Der 100. Jahrestag des Weltkriegsbeginns 1914 war erwartungsgemäß Anlass zu zahlreichen Publikationen, die sich mit Themenkreisen und Fragestellungen beschäftigten, die in früheren Jahren nicht im Fokus gestanden hatten. Zwar hat der »Cultural Turn« bereits in den 1990er Jahren Einzug in die internationale Weltkriegsforschung gehalten, doch löste das öffentliche Gedenken ab 2014 noch einmal eine intensive Forschungstätigkeit aus, die sich nicht zuletzt in zahlreichen mikrohistorischen Studien zur Kulturgeschichte des Krieges niederschlug und unserem Bild der »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« zahlreiche Facetten hinzufügte. In diesem Kontext fand im Oktober 2015 auch das von der katholischen Universität Lille veranstaltete, fachübergreifend und international besetzte Kolloquium »Les diocèses en guerre 1914–1918. L’Église déchirée« statt, dessen Beiträge jetzt gedruckt vorliegen.

In ihrer Einleitung begründen die Herausgeber Jean Heuclin und Xavier Boniface den Titel »L’Église déchirée« mit der Tatsache, dass der Blick der Kirchen auf den Krieg sich stets im Spannungsfeld zwischen dem supranationalen und universalen Anspruch der christlichen Friedensbotschaft und der nationalpatriotischen Prägung des geistlichen Personals bewegte, und das ganz besonders im Kontext der von allen Kriegsparteien in Anspruch genommenen Lehre vom »gerechten Krieg«. Unterschiedlichste Aspekte dieses Spannungsverhältnisses werden in den 18 Beiträgen des Tagungsbandes, die sich auf das Umfeld der Flandernfront beziehen, in den Fokus gerückt.

Das erste der vier Hauptkapitel des Bandes ist den Reaktionen der belgischen bzw. französischen Geistlichkeit und der Bevölkerung auf die deutsche Besetzung gewidmet. Valentin Malfait (Löwen) beschäftigt sich mit der Diözese Namur und nimmt vor allem die Persönlichkeit von Bischof Thomas-Louis Heylen in den Blick. Er stellt heraus, dass dieser zunächst eine abwartende, gegenüber der Besatzungsverwaltung durchaus kooperative Haltung an den Tag legte und einen Modus Vivendi mit dieser suchte. Erst Anfang 1915 – ausgelöst durch den Hirtenbrief »Patriotisme et Endurance« des Mechelner Bischofs Kardinal Désiré-Joseph Mercier, der Vaterlandsliebe zur religiösen Pflicht stilisierte – schwenkte Heylen auf die patriotische und auch widerständige Linie ein, für die er in der Nachkriegszeit hoch dekoriert wurde.

Auch Caroline Biencourt (Cambrai) und Olivier Georges (Lyon) befassen sich mit einem Oberhirten einer besetzten Diözese, der sich Patriotismus und Hirtenamt gleichermaßen auf die Fahne geschrieben hatte, nämlich mit Jean-Arthur Chollet, dem Erzbischof von Cambrai. Sein katholisch-konservativer Patriotismus gab einerseits dem deutschen Gegner, der Macht über Recht stelle, die Hauptschuld am Krieg, interpretierte andererseits die missliche Situation Frankreichs seit 1914 als Strafe Gottes, die den Irrungen der Moderne und insbesondere dem republikanisch-demokratisch-laizistischen Staatssystem geschuldet seien.

Dass der klassische katholisch-antimodernistische Diskurs aber nicht in allen besetzten Bistümern Nordfrankreichs die Oberhand gewann, macht der Beitrag von Bruno Béthouart (Boulogne-sur-Mer) über die Diözese Arras deutlich. Unter dem Episkopat der Bischöfe Émile Lobbedey und Eugène Julien versuchte man hier, im Zeichen der Union sacrée die Gräben der Vorkriegszeit zu überwinden und den katholischen Klerus gerade angesichts der Herausforderungen der Kriegszeit als loyalen Unterstützer des republikanischen Staats zu profilieren.

