Die vorliegende Ausgabe stellt die französische Übersetzung des im Jahr 2002 von Giacomo Todeschini in italienischer Sprache veröffentlichten Werks »I mercanti et il tempio. La società cristiana e il circolo virtuoso delle richezza fra Medioevo ed Età Moderna« dar1. Die Übersetzung wurde von Ida Giordano in Zusammenarbeit mit Mathieu Arnoux, Spezialist für die Geschichte der Arbeit im Mittelalter, angefertigt. Erweitert wird sie durch ein Vorwort von Thomas Piketty, der vielen durch sein Werk »Das Kapital im 21. Jahrhundert« bekannt ist. Die Lektüre des Werks von Todeschini durch die Brille des modernen Ökonomen stellt einen Verfremdungseffekt dar, der Eigenschaften und Besonderheiten der mittelalterlichen Vorstellungswelt deutlicher hervortreten lässt. Was ist ihm also aufgefallen?

Sein Vorwort hat Piketty mit dem Titel »Das christliche Kapital« überschrieben, womit er zugleich eine Antwort auf die Frage gibt, was einen zeitgenössischen Ökonomen an einem Werk interessieren könnte, das mit seinem Titel »Die Händler und der Tempel« auf eine tief im Christentum verankerte Vorstellung von der Mäßigung ökonomischen Gewinnstrebens verweist. Das Thema ist im Mittelalter weit bekannt, wofür nur auf ein Fresko Giottos verwiesen zu werden braucht, welches als Titelbild des vorliegenden Buchs dient. An diesem Beispiel zeigt Todeschini gleich von Beginn an, dass die Episode von Jesus im Tempel zwar ein Beispiel dafür ist, dass Geld im Mittelalter mit einem Tabu behaftet sein konnte, sich dahinter aber weitere Überlegungen über ökonomische Praktiken befinden, die zentral im mittelalterlichen Denken verankert waren.

Den Ökonomen Piketty interessiert an der Studie von Todeschini, dass es nicht des Industriekapitalismus bedarf, damit sich im Mittelalter bereits Vorstellungen von Besitz, Zirkulation und Akkumulation von Reichtum ausbilden. Die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Thema lässt sich zunächst im geistlichen Bereich beobachten, wo sie der Rechtfertigung und Erklärung kirchlichen Besitzes, dessen Fortdauer über rechtliche und ökonomische Techniken abgesichert wurde, diente. In einem zweiten Schritt wurden diese Errungenschaften schrittweise auf die gesamte Gesellschaft ausgedehnt. Denn in beiden Fällen stützte der ökonomische Besitz eine auf politische und religiöse Dominanz aufbauende soziale Ordnung, die ihrerseits besitzwahrend wirkt. Indem aber ein Teil des Reichtums an die Kirche abgeführt und auf der Basis sich selbst gegebener ökonomischer und finanzieller Regeln gewirtschaftet wurde, konnte Reichtum zu einer positiven Komponente christlicher Gesellschaften werden (S. 8).

Die Verwaltung von Gütern entwickelte sich im Hochmittelalter weiter und es entstanden Praktiken, die mehr oder weniger nah dem Wucher kamen und mehr oder weniger durch innovative Kreditinstrumente und Rentengeschäfte versteckt wurden. Diese ökonomischen und finanziellen Praktiken wurden durch Ideen und Doktrinen abgestützt, die zunächst nicht dem ökonomischen, sondern dem religiösen Bereich zugehörig waren. Ihre Identifikation und Einordnung in einen historischen Zeitraum (11.–15. Jahrhundert), der durch die Intensivierung und Expansion des Handels, der Produktion und der Zirkulation von Gütern gekennzeichnet ist, war das Verdienst der Arbeiten von Todeschini. Sie beeindrucken den zeitgenössischen Ökonomen.

