Anlässlich des 100. Geburtstags von Clemens Heller (1917–2002) veranstaltete das Wissenschaftskolleg zu Berlin im Mai 2017 eine Tagung mit dem Titel »Clemens Heller, der intellektuelle Entrepreneur«1. Der vorliegende Sammelband dokumentiert diese Konferenz in weiten Teilen und wurde zudem durch Beiträge von Patrick Fridenson, Ioana Popa und Immanuel Wallerstein ergänzt. Nicht allein das Jubiläum rechtfertigt diesen Band, sondern zugleich Hellers zentrale Stellung in der sozialwissenschaftlichen Forschung inner- und außerhalb Frankreichs. Zudem formulieren die Herausgeber den Anspruch, mittels Heller, »die Figur des intellektuellen Unternehmers zu profilieren«. Der Band selbst ist in zwei Abschnitte unterteilt, einen ersten, in dem persönliche Erinnerungen ihren Platz finden und einen zweiten, in welchem der Analyse mehr Platz eingeräumt wird.

Der erste Beitrag von Wolf Lepenies macht bereits deutlich, wie sehr beide Ebenen verschwimmen. Nach persönlichen Erinnerungen sowie einem biografischen Abriss (S. 14–21) deutet der Autor eine zentrale Fähigkeit des Organisators Heller an, nämlich seinen »Möglichkeitssinn«, sprich, die Fähigkeit sich Entwicklungen vorzustellen, zu antizipieren, Alternativen zu sehen (S. 17). In ihren Ausführungen erinnern Robert Darnton, Immanuel Wallerstein und Roger Chartier in verschiedener Weise an die Begabung Hellers, Kontakte zwischen Forschenden verschiedenster Interessensgebiete zu ermöglichen, »Clemens [Heller] made things happen«, wie Darnton beschreibt (S. 32). In ähnlicher Weise schildert Chartier das Büro Hellers als einen Mikrokosmos seiner Wissenschaftsvorstellung: »un monde où il faut rendre possibles des collaborations inattendues« (S. 40).

Dass sich die Abhandlungen aus dem ersten Teil nicht in bloßen Anekdoten erschöpfen, zeigt der Beitrag von David Gugerli, in welchem er Hellers Anruftechniken beschreibt. Indem Heller Telefongespräche mit der Frage begann »Ruf ich Sie an oder Sie mich?«, sorgte er für eine kleine Verunsicherung, wodurch er die Verhandlungen eröffnen konnte. Zugleich offenbarte diese doppeldeutige Frage wechselseitige Abhängigkeiten zwischen den Verhandlungspartnern, die es galt, für ein gemeinsames Ziel fruchtbar zu machen (S. 44 f.). Heller führte frühzeitig Verhandlungen via Telefon, wovon jedoch kaum Gedächtnisprotokolle existieren – eine Ausnahme bilden die Aufzeichnungen im Archiv der Rockefeller-Stiftung (S. 82). Aufgrund der daraus resultierenden Quellenproblematik gewinnt der Artikel Gugerlis besondere Relevanz. Abgeschlossen wird der erste Abschnitt durch persönliche Schilderungen von Reinhart Meyer-Kalkus und Dominique Moïsi.

Den mehr analytisch orientierten Abschnitt eröffnet Joachim Nettelbeck mit einem Beitrag über die Organisation des sog. Salzburg Seminars 1947 und 1948. Sehr begrüßenswert ist der Hinweis Nettelbecks, die Rolle Hellers bei der Entstehung des Seminars nicht aus einer ex-post-Perspektive zu verklären, sondern vielmehr im historischen Kontext verorten zu wollen (S. 59 f.). Nettelbeck zeichnet dabei nicht allein die Organisation der Seminare nach, sondern zugleich, wie der beginnende Ost-West-Konflikt dazu führte, dass Heller vonseiten der amerikanischen Militärregierung – aus Angst vor kommunistischer Unterwanderung – das Visum verweigert wurde (S. 67 f.).

Das Verhältnis zwischen Heller und Fernand Braudel sowie ihre Arbeitsteilung betrachtet Maurice Aymard. Während Braudel sich für die Formulierung von Zielen verantwortlich zeigte, galt deren Realisierung als Aufgabe Hellers (S. 74). Von zentraler Bedeutung, speziell für Heller, allgemeiner für den Typus des Organisators, erscheint die Feststellung Aymards, dass dessen Position im enseignement supérieur nicht vorgesehen war, sondern durch Braudel erst zu schaffen und durch das Wirken Hellers dann zu rechtfertigen war (S. 85).