Zu in gewisser Hinsicht vergleichbaren Ergebnissen kommt auch Rudy Rigaut (Arras) in seiner erhellenden Studie über die jüdischen Kultusgemeinden in den Departements Nord und Pas-de-Calais. In den Kriegsereignissen sahen sie eine Gelegenheit, ihren aufrechten Patriotismus zu beweisen, der von Teilen der französischen Gesellschaft seit den 1890er Jahren und insbesondere im Umfeld der Dreyfus-Affäre in Frage gestellt worden war.

Der zweite, für die deutsche Leserschaft besonders interessante Hauptteil befasst sich mit dem deutschen Klerus an der Westfront. Die Beiträge von Yves Métivier und Raymond Verhaeghe (Löwen) über die Frontbesuche der deutschen Bischöfe Felix von Hartmann (Köln) und Franz Karl von Bettinger (München-Freising), von Dominik Schindler (Kaiserslautern) über den Frontbesuch des damaligen Speyerer Bischofs Michael von Faulhaber, von Arne Steinberg (Marburg) über den Divisionspfarrer Anton Foohs, und von Monica Sinderhauf (Trier) über den Divisionspfarrer Julius Langhaeuser zeichnen sich insbesondere dadurch aus, dass sie aus bisher nicht bekanntem oder genutztem Quellenmaterial schöpfen – im Fall von Foohs und Langhaeuser aus Tagebüchern, im Fall von Hartmann und Bettinger aus Bildbänden, die nach deren Frontbesuchen publiziert wurden. Dadurch ermöglichen sie faszinierende Einblicke in den unmittelbaren Kontakt der Geistlichen mit den Frontsoldaten und den Stellenwert des Religiösen im Alltag des Schützengrabens.

Der dritte Hauptteil des Tagungsbandes ist einerseits dem für die Kirchen im Krieg sehr wichtigen Betätigungsfeld der Kranken- und Verwundetenpflege gewidmet, andererseits dem widerständigen Verhalten in den besetzten Gebieten – wobei die sachlichen Gründe, diese beiden Themenkreise in einem gemeinsamen Kapitel zusammenzufassen, unklar bleiben. Catherine Maurer (Straßburg) analysiert den Caritasverband für das katholische Deutschland. Nachdem er seit seiner Gründung 1897 von der katholischen Amtskirche zunächst mit einer gewissen Distanz betrachtet worden war, änderte sich das nach dem Kriegsausbruch 1914 grundlegend. 1916 wurde er von den deutschen Bischöfen offiziell als Sozialdienst der katholischen Kirche legitimiert. Emmanuelle Duez-Luchez und Catherine Masson (beide Lille) stellen die Kongregation der Filles de l’Enfant-Jésus der Diözese Lille vor, die während der deutschen Besatzung von ihren übergeordneten Strukturen abgeschnitten war und dennoch aufopferungsvolle Arbeit leistete.

Die verschiedenen Facetten widerständigen Verhaltens gegen die deutsche Besatzung eröffnen einen Blick auf ein bislang weithin unbekanntes Kapitel der Kriegsrealität. Die Beiträge von Jean-Paul Visse (Lille) über das Oppositionsblatt »L’Oiseau de France«, von Christophe Leduc (Arras) auf der Basis des Tagebuchs des Pfarrers von Maroilles (Departement Nord), Joseph Peter, und von Christian Cannuyer (Lille) über den Spionagedienst Service du Sacré-Cœur des Pfarrers Liévin-Joseph Thésin in der Diözese Tournai basieren – ähnlich wie die Beiträge des zweiten Hauptteils – nicht auf amtlichen Akten, sondern auf Presseerzeugnissen bzw. auf privaten Aufzeichnungen der Protagonisten. Sie erweitern durch ihre Perspektive »von unten« unser Wissen über den Alltag in den besetzten Gebieten an der Westfront um entscheidende Aspekte.