Hierzu gehören noch zwei weitere Elemente: Erstens, dass die Exklusionsdiskurse gegenüber Juden und andersgläubigen Gruppen auf der Basis ihrer vorgeblichen Unfähigkeit des rechten Gebrauchs von Gütern formuliert wurden und christliche Finanziers favorisierten, die sich nunmehr aufgrund von legitimen Formen des Kredits im Geldgeschäft engagierten. Zweitens die Entfaltung eines Diskurses, der einerseits zur Aufwertung der Arbeit beitrug und andererseits den »schlechten« vom »nützlichen Armen« unterschied. Hier stellt Piketty Verbindungen zu den Arbeiten von Mathieu Arnoux zur Arbeit her. Die Vereinheitlichung der Arbeitswelt (der künftige dritte Stand) und die Anerkennung einer Form von »Ungleichheit« sind, laut Piketty, zwei Formen, welche die »Modernität« des Mittelalters ausmachen.

In einer Zeit, in der die Funktionsweise des Kapitalismus infrage steht und nach Lösungen gesucht wird, seine Auswirkungen auf die Gesellschaften – Stichwort »Erbkapitalismus« (capitalisme patrimonial) – abzumildern, wie sie Thomas Piketty und andere vorgeschlagen haben, kann mithilfe des Werks von Todeschini auf die Wissensressourcen der Mediävistik zurückgegriffen werden. Dabei sollte man sich natürlich davor hüten, die Geschichte nutzen zu wollen, um Zustände als historisch unveränderbar darzustellen oder den einen oder anderen Vorschlag historisch begründen und legitimieren zu wollen.

Stattdessen wird man auf der Grundlage des Buchs von Todeschini die drei zentralen Fragen nach der Produktion, Zirkulation und Verteilung von Reichtum weiter diskutieren können. Die jeweils neue geistige und intellektuelle Fundierung dieser Reihung hat Todeschini für das Mittelalter anhand der umfangreichen Untersuchung geistlicher und scholastischer Werke von Thomas von Aquin bis Johannes Calvin geleistet und dabei acht Kategorien mit jeweils einer Logik ausgemacht, welche die von Todeschini formulierte Idee des »tugendhaften Zirkels« von Reichtum stützen. Es sind diese: »haben: berühren« (avoir: toucher), »besitzen: tauschen« (posséder: échanger), »gebrauchen: verbrauchen« (faire usage: consommer), »zurückgeben: entschädigen« (restituer: indemniser), »geben: verpflichten« (donner: obliger), »anhäufen: entnehmen« (accumuler: soustraire), »investieren: schützen« (investir: protéger), »verwalten: heilighalten« (administrer: sanctifier).

Abgesehen von ihrem normativen Anspruch vermitteln diese Kategorien ein Bedeutungssystem, das verhaltensbestimmend wirkte, aber nicht durch institutionelle Setzungen entschieden wurde, sondern in einem Gefüge unterschiedlicher Diskurse (kirchlich, klösterlich, städtisch, höfisch) entstand, die Todeschini umfassend analysiert und darstellt. Hierzu gehören auch die normative und funktionale Bewertung von Teilen der zeitgenössischen Gesellschaften, für welche die Diskurse um die Aufwertung von manueller Arbeit und die Abwertung eines Teils der Armen Beispiele sind. Sie stellen zeitgenössische Antworten auf das ewig aktuelle Ordnungs- und Knappheitsproblem wirtschaftlichen Handelns dar, das ursächlich die Regeln menschlichen Zusammenlebens betrifft. Gerade dieser letzte Punkt eröffnet Möglichkeiten eines fächerübergreifenden Dialogs im kulturwissenschaftlichen Forschungsfeld von Wirtschaft.

1 Zur italienischen Erstausgabe siehe die Rezension von Andreas Rehberg, in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 83 (2003), S. 530f.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Nils Bock, Rezension von/compte rendu de: Giacomo Todeschini, Les Marchands et le Temple. La société chrétienne et le cercle vertueux de la richesse du Moyen Âge à l’Époque moderne. Préface de Thomas Piketty. Traduction de l’italien par Ida Giordano, avec la collaboration de Mathieu Arnoux, Paris (Albin Michel) 2017, 464 p., 8 p. d’ill. en coul. (L’Évolution de l’humanité), ISBN 978-2-226-32419-1, EUR 27,00., in: Francia-Recensio 2018/4, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2018.4.57411



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