Selten fängt ein Buch mit einer pessimistischen Äußerung an, dies aber ist der Fall bei der Herausgeberin Catherine Maurer in der Einleitung ihres Sammelbands zur konfessionellen Koexistenz, was viel über die historische Realität eines solchen Zusammen- oder Nebeneinanderlebens aussagt. Der Erfolg der historiografischen Konfessionalisierungstheorie habe bis heute unser Bild eines durch Kontroversen und Konflikte konfessionell geteilten Deutschlands geprägt: Fokussiert auf der von der lutherischen Reformation ausgehenden Trennung zwischen Alt- und Neugläubigen und auf die zahlreichen religiösen und politischen Konsequenzen in den verschiedenen Territorien des Alten Reichs, schien die Konfessionalisierungstheorie sich in ein »Gefängnis von langer Dauer« (»prison de longue durée«) der deutschen Geschichtswissenschaften umgewandelt zu haben.

Damit meint C. Maurer, dass die Konzentration auf die konfessionellen Unterschiede und Konfliktzonen die Frage nach der Koexistenz unterschiedlicher religiöser und/oder konfessioneller Gemeinden ausgeblendet habe. Das »Miteinander trotz und in der Trennung« – nach der Formel des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt – sei dabei vollkommen übergangen worden. Diese Frage stand deshalb im Mittelpunkt der Beiträge dieses Sammelbands. Ziel war dabei, die unterschiedlichen Formen des konfessionellen Zusammenlebens zu untersuchen: von direkten Konflikten bis zum friedlichen Zusammensein, vom Krieg bis zur Gleichgültigkeit, vom Dialog bis zum Streit.

Der Band umfasst 21 Beiträge, die in vier Schwerpunkte aufgeteilt werden. Die erste Sektion beschäftigt sich mit Reaktionen auf die Koexistenz in einer gegenseitigen Perspektive (»regards mutuels«). Hier geht es zuerst um die Wahrnehmung von Juden in christlichen diplomatischen Quellen im Mittelalter (Benoît-Michel Tock), dann um die Katharer und das Gespenst der ketzerischen Gegenkirche vom Mittelalter bis in die neueste Zeit (Uwe Brunn), weiter um den Umgang der Katholiken und Protestanten mit der Fürsorge im Elsass des 16. Jahrhunderts (Élisabeth Clementz), weiter noch um die Reaktion der »Kirchenmänner« in einer dreikonfessionellen Stadt wie Metz im 17. Jahrhundert (Julian Léonard) und schließlich um den katholischen Klerus in Elsass während des Ersten Weltkriegs (Annette Jantzen).

In der zweiten Sektion geht es um die Frage, wie mit der konfessionellen Koexistenz umgegangen wurde. Zur Beantwortung dieser Frage untersucht Olivier Marin die Debatte mit den Hussiten in Basel anhand des »Tractatus super justificatione vocationis Bohemorum« aus dem Jahr 1432. Im darauffolgenden Beitrag über Neuchâtel im 17. Jahrhundert analysiert Bertrand Forclaz die Memoiren des Statthalters (maire) von La Côte, Abraham Chaillet, der aus einer reichen, im 17. Jahrhundert in den Adelstand erhobenen Patrizierfamilie aus Neuchâtel stammte. Anschließend stellt Matthias Schnettger die Frage nach den Auswirkungen der fürstlichen Konversion auf das Volk seiner Ländereien anhand von Beispielen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Abschließend stellt Christophe Duhamelle die Art und Weise dar, wie Ostern im Jahr 1724 auf zwei verschiedenen Arten und Weisen im Heiligen Reich Deutscher Nation gefeiert wurde.

Im Mittelpunkt des dritten Teils steht die geografische Verankerung der Koexistenz. Zunächst stellt Rolf Große die Frage, ob Paris und Köln im 12. Jahrhundert das goldene Zeitalter der jüdischen Gemeinden bildeten. Loïc Chollet interessiert sich für die Evangelisierungsbestrebungen Samogitias, der letzten heidnischen Provinzen Europas, sowohl durch den Deutschen Ritterorden (Ordo Teutonicus) als auch durch das Großherzogtum Litauen zu Beginn des 15. Jahrhunderts. Laurent Jalabert nimmt die angebliche Einheit der konfessionellen territorialen Identität im Heiligen Reich unter die Lupe. Die historische Realität auf dem Terrain war vielfältiger und komplexer als zunächst vermutet. Zur Illustration konzentriert er sich auf Territorien der Familie Nassau-Saarbrücken und Nassau-Usingen an der Grenze zwischen dem Herzogtum Lothringen und dem Königtum Frankreich im Zeitraum vom 16. bis 18. Jahrhundert. Kaspar von Greyerz zeigt einige Fälle vom konfessionellen Zusammenleben in schweizerischen Städten im 16. und 17. Jahrhundert. Claude Muller stellt die Frage, ob das Elsass im 19. Jahrhundert als »multikonfessionelles Labor« bezeichnet werden darf. Vom »Labor« ist es auch im darauffolgenden Beitrag von Sarah Scholl über die paradoxen Wirkungen der religiösen Durchmischung in Genf die Rede, die sie im Hinblick auf die »Erfindung« der Laizität gerade als Antwort auf die konfessionelle Vielfalt am Anfang des 20. Jahrhunderts untersucht.

