Die 1980er Jahre waren ein »spannungsgeladenes Jahrzehnt«, in dem viele gesellschaftliche Veränderungen erst relevant wurden1. Die konkret und diffus wahrgenommenen Bedrohungslagen durch breite Teile der Bevölkerung beförderten auch die Aktivitäten der Neuen Sozialen Bewegungen. Deren Akteure praktizierten in einer »politische[n] Kultur der Teilhabe« diverse Methoden direkter Demokratie und versuchten auf die Gesellschaft einzuwirken2. Zu Beginn der 1980er Jahre ereigneten sich in vielen europäischen Ländern auch zahlreiche von Jugendlichen getragene Proteste. Dazu gehörten beispielsweise Hausbesetzungen und damit einhergehende Zusammenstöße mit der Polizei in Amsterdam, Zürich oder Berlin, aber auch die Proteste junger Migrantinnen und Migranten in Frankreich und Großbritannien, die gegen ihre unterprivilegierte Position in der Gesellschaft protestierten.

Schaut man auf die Gleichzeitigkeit dieser Ereignisse an verschiedenen europäischen Orten, stellt sich die Frage: Gab es eine Verbindung zwischen diesen Ereignissen und beeinflussten sich diese gar gegenseitig? Dem folgt der von Knud Andresen und Bart van der Steen herausgegebene Sammelband »A European Youth Revolt. European Perspectives on Youth Protest and Social Movements in the 1980s« anhand verschiedener Fallstudien.

Der erste der insgesamt 17 Beiträge des 277 Seiten umfassenden Buches widmet sich begrifflichen und konzeptionellen Fragen. Sebastian Haunss diskutiert dabei Begriffe wie Jugend, Gewalt und Unruhe und plädiert dafür, Episoden von Protest immer in ihrer Einbettung in soziale Konfliktstrukturen und Dynamiken zu analysieren.

Im ersten Abschnitt »Squatters and Autonomist Movements« widmen sich die Beiträge den Hausbesetzungen und autonomen Bewegungen. Robert Foltin beschreibt die Entstehung und Entwicklung der Wiener Autonomen. Diese seien nicht zuletzt durch Texte der italienischen Autonomia Operaia beeinflusst worden. Dabei sieht er in der Struktur der Wiener Ereignisse auch Ähnlichkeiten zu Jugendrevolten in anderen europäischen Städten. Linus Owens widmet sich dagegen der Amsterdamer Hausbesetzerbewegung Anfang der 1980er Jahre und argumentiert, dass deren mobile Praxen zentral für ihren Erfolg waren. Die Amsterdamer Squatter besuchten andere europäische Städte, in denen Hausbesetzerszenen existierten, und transferierten ihre im heimischen »Häuserkampf« angeeignete Expertise besonders in die Bundesrepublik.

David Templins Beitrag führt von den Metropolen weg und richtet sich auf die Jugendzentrumsbewegung, die sich vor allem auch in kleinen und mittleren Städten der Bundesrepublik der 1970er-Jahre entwickelte und von ihm als ein Vorläufer der Jugendrevolte 1980–1981 identifiziert wird.

Im ersten Beitrag der Sektion »Transforming Radical Movements« stellen Jan Järmte und Adrienne Sörbom anhand der anarchistischen Bewegung in Schweden die Frage, warum sich dort keine heftigen Jugendrevolten ereigneten. Die anarchistische Bewegung erlebte dort erst mit der Transformation der politischen Gelegenheitsstrukturen, mit dem Entstehen einer jüngeren Generation und unter dem Einfluss von Szenen in anderen europäischen Städten eine graduelle Radikalisierung.

Pierpaolo Mudu und Gianni Piazza beschreiben für Italien die Zeit zwischen 1978 und 1985 als Übergangsphase, in der die radikale Bewegung von 1977 unter anderem infolge der staatlichen Repressionen nicht etwa abebbte, sondern sich transformierte und als Vorläufer der Anti-Globalisierungsbewegung der 1990er Jahre zu betrachteten ist. Enrique Tudela und Claudio Cattaneo legen daran anschließend in ihrem Beitrag dar, warum sich angesichts spezifischer historischer und politischer Umstände die neuen sozialen Jugendbewegungen im Spanien der frühen 1980er Jahre nur langsam entwickelten.

