Der Begriff »Konsumterror« ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Im 68er- und linksalternativen Milieu der späten 1960er und der 1970er Jahre war er hingegen recht verbreitet. Auch wenn er oft diffus blieb, erinnerte er doch daran, dass die »Welt des Konsums« keineswegs frei von gewaltförmigen Zügen war – Gewalt im Sinne des norwegischen Konfliktforschers Johan Galtung allerdings sehr weit gefasst: als »strukturelle Gewalt«. Alexander Sedlmair, der an der Universität Bangor in Wales Moderne Geschichte lehrt, knüpft an diese Debatten an, indem er in seiner spannenden Analyse diese zwei Phänomene vereinigt. Seinen Schwerpunkt legt er auf die politische Dimension des Konsums und der Gewalt, es geht ihm um die »historische Verortung der Kritik an ›Versorgungsregimen‹« (S. 7). Darunter versteht er »das Netzwerk der Aktivitäten, die den Konsum mit den Machtverhältnissen verbinden, die ihn ermöglichen und gleichzeitig andere Formen von Konsum und Produktion verhindern« (S. 22).

Gestützt auf Archivmaterial zu »sozialen Bewegungen und militanten Gruppen« – beispielsweise aus dem APO-Archiv der FU Berlin, dem Bundesarchiv Koblenz, dem Hamburger Institut für Sozialforschung und dem International Institute of Social History in Amsterdam – möchte er zeigen, dass »die Konsumdebatten in der Bundesrepublik während des Kalten Kriegs mit Diskursen zum staatlichen Gewaltmonopol, zu Terrorismus, Krieg, Revolution und Genozid historisch eng verknüpft waren« (S. 8). Und er erinnert an die gerade aufgrund der Systemkonfrontation der beiden deutschen Staaten hierzulande offenkundige »Verquickung von Themen des Konsums mit politischen und gewaltförmigen Konflikten im Kontext des Kalten Kriegs« (S. 17).

Seine Darstellung beginnt bei den niederländischen Provos, den Pionieren konsumkritischer politischer Kampagnen, und den Künstlergruppen SPUR und Subversive Aktion, die »Räume des urbanen Einzelhandels zu Brennpunkten für Protest« gemacht hatten (S. 45), und konzentriert sich dann auf verschiedene Aktionen gegen Kaufhäuser, die schließlich im Brandanschlag auf ein Frankfurter Kaufhaus im April 1968 gipfelten. Im zweiten Kapitel untersucht er verschiedene Konzepte einer neomarxistischen Kritik der Wohlstandsgesellschaft, auf die sich die Aktivisten der Studentenbewegung teilweise beriefen, allen voran die einschlägigen Schriften Herbert Marcuses, der »für die transatlantische Entstehung und Entwicklung einer weitreichenden Kritik der Konsumgesellschaft […] eine zentrale Rolle spielte« (S. 134).

Es folgt ein Kapitel über die militanten Angriffe gegen Repräsentanten der Konsumgesellschaft, wie sie die Tupamaros Westberlin und die RAF durchführten, deren entsprechende Stellungnahmen er einer besonders eingehenden und genauen Analyse unterzieht. Dabei widerspricht er dem Eindruck, als habe sich nur Ulrike Meinhof kritisch mit der »Konsumentenpolitik« (S. 178) des kapitalistischen Systems auseinandergesetzt. Hier zieht er den Analysebogen bis in die 1980er Jahre und zu den militanten Aktionen autonomer Gruppen. Im Anschluss behandelt der Autor die Debatten und Konflikte um den öffentlichen Nahverkehr einschließlich der Blockade von Straßenbahnen und der Zerstörung von Fahrkartenautomaten.

Im fünften Kapitel rekapituliert er die Anti-Springer-Kampagne, insbesondere die Demonstrationen und Blockaden nach dem Attentat auf Rudi Dutschke, bis in die 1980er Jahre im Kontext der Friedensbewegung. Zunächst gegen ein »offenbar manipulatives Informationsmonopol« der Springer-Presse gerichtet (S. 238), eskalierten die Proteste nach dem Attentat im April 1968. In diesem Zusammenhang setzt sich Sedlmaier auch mit der damals aufkommenden Debatte über »Gewalt gegen Sachen – ja, gegen Menschen – nein« auseinander. Und er erwähnt überdies, dass Axel Springer selbst »lange vor der Außerparlamentarischen Opposition die Strategie des politisch motivierten und durch ökonomischen Druck flankierten Boykotts ergriffen hatte« – und zwar gegen das »kommunistische Wochenblatt ›Blinkfüer‹« (S. 264).

Das sechste Kapitel widmet sich dem gewaltsamen »Konflikt um die öffentlichen Güter des städtischen Raums und insbesondere des Wohnraums« (S. 39) in Frankfurt und Westberlin, das siebte weitet die Perspektive in geografischer Hinsicht und thematisiert die »globalen Dimensionen von Versorgungsregimen« (S. 333), mit anderen Worten die Versuche, »Solidarität zwischen den Konsumenten in den hochindustrialisierten Gesellschaften und den Produzenten in den Entwicklungsländern herzustellen« (S. 40).

Sedlmaiers wichtige Studie bietet einen originellen Blick auf die Anfänge der Kritik an den Auswüchsen der Konsumgesellschaft und des mitunter gewaltsamen Widerstands dagegen. Sie besticht durch eine präzise, unvoreingenommene Analyse und einen, wie der Autor selbst einräumt, »gewissen Grad an Einfühlungsvermögen« (S. 34). Damit hebt sich das Buch wohltuend ab von manch anderen einschlägigen Arbeiten, welche die nötige Distanz zum Untersuchungsgegenstand vermissen lassen.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Werner Bührer, Rezension von/compte rendu de: Alexander Sedlmaier, Konsum und Gewalt. Radikaler Protest in der Bundesrepublik, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 2013, 464 S., 27 s/w Abb., ISBN 978-3-518-42774-3, EUR 32,00., in: Francia-Recensio 2018/4, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2018.4.57573



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