Im Jahr 1977 befanden sich noch vier deutsche NS-Täter im westlichen Ausland in Haft: in Italien der ehemalige SS-Obersturmbannführer und Leiter des Sicherheitsdienstes in Rom, Herbert Kappler, und die drei ehemaligen SS-Männer Joseph Kotalla, Ferdinand aus der Fünten und Franz Fischer im niederländischen Breda. Der vierte Breda-Häftling, SS-Sturmbannführer Willy Lages, war bereits 1966 wegen einer Krebserkrankung in ein deutsches Krankenhaus überstellt worden. Kappler war unter anderem verantwortlich für die als »Sühnemaßnahme« deklarierte Erschießung von 335 Italienern in den Ardeatinischen Höhlen im März 1944, die Häftlinge in Breda hatten die Deportation von mehr als 100 000 Juden in die Vernichtungslager maßgeblich mitorganisiert beziehungsweise im Konzentrationslager Amersfoort an Misshandlungen und Exekutionen teilgenommen.

Alle diese Kriegsverbrecher erfreuten sich vier Jahrzehnte lang beträchtlicher Unterstützung aus der Bundesrepublik. Erwartungsgemäß leistete ein Netzwerk von Interessenverbänden, das der Autor unter dem Begriff »Kriegsverbrecherlobby« zusammenfasst, alle nur erdenkliche Hilfe. Unterstützung »in rechtlicher, finanzieller und politischer Hinsicht« kam seit Anfang der 1950er-Jahre aber auch von allen Bundesregierungen, ganz gleich, ob CDU- oder SPD-geführt – und zwar weit über den für im Ausland inhaftierte Bundesbürger üblicherweise gewährten »Rechtsschutz« hinaus. Die Häftlinge erhielten beispielsweise monatliche Taschengelder oder weihnachtliche »Liebesgabenpakete«, gefüllt mit »Sardinenbüchsen und Mettwürsten« – während gleichzeitig NS-Opfer bei deutschen Behörden »um Anerkennung und vielfach um Entschädigung kämpfen mussten« (S. 14).

Dieses Engagement der Bonner Regierungen und die Frage nach deren Motiven für die Kriegsverbrecherhilfe stehen im Zentrum des Buchs. Dass es sich um eine Dissertation handelt, abgeschlossen an der Universität Göttingen und betreut von Petra Terhoeven, ist über weite Strecken kaum zu spüren, weil Bohr von den für Qualifikationsarbeiten üblichen methodischen und sprachlichen Gepflogenheiten und Standards abweicht – allerdings nicht mit Blick auf die Quellenrecherche. So hat er insbesondere die einschlägigen Bestände im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts, im Bundesarchiv, im Archiv der sozialen Demokratie und im Archiv für Christlich-Demokratische Politik ausgewertet, ferner bislang nicht zugängliche Unterlagen aus den Archiven des Bundesnachrichtendiensts und des Bundesamts für Verfassungsschutz sowie Materialien aus italienischen und niederländischen Archiven. Somit gründet das Buch auf einer bemerkenswert breiten und vielfältigen Quellenbasis.

Nach einem knappen Überblick über die Verbrechen der Inhaftierten und die verhängten Strafen schildert der Autor im zweiten Kapitel die Anfänge der Kriegsverbrecherhilfe und die verschiedenen involvierten Organisationen und Behörden. Waren es zunächst die beiden Kirchen, die mangels staatlicher Instanzen denjenigen rechtlichen und moralischen Beistand leisteten, »denen vorgeworfen wird, ein Kriegsverbrechen begangen zu haben« (S. 61), wie der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Theophil Wurm, 1948 gewiss nicht ohne Hintersinn erklärte, so bemühten sich schon vor der Verkündung des Grundgesetzes staatliche Stellen mit Erfolg um die »Zentralisierung der bundesdeutschen Kriegsverbrecherhilfe« (S. 78). Schützenhilfe leisteten seit Anfang der 1950er-Jahre Organisationen wie der Verband der Heimkehrer, Kriegsgefangenen und Vermisstenangehörigen Deutschlands, die Stille Hilfe für Kriegsgefangene und Internierte e. V. und die ausschließlich aus ehemaligen Waffen-SS-Angehörigen bestehende Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit.