Der vierte Hauptteil beschäftigt sich mit der genuin theologischen Dimension in der Kriegswahrnehmung und mit den unmittelbar nach Kriegsausbruch einsetzenden Initiativen zur Etablierung des Gedenkens an die Gefallenen. Dominique Foyer (Lille) zeichnet die unter französischen Theologen ab 1914 beginnende Debatte um die Legitimation des Waffengangs als »gerechten Krieg« im Sinne von Thomas von Aquin nach. Die Debatte, die sich auch darum drehte, ob der Tod auf dem Schlachtfeld ungebrochen mit dem Martyrium im christlichen Sinn gleichgesetzt werden dürfe, führte letztlich zu keinem Ergebnis. Nicht zuletzt war man sich sehr bewusst, dass in allen am Krieg beteiligten Ländern die Lehre vom »gerechten Krieg« ins Feld geführt und der Tod auf dem Schlachtfeld zu einer quasi-religiösen Pflicht sakralisiert wurde.

Dass die Lehre vom »gerechten Krieg« aber auch das Potenzial hatte, trotz der Gegnerschaft auf dem Schlachtfeld Brücken zu bauen, weil sie immer auch die Vision eines gerechten Friedens implizierte, macht der Beitrag von Jean Heuclin (Lille) über die zweisprachige Zeitschrift »Katholische Monatsbriefe – Correspondance catholique mensuelle« deutlich. Sie sollte in den besetzten Gebieten Flanderns die deutsche Sicht des Krieges als »gerecht« verbreiten, unterstützte aber zugleich – anders als etwa die alldeutsche Propaganda – die Friedensinitiativen von Kaiser Wilhelm II. und Papst Benedikt XV.

Der »kommemorative« Aspekt des Krieges kommt schließlich in den zwei letzten Beiträgen zum Tragen. Thierry Scholtes (Saint-Hubert) stellt die im belgischen Staatsarchiv aufbewahrten Diözesanberichte von 1914 aus den Provinzen Namur und Luxemburg vor; Xavier Boniface (Amiens), analysiert das in Kriegsgedenkfeiern und -schriften entworfene Bild der gefallenen Priester als Helden, Opfer und Märtyrer und die daraus resultierende Konstruktion von kollektiven lieux de mémoire der einzelnen Diözesen.

Der Tagungsband belegt eindrücklich, wie differenziert die Realität des Ersten Weltkriegs und insbesondere des Kriegsalltags in den besetzten Gebieten Belgiens und Nordfrankreichs inzwischen betrachtet werden kann. Die Auswertung anderer als amtlicher Quellen lässt Aspekte in den Vordergrund treten, die bisher kaum bekannt waren; unter ihnen spielt die religiöse Dimension eine zentrale Rolle. Genau aus diesem Grund vermisst man in dem Band allerdings einen Blick auf den Protestantismus – den deutschen wie den französischen. Wie sich die protestantische Minderheit in Nordfrankreich in der Besatzungszeit 1914 bis 1918 verhalten hat, hätte ebenso Erhellendes zur Thematik beigetragen wie ein Vergleich der katholischen Kriegstheologie mit der schon seit geraumer Zeit gut erforschten deutschen protestantischen Theologie. Der strukturell vergleichenden Forschung – deutsch-französisch-belgisch, protestantisch-katholisch und auch militärisch-zivil – bietet sich hier noch ein weites Feld.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Andreas Metzing, Rezension von/compte rendu de: Xavier Boniface, Jean Heuclin (dir.), Diocèses en guerre 1914–1918. L’Église déchirée entre Gott mit uns et le Dieu des armées, Villeneuve-d’Ascq (Presses universitaires du Septentrion) 2018, 324 p. (Histoire et civilisations), ISBN 978-2-7574-1922-9, EUR 25,00., in: Francia-Recensio 2018/4, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2018.4.57494



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