstände verhinderten jedoch erneut eine konkrete Umsetzung. Das achte Kapitel beschließt den Band mit einem knappen Ausblick auf die Entwicklungen bis zur Gregorianischen Reform im 16. Jahrhundert.

Es ist nicht immer leicht, Nothafts teils umständlichem Stil zu folgen. Gelegentlich erscheinen die einzelnen Kapitel als isolierte Fallbeispiele, sodass z. B. knappe Zusammenfassungen der einzelnen Abschnitte hilfreich gewesen wären, auch für ein besseres Verständnis der komplexen und nicht jedem Historiker gleichermaßen vertrauten Materie. Auf inhaltlicher Ebene wäre eine stärkere Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur wünschenswert gewesen. So präsentiert der Autor einige diskussionswürdige Thesen, ohne sie mit den Argumenten der bisherigen Forschung in Verbindung zu setzen. Formal erschwert das Fehlen eines gesonderten Quellenverzeichnisses die Nutzung des Bandes.

Trotz dieser Kritik überwiegen bei Weitem die Verdienste des Bandes. Der Autor beherrscht Kalenderberechnungen ebenso souverän wie die Analyse der ausgesprochen breiten Quellenbasis, die er auf beeindruckende Weise durchdrungen hat. Diese Interdisziplinarität ermöglicht es, die Bedeutung der Chronologie in der mittelalterlichen Gelehrtenwelt in einer detaillierten Überblicksdarstellung ins Licht zu rücken. Weiterhin macht Nothaft deutlich, dass das europäische Kalenderwesen ohne Kenntnisse der jüdischen und arabischen Kalender nicht zu verstehen ist. Hierbei nutzt er seine profunden Kenntnisse des jüdischen Kalenders, sodass das Spannungsfeld aus Referenz und Abgrenzung gegenüber dem Judentum das ganze Buch durchzieht.

Es war zuvor natürlich nicht unbekannt, dass die Gregorianische Reform auf Vorarbeiten fußte, jedoch wurden deren mittelalterliche Grundlagen, vor allem jene des 12. und 13. Jahrhunderts noch nie in einer solchen Vielfalt und Bandbreite deutlich gemacht wie in Nothafts Buch. Der titelgebende »Scandalous Error« (Pierre d’Ailly) wurde schon früh als solcher erkannt und das Wissen um ihn fand weite Verbreitung im mittelalterlichen Europa. Eine solche ist auch diesem Band zu wünschen.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Robert Friedrich, Rezension von/compte rendu de: C. Philipp E. Nothaft, Scandalous Error. Calendar Reform and Calendrical Astronomy in Medieval Europe, Oxford (Oxford University Press) 2018, XIV–357 p., 30 b/w ill., 9 tabl., ISBN 978-0-19-879955-9, GBP 75,00. , in: Francia-Recensio 2018/2, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2018.2.48323



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