Ähnlich wie Nettelbeck weist auch Ioana Popa darauf hin, dass bei jeder Biografie die Gefahr besteht, sie aus dem Rückblick als notwendig, ihren Verlauf als teleologisch zu verstehen. Um dieser Gefahr zu entgehen, legt die Verfasserin besonderen Wert auf spezifische Institutions- und Akteurskonstellationen, die das Wirken Hellers erst ermöglichten (S. 95 f.). So legt Popa überzeugend dar, auf welche Art Heller erworbene biografische Ressourcen bei der Implantierung der area studies mobilisieren konnte. Analog argumentiert Hinnerk Bruhns, der Akteurskonstellationen als hinreichende Erklärung für den Erfolg Hellers ausmacht (S. 144, 149). Dass Heller jedoch nicht allein als Organisator zu verstehen ist, betont Patrick Fridenson, indem er dessen Engagement für die Sozialgeschichte nachzeichnet (S. 156).

Der organisatorischen Praxis des »manager de projets« Heller unter besonderer Berücksichtigung der Projektplanung und -durchführung widmet sich Anne Kwaschik. Sie kann dabei einen wichtigen Beitrag zur Historisierung der projektbasierten Forschung leisten: Nicht nur bedingte jene neue Form der Wissenschaftsorganisation bestimmte Vorgehensweisen (Projektanträge etwa), sondern diese war den Franzosen in den 1950er Jahren gänzlich unbekannt, sodass der Umgang damit erst zu erlernen war (S. 136 f.).

Betrachtet man die Beiträge des Sammelbandes in ihrer Gesamtheit, so wird zweierlei deutlich. Zum einen ermöglichen die Abhandlungen, die Rolle Hellers bei der Implantierung der area studies und der administrativen Leitung der Maison des sciences de l’homme deutlicher zu fassen, wurde Heller doch in älteren Arbeiten nur ephemer behandelt2. Ist es dem Sammelband ohne Zweifel gelungen, der Figur des intellektuellen Unternehmers Profil zu geben, lassen die Beiträge zum anderen eine gewisse begriffliche Unschärfe erkennen: So wird Heller etwa als »créateur d’institutions«, »administrateur«, »imprésario intellectuel«, »intellektueller Entrepreneur«, »organisateur«, »coordinateur«, »animateur-agitateur scientifique« oder als »manager de la science« bezeichnet. Keineswegs soll dies als Kritik missverstanden werden, war es schließlich nicht Anspruch des Bandes, Hellers Tätigkeiten begrifflich festzuzurren. Doch erlauben die Beschreibungen seiner Tätigkeiten in den verschiedenen Beiträgen bereits eine begriffliche Annäherung, wird sein Handeln nur vor dem Hintergrund ökonomischer Planung nach 1945 verständlich, was einen Begriff wie »Projektmanager« nahelegen würde. Ferner lädt der Sammelband grundsätzlich ein, über den Typus des Organisators nachzudenken; dieses Nachdenken müsste dabei bereits im 19. Jahrhundert ansetzen, hat die Forschung doch hier bereits ähnliche Akteure identifiziert – Theodor Mommsen wäre zu nennen3.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass der vorliegende Sammelband nicht allein Einblicke in die Geschichte der französischen Sozialwissenschaften nach 1945 bietet, sondern sich zugleich auch einem bisher zu wenig betrachteten Typus von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen zuwendet. Es wäre daher wünschenswert, dass der Band eine breite Leserschaft innerhalb der Wissenschaftsgeschichte fände.

1 Workshop »Clemens Heller, der intellektuelle Entrepreneur« (abgerufen 18. Juni 2018).
2 Brigitte Mazon, Aux origines de l’EHESS. Le rôle du mécénat américain, Paris 1988. Vgl. die Besprechung in : Lutz Raphael, Von der wissenschaftlichen Innovation zur kulturellen Hegemonie? Die Geschichte der »nouvelle histoire« im Spiegel neuerer Gesamtdarstellungen, in : Francia 16/3 (1989), S. 120-127, hier S. 126.
3 Stefan Rebenich, Die Erfindung der »Großforschung«. Theodor Mommsen als Wissenschaftsorganisator, in: Hans-Markus von Kaenel u. a. (Hg.), Geldgeschichte versus Numismatik. Theodor Mommsen und die antike Münze, Berlin 2004, S. 5–20.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Tommy Stöckel, Rezension von/compte rendu de: Hinnerk Bruhns, Joachim Nettelbeck, Maurice Aymard (dir.), Clemens Heller, imprésario des sciences de l’homme, Paris (Éditions de la Maison des sciences de l’homme) 2017, 180 p., ISBN 978-2-7351-2404-6, EUR 19,00., in: Francia-Recensio 2018/3, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2018.3.51845