Im Abschnitt zu »New Social Movements and Youth Protest« geht Dario Fazzi in seinem Beitrag über die »Nuclear Freeze Generation« über den europäischen Kontext hinaus und fragt, ob es sich dabei um eine Revolte handelt oder nicht. Er argumentiert, dass die zunehmenden Sorgen um die Umwelt ihre Wurzeln schon in der von Anti-Modernismus und Antikapitalismus geprägten transatlantischen Gegenkultur der 1970er Jahre hatten. Die antinukleare Bewegung sei durch den Reaktorunfall im Kernkraftwerk Three Mile Island 1979 und der sogenannten Euromissile-Krise ab 1977, die zum NATO-Doppelbeschluss von 1979 führte, transformiert worden.

Sehr interessant ist der Teil des Buches, der sich explizit mit dem Komplex »Punk und Protestkultur« auseinandersetzt und dabei auch osteuropäische Entwicklungen in den Blick nimmt. Hier zeigt sich besonders deutlich, wie stark die Kontexte, in denen Jugendproteste entstanden, in Europa divergierten. In seinem Beitrag zum Jarocin Rock Festival in Polen beschreibt Grzegorz Piotrowski wie dieses Festival vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen der 1970er Jahre entstand und wie sich die polnische Punkszene in den 1980er Jahren die DIY-Kultur (DIY – Do it yourself) unter den dortigen gesellschaftlichen Bedingungen aneignete. Der Beitrag von Oskar Mulej beschreibt den Charakter und den Einfluss der Punkszene in Ljubljana.

Im letzte Abschnitt des Bandes diskutiert unter dem Titel »Expert Debates« beispielsweise Jan Hansen den Begriff der politischen Dissidenz; Almuth Ebke interpretiert die britischen riots von 1981 als Teil der britischen post-imperialen Geschichte3.

Abschließend lässt sich festhalten, dass es sich bei dem vorliegenden Sammelband um einen wertvollen Beitrag zur Zeitgeschichte und zu den sozialen Bewegungen in Europa »nach dem Boom« handelt. Die konkrete Frage nach einer »europäischen« Jugendrevolte findet eine Antwort, insofern als die hier vorgestellten Protestzusammenhänge teils auf mehreren Ebenen miteinander in Beziehung standen, sich aber auch deutlich unterschieden. Der Band stellt in der historischen Forschung bisher nur wenig beachtete transnationale Netzwerke und deren gegenseitige Prägungen und Einflüsse dar. Er analysiert die von den Akteuren geteilten Ziele und die diversen Ausdrucks- und Aneignungsformen teils synchron verlaufender Protestzusammenhänge in unterschiedlichen nationalen Kontexten. Dies trägt zu einem differenzierten Verständnis der Ereignisse selbst bei, offenbart aber auch weiterbestehende Forschungslücken, denn die Gleichzeitigkeit der Praxen gerade der Jugendbewegungen außerhalb der großen europäischen Städte, in kleinstädtischen und ländlichen Räumen, fanden und finden in der Forschung wie auch in diesem Band bisher nur wenig Beachtung.

1 Angela Siebold, So nah und doch so fern? Die 1980er Jahre historisch erforschen – Essay, in: APUZ 65 (2015), Nr. 46, S. 3–8 (aufgerufen 13.5.2018).
2 Axel Schildt, Detlef Siegfried, Deutsche Kulturgeschichte. Die Bundesrepublik von 1945 bis zur Gegenwart, München 2009, S. 365.
3 Es handelt sich um die Brixton riots in London und die Aufstände in Handsworth (Birmingham), Chapeltown (Leeds) und Toxteth (Liverpool).

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Jakob Warnecke, Rezension von/compte rendu de: Knud Andresen, Bart van der Steen (Hg.), A European Youth Revolt. European Perspectives on Youth Protest and Social Movements in the 1980s, Basingstoke, Hampshire (Palgrave Macmillan) 2016, XVIII–277 p. (Palgrave Studies in the History of Social Movements), ISBN 978-1-137-56569-3, USD 100,00., in: Francia-Recensio 2018/2, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2018.2.48461



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