Den Versuch zu unternehmen, die Geschichte des Flugblatts vom 15. bis ins 20. Jahrhundert auf rund 140 Seiten zu schreiben, ist ein durchaus mutiges Unterfangen. Dies gilt schon deshalb, weil die Eingrenzung des Gegenstands alles andere als evident ist. Hélène Camarade ist Professorin für études germaniques an der Universität Bordeaux-Montaigne und hat sich insbesondere mit dem Widerstand im »Dritten Reich« und in der DDR befasst und hat offenbar über diese Themenbereiche auch Zugang zum Medium des Flugblatts gefunden. So erklärt sich auch die Konzentration der Darstellung auf den deutschen Sprachraum. Camarade widmet sich ihrem Thema in einem doppelten Zugriff: Zunächst setzt sie sich auf systematischer Ebene mit dem Medium Flugblatt auseinander, bevor sie dann in einem zweiten Teil einen chronologischen Abriss liefert.

Ebenso wie die Grenze des Flugblatts zur Flugschrift auf der einen und zum Plakat auf der anderen Seite schwer zu bestimmen ist, ist auch die Terminologie sowohl im Französischen als auch im Deutschen alles andere als eindeutig – zumal über einen Untersuchungszeitrum von rund 500 Jahren hinweg. Entsprechend widmet sich Hélène Camarade der terminologischen Frage auch ganz am Anfang und beschreibt für beide Sprachen zunächst das Wortfeld: libelle, pamphlet, appel, papillon und dann vor allem feuille volante (für die Zeit bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts) sowie tract (für die Folgezeit) sind in Frankreich die gebräuchlichsten Begriffe. In Deutschland tauchen neben der Flugschrift und dem Flugblatt auch die ans Französische angelehnten Begriffe auf, aber auch die Begriffe Handzettel oder (im österreichischen Sprachraum) Streuzettel finden Verwendung.

Für den deutschen Kontext verweist Camarade auf die intensiven definitorischen Bemühungen zwischen Flugschrift (einer mehrseitigen, einmal erscheinenden, nichtgebundenen, tendenziell politisch-propagandistischen Schrift) und Flugblatt (als kurzfristig gedruckter, aus einem Blatt – teils beidseitig bedruckt – bestehender Schrift mit ebenfalls zumeist politisch-propagandistischem Charakter) zu unterscheiden. Camarade lässt sich aber auf definitorische Auseinandersetzungen nicht in extenso ein, sondern belässt es hier – vor dem Hintergrund der Vielfalt der historischen Erscheinungsformen – bei einem pragmatischen Zugang zu dem Phänomen.

Insgesamt, so Camarade, komme man dem Medium des Flugblatts ohnehin eher über seinen Inhalt, als über sein Format nahe. Doch hier bleibt die Autorin unscharf: Die Antwort auf die Frage, welches inhaltliche Merkmal das Flugblatt tatsächlich ausmachen soll, bleibt sie schuldig. Konkreter sieht Camarade dann in einer Kombination aus vier Merkmalen unterschiedlicher Ebene die besondere Charakteristik des Flugblatts: seine Funktion, sein Inhalt, seine Produktion und seine Verbreitungsart. In Anlehnung an ältere Literatur sieht Camarade das Flugblatt als ein besonderes Medium des politischen oder auch religiösen Kampfes, in dem bestimmte Positionen in besonderer Zuspitzung vertreten würden, und das dazu gedacht sei, Anhänger zu werben oder direkt zu Aktionen aufzurufen

Seine Besonderheit als Medium sieht Camarade in seiner großen formalen Flexibilität, so dass das Flugblatt ebenso als Variante einer Zeitung wie eines Plakats auftreten könne. In der Art und Weise seiner Verbreitung – des Weitergebens von Hand zu Hand – sieht Camarade dann das wichtigste Kriterium, wohingegen sich die Art der Drucks mit der allgemeinen Entwicklung der Drucktechnik deutlich verändert habe. Dabei profitierte gerade das Flugblatt von der technischen Entwicklung, die es immer einfacher werden ließ, einzelne Blätter schnell zu vervielfältigen.

In dem anschließenden chronologischen Abriss der Entwicklung des Flugblatts vom Beginn des Buchdrucks bis zum Ende der DDR im Jahr 1990 konzentriert sich Camarade vor allem auf die Phasen und Ereignisse, in denen das Medium eine wichtige Rolle spielte: die Reformation, die Aufklärung, die 1848er Revolution, als Propagandamedium der aufsteigenden Arbeiterbewegung, als Propagandamittel der Nationalsozialisten ebenso wie deren Gegner, als wichtiges Medium in der Endphase der DDR und schließlich als Medium der Friedensbewegung in der Bundesrepublik.

Auch wenn die Autorin hier ein bisschen von Highlight zu Highlight hüpft und manche Auswahl auch etwas willkürlich erscheint, lenkt das Buch gleichwohl die Aufmerksamkeit auf ein Kommunikationsmedium, dem gerade in bestimmten Phasen der Meinungsunterdrückung, im Kontext von Aufständen, Protest und Revolutionen und nicht zuletzt für soziale Bewegungen immer wieder eine enorme Rolle zukommt, und das dabei zum Teil den etablierten Medien den Rang abläuft. Zwar betont Camarade zurecht, dass Flugblätter nicht per se ein Kommunikationsmittel der Opposition oder von Gegengewalten waren und sind, gleichwohl scheint es als Medium des Protests am wirkungsvollsten zu sein: Es vermag etablierte Kommunikationskanäle zu unterlaufen und punktuell zu mobilisieren.

Dort, wo die Presse unterdrückt wird und wo schnelle und schwer kontrollierbare Kommunikations- und Mobilisationsmittel gesucht werden, kommt dem Flugblatt immer wieder eine wichtige Funktion zu. Dass das Flugblatt durch den Aufstieg des Internet und der sozialen Medien seine Funktion eingebüßt hat und möglicherweise verdrängt wird, deutet die Autorin am Schluss kurz an, ohne dies aber zum eigenen Untersuchungsgegenstand zu machen.

Eine vollständige Geschichte des Flugblatts liefert die knappe Darstellung von Hélène Camarade ohne Zweifel nicht, aber das ist auch nicht der Anspruch. Stattdessen bekommen die Leserinnen und Leser einen konzisen Überblick über die Geschichte des Flugblatts. Dabei lenkt die Darstellung die Aufmerksamkeit auf eine Reihe von Besonderheiten des nicht ganz trennscharf abgrenzbaren Mediums, das in bestimmten Situationen eine ganz besondere Form der Aufmerksamkeit erzeugen konnte. Worin diese Besonderheit jeweils genau lag, lässt sich dann erst in der konkreten historischen Konstellation, im Kontext des jeweiligen Medienverbunds genau bestimmen.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Jörg Requate, Rezension von/compte rendu de: Hélène Camarade, Le tract, média du pouvoir et des contre-pouvoirs. L’exemple de l’espace germanique (XVe–XXe siècles), Lormont 2017 (Le Bord de l’eau éditions), 158 p. (Documents), ISBN 978-2-35687-528-0, EUR 18,00. , in: Francia-Recensio 2018/2, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2018.2.48468