Im dritten Kapitel widmet sich Bohr dem Wandel von der offenen zur verdeckten Hilfe für Kappler und die anderen NS-Täter, den er mit dem »erinnerungskulturellen Wandel« seit Beginn der 1960er-Jahre erklärt. In diesem Zusammenhang seien bestimmte »Narrative, etwa der bundesdeutsche Opfermythos, […] zwangsläufig mehr und mehr ins Verborgene« (S. 174) verschwunden.

Im vierten und mit über 100 Seiten längsten Kapitel analysiert Bohr vor allem den Einsatz der Regierungen Brandt und Schmidt für die Amnestierung der »Kriegsverurteilten«, wie die Kriegsverbrecher inzwischen auch im Sprachgebrauch sozialliberaler Politiker hießen. Diese Akzentuierung ist gerechtfertigt, denn anders als die »Brothers in Crime« (S. 368) der Kriegsverbrecherlobby waren die Sozialdemokraten mit dem Anspruch angetreten, »mehr Demokratie wagen« zu wollen – insofern erscheint ihr Engagement zugunsten Kapplers und der »Drei von Breda« keineswegs selbstverständlich.

Zur Erklärung verweist der Autor auf Brandts Versuche, den Regierungsantritt der sozialliberalen Koalition als »Neuanfang« zu inszenieren, bei dem die »Hypotheken der Älteren« (S. 220) nur störten. Der Kanzler zeigte sich zunehmend genervt von den »musealen Überbleibseln des Krieges« (S. 260), wie er in einem Interview mit dem »Stern« mit Blick auf Kappler erkennen ließ: »Dass dort unten einer, der ziemlich stark in sehr böse Sachen hineingeraten ist, immer noch bei seinem ehemaligen Verbündeten einsitzt, leuchtet mir nicht ein« (S. 261). Als Kappler im August 1977 die Flucht aus dem Militärhospital gelang, war zumindest dieses Problem gelöst – allerdings verbunden mit dem erneuten Aufleben des Bildes vom »hässlichen Deutschen« nicht nur in der italienischen, sondern auch in der westeuropäischen Presse.

Das abschließende Kapitel behandelt die Entwicklung bis zur Begnadigung der verbliebenen »Zwei von Breda«. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Alfred Dregger begrüßte die Freilassung im Januar 1989 und betonte, die Haft »dieser alten Männer […] habe jeden rechtsstaatlichen und moralischen Sinn verloren« (S. 362).

Auch wenn man der Behauptung des Autors, beim Engagement der Bundesregierungen für die im westlichen Ausland inhaftierten Kriegsverbrecher handle es sich um ein »bislang größtenteils unbekanntes Kapitel der bundesdeutschen Geschichte« (S. 15) nicht zustimmen mag: Bohr hat die bisherige Literatur überzeugend in seine auf unveröffentlichtem Archivmaterial basierende Studie integriert. Entstanden ist eine stimmige und kritisch-engagierte Erzählung der Bemühungen staatlicher, kirchlicher und privater Akteure um die Freilassung von Kriegsverbrechern, die auf der Legende von der »sauberen Wehrmacht« und einem während des »Dritten Reiches« selten spürbaren deutschen Rechtsempfinden gründeten. Die Lektüre dieses Buchs lohnt sich jedenfalls nicht nur angesichts aktueller Rufe nach einer grundlegenden erinnerungspolitischen Wende.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Werner Bührer, Rezension von/compte rendu de: Felix Bohr, Die Kriegsverbrecherlobby. Bundesdeutsche Hilfe für im Ausland inhaftierte NS-Täter, Berlin (Suhrkamp) 2018, 558 S., 11 Abb., ISBN 978-3-518-42840-5, EUR 28,00., in: Francia-Recensio 2019/4, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2019.4.68523