In der vierten und letzten Sektion geht es um die Frage, wie sich die religiöse oder konfessionelle Koexistenz leben lässt, wie sich Toleranz und Intoleranz auswirkt und wie man damit umgeht. Jérémie Foa beschäftigt sich dabei mit den Überlebensstrategien der Hugenotten nach dem Ende der friedlichen konfessionellen Koexistenz in Paris nach der Bartholomäusnacht im August 1572. Frank Muller interessiert sich für die Toleranz und den Nikodemismus unter den Künstlern und Intellektuellen zu Beginn der Vereinigten Provinzen und am Hofe Rudolphs II. in Prag zwischen 1580 bis 1610. Olaf Blaschke wirft die Frage auf, inwiefern das 19. Jahrhundert als zweites konfessionelles Zeitalter oder als zweites Zeitalter des Konfessionalismus verstanden werden darf. Céline Borello setzt sich sowohl mit dem gewalttätigen als auch mit dem toleranten Umgang zwischen Katholiken und Protestanten auseinander und stellt die Frage, wie beide Gruppen im Alltag miteinander lebten. Wie es sich als Jude im kommunistischen und katholischen Polen nach dem Zweiten Weltkrieg (1949–1989) leben ließ, fragt anschließend Audrey Kicheleweski.

Aufgrund der extrem unterschiedlichen Fallbeispiele, die dieser Sammelband umfasst, freut sich der Leser bzw. die Leserin über die zusammenfassenden Schlussfolgerungen von Yves Krumenacker. In seinem umfangreichen Fazit betont er drei Kategorien von Ergebnissen. Zunächst geht es um das Bewusstwerden darüber, dass es einen »Anderen« mit einer anderen Konfession überhaupt gab, was eine anschließende Koexistenz voraussetzt. Die zweite Kategorie von Erkenntnissen betrifft die vielfältigen Modi von Koexistenz. Daraus ergibt sich als dritte Kategorie von Erkenntnissen eine umfangreiche Palette von Auslösern und Lösungsmodellen für konfessionelle Konflikte.

Nun stellt sich abschließend die Frage, ob es nicht einträglicher gewesen wäre, angesichts der zahlreichen, kurzen Beiträge, die extrem heterogene Fallbeispiele behandeln, unter »konfessioneller« im strengen Sinne des Wortes und »religiöser« Koexistenz stringenter zu unterscheiden. Die Thematik des Zusammen- und Nebeneinanderlebens zwischen Christen und Juden gehört einer besonderen Art von Koexistenz, die andere Fragen aufwirft. Insgesamt bietet der Band ein breites Panorama über die historische und geografische Vielfalt von Koexistenzmodellen und -problemen, vom gelungenen und misslungenen Zusammenleben, aber leider verliert man irgendwann den roten Faden, und man vermisst eine tiefgründige Reflektion über einen gemeinsamen Nenner. Nichtsdestotrotz tragen all diese Ergebnisse zur Relativierung der Konfessionalisierungstheorie bei und zeigen anschaulich, wie viel komplexer und vielfältiger die historische Realität in der Tat war als die Theorie es vermuten lässt. Schon allein deswegen freut man sich über weitere Forschungsergebnisse zu dieser Problematik.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Isabelle Deflers, Rezension von/compte rendu de: Catherine Maurer, Catherine Vincent (dir.), La coexistence confessionnelle en France et en Europe germanique orientale. Du Moyen Âge à nos jours, Lyon (Laboratoire de recherche historique Rhône-Alpes) 2015, 362 p. (Chrétiens et sociétés. Documents et mémoires, 27), ISBN 979-10-91592-12-3, EUR 25,00., in: Francia-Recensio 2018/4, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2018.4.57465



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