Die vorliegende Studie ist dem Thema Flucht und Integration seit der Frühen Neuzeit gewidmet. In den Blick nimmt der Autor Europa, wobei die Nachbarräume Osmanisches Reich (Türkei) und Russland (Sowjetunion) mit einbezogen werden. Der Adressat dieser Monografie ist ein eher breites Publikum. Dabei verpasst es Ther nicht, Leserinnen und Leser in die historiografischen Debatten um die Typologisierung und Definition von Flucht und Integration einzuführen. Gespickt ist das Buch mit Porträts historischer Akteure (und oftmals prominenter Persönlichkeiten wie Manès Sperber oder Madeleine Albright), die alle eine Vergangenheit als Flüchtling gemeinsam haben und aus deren Perspektive diese Erfahrung geschildert wird.

Im ersten Teil thematisiert der Autor Flucht aus religiösen Motiven. Die Auswanderung der Hugenotten im 16. Jahrhundert aus Frankreich sowie deren gelungene Aufnahme in deutschen Staaten wie etwa Preußen hat unsere Vorstellung von Flucht, deren Ursachen und Verlauf stark geprägt. Zu Recht erinnert uns Ther daran, dass Integration kein linearer Prozess ist, auch wenn die hugenottische Erfolgsgeschichte dies glauben macht. Am Beispiel der muslimischen Flüchtlinge in Südosteuropa im 19. Jahrhundert zeigt Ther, welche Wirkung die Erfahrung von Flucht und Vertreibung, die sich in bis heute virulenten Gewalt- und Opfernarrativen niederschlägt, entfaltete.

Viele dieser Flüchtlinge schlossen sich den Jungtürken an, die eine konsequente Nationalisierung anstrebten und die Verfolgung der Armenier mit einer von christlicher Seite ausgehenden Bedrohung rechtfertigten. Umgekehrt wurde auf dem Balkan die Gewalt gegen die muslimischen Bosniaken noch in den 1990er Jahren mit der von den »Türken« ausgehenden Bedrohung begründet. Hier zeigt sich, wie eng verwoben Nationalismus, ethnische Säuberungen und religiöse Konflikte waren.

Folgerichtig wendet sich die Studie im zweiten Teil der Flucht vor Nationalismus zu, die mit dem Ersten Weltkrieg einen ersten Höhepunkt erlebte, während der Nationalsozialismus und Zweite Weltkrieg mit 14 Millionen Menschen gar eine viermal so große Flüchtlingswelle hervorrief. Angesichts der Wirren der Nachkriegszeit und der großen Zerstörung, von der Deutschland betroffen war, verlief die Aufnahme, Versorgung und Integration der 12 Millionen deutschstämmigen Vertriebenen verhältnismäßig rasch, was auf die Solidarität der Alteingesessenen mit den Einwanderern zurückging. Israel, das 1947 auf Grundlage des UN-Teilungsplanes entstand, war in einem noch viel grundsätzlicheren Maße ein Flüchtlingsstaat, welcher Juden aus Europa aufnahm und ihnen die Staatsbürgerschaft verlieh, mit Blick auf die Palästinenser aber selbst millionenfache Flucht verursachte.

In den frühen 1990er Jahren sahen sich Deutschland und Österreich mit Flüchtlingen aus Kroatien, Bosnien und Herzegowina, später auch aus dem Kosovo konfrontiert. Sie alle suchten Schutz an Orten, an denen bereits Familienangehörige oder Freunde waren, die zu einem früheren Zeitpunkt eingewandert waren. Ther unterstreicht hier den Zusammenhang von Flucht und Arbeitsmigration, die beide miteinander verschränkt waren, was zugleich den oftmals verkürzten Vergleich zwischen schutzberechtigten Flüchtlingen und profitorientierten Wirtschaftsmigranten in Frage stellt. Die brutale serbische Kriegführung bewirkte Solidarität, die Flüchtlinge erhielten kollektiv Asyl, wobei Deutschland, das sich stets schwer damit tat, sich selbst als Einwanderungsland zu sehen, mit Ende des Krieges konsequent die Repatriierung vorantrieb.

Bei der politischen Flucht, die Ther im dritten Teil behandelt, ist festzuhalten, dass diese zahlenmäßig zwar weniger ins Gewicht fiel, dafür die Wahrnehmung von Flüchtlingen und den Umgang mit diesen umso mehr prägte. So war die Verfolgung der Revolutionäre von 1848 die eigentliche Geburtsstunde der »Achtundvierziger«, die sich als Generationenkohorte im öffentlichen Diskurs niederschlug. Zu einer ersten international koordinierten Flüchtlingspolitik kam es im Zusammenhang mit dem russischen Bürgerkrieg und dem Auftreten massenhafter Flucht aus dem zerfallenen Zarenreich. Zur wichtigsten Organisation entwickelte sich hier der Völkerbund. Mit der Einführung des Nansen-Passes, so benannt nach dem für die russischen Flüchtlinge zuständigen Hochkommissar Fridtjof Nansen, wurde die systematische Weiterleitung und organisierte Aufnahme von Flüchtlingen ins Leben gerufen und eine Rückführung gegen deren Willen ausgeschlossen.

