Studien zu Erinnerungskultur(en) haben seit den Pioniertagen des Gießener SFB 434 (von 1997 bis Ende 2008) einen enormen Boom erlebt. Memory Studies haben sich längst zu einem allumfassenden Schlagwort entwickelt, dessen Omnipräsenz mittlerweile Gefahr läuft, seine semantische Präzision und heuristische Operationalisierbarkeit zu verlieren.

Die vorliegende Untersuchung leistet allerdings einen wichtigen Beitrag zum Thema, der auf neuere Ergebnisse in der Forschung eingeht, diese systematisiert und theoretisch weiterentwickelt. Die Multi- und Intermedialität auch von frühmodernen Erinnerungsdiskursen und -strategien ist mittlerweile allgemein anerkannt und gilt nicht mehr als Signatur der Moderne. Auch die Untersuchung längerfristiger Erinnerungskonstellationen steht seit einiger Zeit stärker im Fokus der Frühneuzeitforschung. Hier hat unter anderem das von 2008 bis 2014 an der Universität Leiden durchgeführte Forschungsprojekt »Tales of the Revolt. Memory, Oblivion and Identity in the Low Countries, 1566–1700« wichtige methodische und theoretische Grundlagen geschaffen und am Beispiel des Achtzigjährigen Krieges getestet.

Es ist jedoch das Verdienst von Ulrich Niggemann, dass er besonders die Rekonfigurationen bestimmender Bausteine der Revolutionserinnerung von 1688/1689 bis 1760 unter die Lupe nimmt. Der Begriff »Memorem«, den Niggemann in Analogie zum Begriff »Kulturem« für diese Bausteine einführt, bietet sicherlich einen Schlüssel für weitere Forschungen in diese Richtung. Diese Vorgehensweise erlaubt dem Autor zudem, Gleichzeitigkeiten, Konjunkturen, konkurrierende und umkämpfte Wort- und Begriffsverwendungen zu untersuchen. Ziel der Arbeit ist es, im Gegensatz zu vielen älteren englischen Forschungen nicht eine lineare Entwicklung von der Glorious Revolution zum englischen Parlamentarismus zu ziehen, oder den konservativen und konsensualen Charakter englischer politischer Umwälzungen nachzuzeichnen. Vielmehr will Niggemann die Pluralität der Erinnerung aufzeigen, die sich in den politischen Gegebenheiten und in den am Diskurs beteiligten Gruppen unterschied, und dadurch auch den pragmatischen Umgang mit Erinnerungsbausteinen im jeweiligen politischen Tagesgeschäft der Zeitgenossen deutlich zu machen.

Während der erste Teil der Arbeit sich auf die Genese und Sedimentierung der Revolutionserinnerung(en) im Gegenwartshorizont der Ereignisse fokussiert, geht es im zweiten Teil um die Aneignung und Rekonfigurationen der Erinnerungsbausteine nach der Etablierung der Herrschaft von William und Mary bis zur Thronbesteigung Georgs III.

Für den Themenkomplex der englischen Revolutionserinnerung, die ja auch die Auseinandersetzung mit der Absetzung und der Hinrichtung Charles I. beinhaltet, kann Niggemann besonders auf die stark interdisziplinär ausgerichteten Arbeiten von Kevin Sharpe zurückgreifen, der in der britischen Geschichtsschreibung als ein Pionier für interdisziplinäre Interpretationen von Medien der Macht im politischen Diskurs gilt, und der bereits in den 1990er Jahren bis zu seinem frühen Tod 2011 Themen wie die mediale Repräsentation der Monarchie und das Verständnis vom Begriff »Revolution« untersucht hat, mit denen sich auch Niggemann auseinandersetzt.

Das Ergebnis der vorliegenden Studie ist vielschichtig: Kernpunkt der Interpretation der Glorious Revolution bleibt der bereits von Jonathan Clark als grundlegendes Deutungsmuster interpretierte Providentialismus, der, gepaart mit einem (politischen) Antikatholizismus die intellektuelle Auseinandersetzung um die Revolution und ihre Folgen bestimmte. Innerhalb des theologischen Interpretationsspektrums gab es allerdings auch wichtige Brüche, Nuancen und Denkweisen, die die Revolution gerade nicht als Wiederherstellung einer bestehenden Ordnung sahen. Daneben werden auch andere Interpretation – der Rekurs auf die ancient constitution oder der Widerstand gegen Tyrannei – auf ihre Wirkmächtigkeit untersucht.

Die Publikation dieser mit 653 Seiten sehr umfangreichen Monografie ist die überarbeitete Habilitationsschrift des Autors und trägt auch die Signatur dieses Genres. Sie zeichnet sich aus durch einen dichten methodischen und theoretischen Teil, eine umfassende Diskussion der Sekundärliteratur zum Thema sowie eine sehr gründliche und umfangreiche Quellenanalyse, die mit Hilfe eines qualitativ arbeitenden Softwareprogramms (QDA) bewältigt wurde. Niggemann kontextualisiert seine Untersuchung in verschiedenen Forschungsfeldern: Er leistet einen Beitrag zum Komplex der Memory Studies, er positioniert sich in der Debatte um eine Kultur- und Ideengeschichte von »Revolution« im Allgemeinen (und der sehr umfangreichen Literatur zur Glorious Revolution im Speziellen) und er diskutiert die multimedialen Kommunikations- und Handlungsräume der frühneuzeitlichen (englischen) Gesellschaft. Dieses ambitionierte Programm kann verwirren.

Während der erste Teil der Studie, der ungefähr die Hälfte des Textes ausmacht, aber nur die ersten Jahre der Glorious Revolution von 1688 bis 1689 untersucht, durch die Analyse einer Vielzahl von manchmal überraschenden Medien, wie etwa einem Set Spielkarten von 1689 (S. 73) oder der Liedkultur der Revolution, besticht, wird die Auseinandersetzung im zweiten Teil sehr viel stärker fokussiert auf Textmaterial wie Predigten, histories, und politische Kommentare im Dickicht der nun entstehenden parteipolitischen Auseinandersetzungen. Gerade in diesem Teil verwischen sich gelegentlich die (allerdings insgesamt fließenden) Grenzen zwischen Intellectual History und Erinnerungskulturforschung. Die Revolutionserinnerungen in Schottland und Irland, oder selbst im England außerhalb Londons werden nicht berücksichtigt, was angesichts der Fülle des bereits für London bearbeiteten Materials vermutlich auch nicht machbar gewesen wäre. Der in Einleitung und Schlussteil angedeutete Einfluss der Glorious Revolution auf das Denken über Revolution bei den europäischen und transatlantischen Nachbarn bleibt ein in der Zukunft zu untersuchendes Forschungsprojekt, dem es sich sicherlich lohnt, weiter nachzugehen.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Raingard Esser, Rezension von/compte rendu de: Ulrich Niggemann, Revolutionserinnerung in der Frühen Neuzeit. Refigurationen der »Glorious Revolution« in Großbritannien (1688–1760), München (De Gruyter Oldenbourg) 2017, XIV–653 S., 30 s/w Abb. (Veröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts London, 79), ISBN 978-3-11-054054-3, EUR 64,65., in: Francia-Recensio 2018/4, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2018.4.57468



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