Diese letzte Bestimmung begann unter dem Migrationsdruck im Zusammenhang mit dem spanischen Bürgerkrieg von 1936 immer mehr aufzuweichen. Die konservative Daladier-Regierung in Frankreich handelte 1939 ein Repatriierungsabkommen mit Franco aus, mit dem 250 000 Spanier in ihre Heimat zurückgebracht wurden. Viele von ihnen waren zuvor in sogenannten »Konzentrationslagern« interniert worden. Der Umgang mit den spanischen Flüchtlingen, das hebt Ther hervor, war ein Indiz dafür, wie die westlichen Demokratien gegenüber den Herausforderungen des Faschismus versagten.

Der Kalte Krieg führte zu einer weiteren Politisierung der Flucht, Schutzsuchende von jenseits des Eisernen Vorhangs hatten gute Chance auf dauerhafte Aufnahme, da sich der Westen von der totalitären Sowjetunion abzugrenzen suchte. Eine zentrale Rolle für die Versorgung und Weiterleitung der Flüchtlinge spielte das 1950 gegründete UNHCR. Dies betraf etwa die 47 000 ungarischen Aufständischen, die 1956 von Österreich großzügig aufgenommen wurden. Weniger reibungslos verlief die Aufnahme von DDR-Flüchtlingen, von denen noch vor dem Aufstand von 1953 über eine Million in Westdeutschland ankamen.

Debatten um eine Obergrenze zeigten, dass die Solidarität nicht automatisch vorgegeben war. Erst das große Engagement der USA in der Fluchthilfe führte in Deutschland zu einem Umdenken. Der Konsens zur Aufnahme begann sich in den 1980er Jahren im Kontext der steigenden Arbeitslosigkeit in Deutschland wieder aufzulösen, was die vietnamesischen Flüchtlinge betraf, die ihre Heimat aus Furcht vor den Roten Khmer verließen. Dabei führte diese Krise zugleich zu einem verstärkten Engagement von Nichtregierungsorganisationen wie Kap Anamur, die sich der Rettung der Boatpeople verschrieben hatte.

Im letzten Teil, der dem Thema der Integrationsängste gewidmet ist, weist Ther darauf hin, dass eine falsche Vorstellung und Überfrachtung von Integration zu falschen Erwartungen innerhalb der Aufnahmegesellschaft führe. Am Beispiel der türkischen »Gastarbeiter« zeigt er, dass die staatlichen Bestimmungen zu deren Aufnahme von Beginn an eine desintegrative Wirkung hatten. Die Erfahrung von sozialer Segregation, Diskriminierung und Rassismus waren ein Grund, dass sich viele türkische Einwanderer stärker mit ihrem Herkunftsland identifizierten als mit Deutschland.

In einem Exkurs beschäftigt sich Ther schließlich mit dem syrischen Bürgerkrieg, wobei hier die Grenzen zwischen politisch und religiös motivierter Flucht spätestens mit dem Eintreten des Islamischen Staates fließend sind. Auf eine strukturelle religiöse oder politisch-ideologische Solidarität können die Flüchtlinge in Europa nur selten hoffen, was Ther als großes Hindernis für eine dauerhafte Integration ansieht. Darüber hinaus sei es ebenso wichtig, dass sich Deutschland als Einwanderungsland begreife und sich nicht länger der Illusion hingebe, die Flüchtlinge kehrten bald wieder in ihre Heimat zurück.

Eine große Stärke von Thers Untersuchung ist es, verbreitete Vorstellungsmuster und Vorurteile als unzutreffend und irreführend zu entlarven. Angesichts der kontroversen und hitzigen Debatten, die aktuell zumal in Deutschland im Gange sind, kommt sein Buch zum richtigen Zeitpunkt. Aus historiographischer Sicht einzuwenden wäre, dass eine grundlegende These im engeren Sinn fehlt und dass das analytische Gerüst nicht immer klar erkennbar ist. Diese Monita fallen aber angesichts der vielschichtigen Argumentation und des ausgewogenen Urteils, zu dem Ther in Bezug auf seine Untersuchungsfälle kommt, kaum ins Gewicht. Der Leserin bzw. dem Leser wird eine schlüssige und sehr gut lesbare Gesamtschau historischer Fluchtformen geboten, die dieser auch dankbar annimmt, wie die zweite Auflage von 2018 zeigt.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Axel Dröber, Rezension von/compte rendu de: Philipp Ther, Die Außenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 2017, 436 S., ISBN 978-3-518-42776-7, EUR 26,00., in: Francia-Recensio 2018/4, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2018.4.57575



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