Das im Titel der Habilitationsschrift von Thomas Kohl prominent genannte Jahr 1100 als Kristallisationspunkt zweier von großen Umwälzungen und Veränderungen geprägter Jahrhunderte in Europa hat seit jeher das Interesse der Forschung auf sich gezogen. In Frankreich und Deutschland, den Untersuchungsräumen der vorliegenden Arbeit, ist dabei unterschiedlich vorgegangen worden. Während die französische Forschung lange einen Wandel im 11. Jahrhundert mit dem Begriff der »Feudalisierung« zu erklären versuchte, ist die deutsche Forschung durch die Subsumierung dieser Zeit unter das Schlagwort des Investiturstreits von diesem Ereignis noch immer mehr beeinflusst, als sie es sich vielleicht selbst eingestehen möchte.

Sich gerade von diesen »nationalen Meistererzählungen« (S. 59) zu trennen, ist der von Kohl formulierte Anspruch seiner Arbeit, für die er Ergebnisse der Konfliktforschung aufgegriffen hat. Neben der Frage nach allgemeinen Unterschieden in der »politisch-sozialen Ordnung« (S. 55) in den – keineswegs mit den Reichen der Zeit identischen – Untersuchungsräumen (der Herrschaftsbereich der Grafen von Anjou in Frankreich sowie weitgehend der Bereich des Herzogtums Schwaben in Deutschland) dienen ihm ausgewählte Konflikte, um einerseits deren (versuchte) Lösung, andererseits deren »narrative Verarbeitung« (S. 55) zu untersuchen. Ohne die großen Streitpunkte des 11. und beginnenden 12. Jahrhunderts auszusparen, legt Kohl den Fokus auf den Konflikt und dessen Auswirkung als politische (De)Stabilisation.

Nach einer Einleitung mit kurzem Forschungsüberblick samt einem Einblick in die Konfliktforschung (S. 11–59) sowie einer Auseinandersetzung mit den Untersuchungsräumen und der Quellenlage (S. 61–97) verfolgt Kohl in fünf Kapiteln (S. 99–443) verschiedene Formen des Konflikts und der Konfliktführung in beiden Untersuchungsräumen. Längere Zusammenfassungen an jedem Kapitelende ermöglichen dabei auch der eiligeren Leserin bzw. Leser einen schnellen Überblick über Vorgehen und Ergebnisse, doch lädt die durchweg gut geschriebene und angenehm zu lesende Arbeit trotz ihres großen Umfangs ein, sie zur Gänze zu lesen. Die Analyse wird mit einem umfangreichen Schlusskapitel beendet (S. 445–477), das noch einmal leicht zugänglich alle Ergebnisse bündelt. Die Arbeit schließt mit einem Abkürzungs-, dem Quellen- und Literaturverzeichnis, zwei Karten der Untersuchungsräume sowie einem Personen- und Ortsregister.

Den ersten Schwerpunkt (Kap. 3, S. 99–156) bilden Besitzkonflikte, die sich zahlreich in den überlieferten Quellen abgebildet finden und deren zumeist erzielte Lösung auf ein etabliertes und erprobtes Verfahren zurückzuführen sei, das auch den Unterlegenen eine Kompensation zugestand. Gewalt habe dabei sowohl stabilisierend als auch destabilisierend wirken können. Es folgt der Blick auf Bürgerkriege (Kap. 4, S. 157–237, den Begriff des »Bürgerkrieges« schränkt Kohl zu Recht dahingehend ein, ihn für ausgetragene Kriege »primär im Inneren einer politischen Ordnung« [S. 157, Anm. 1] zu verwenden), die einer veränderten Quellenlage unterliegen.

Sind Besitzkonflikte, so Kohl, vor allem urkundlicher Überlieferung zu entnehmen, verschwindet diese in Zeiten tiefgreifender Konflikte fast vollständig. An ihre Stelle treten erzählende Quellen, etwa – stellvertretend für weitere Beispiele – die süddeutsche Bodenseechronistik um Bernold von Konstanz. Bewährte Verfahren zur Konfliktlösung hätten nun nicht mehr gegriffen, und den Chronisten sei es vielmehr darauf angekommen, der von ihnen unterstützten Partei die Deutungshoheit im Konflikt zuzuschreiben.

Der folgende Abschnitt (Kap. 5, S. 239–309) stellt dann die Bischöfe als zentrale Akteure in Konflikten in den Mittelpunkt, was insbesondere mit einem sich wandelnden Bischofsbild im ausgehenden 11. Jahrhundert in Verbindung gebracht wird. Problematisiert werden (bspw. anhand der Auseinandersetzung um den Augsburger Bischofssitz zwischen Wigold und Siegfried) die nicht mehr geduldete Einflussnahme weltlicher Großer auf daraus resultierende Konflikte sowie das spannungsreiche Feld der Laieninvestitur. Die auf den ersten Blick bekannten Ergebnisse eröffnen durch die Gegenüberstellung deutscher und französischer Fälle eine ganz neue Einsicht, indem sie unerwartete Parallelen aufscheinen lassen.

Die beiden abschließenden inhaltlichen Abschnitte (Kap. 5 und 6, S. 311–357, 359–443) befassen sich mit lange andauernden Konflikten von Klöstern um Besitz sowie Freiheit(en). Die lange währenden Verfahren (verstanden hier als über mehrere Jahrzehnte reichend) lassen dabei eine zunehmende Einbeziehung des Gerichtswesens beobachten, ohne dass jedoch ein geregelter Ablauf in der Anrufung eines Gerichts festgestanden oder ein getroffenes Urteil den Abschluss eines Verfahrens bedeutet hätte; es habe vielmehr nur eine Etappe dargestellt. Der Griff nach klösterlichen Freiheiten wiederum zeige noch einmal die direkte oder indirekte Einbindung auch der Klöster in die großen Auseinandersetzungen des ausgehenden 11. Jahrhunderts. Der oftmals angestrebte Papstschutz zeugte von der gestiegenen Einflusssphäre Roms, während am Beispiel des Klosters Benediktbeuern die direkte Involvierung in den Konflikt zwischen Reich und Kirche beobachtet werden kann.

Insgesamt besticht die Arbeit durch ihre reiche Quellenauswahl und -analyse, geschöpft aus zwei auf den ersten Blick äußerst unterschiedlichen Untersuchungsräumen, die für einen Vergleich zunächst nicht unbedingt geeignet scheinen. Kohl gelingt es aber sehr überzeugend, die lange bestehenden »Meistererzählungen« zu umschiffen und damit einen neuen Blick auf Frankreich und Deutschland im Umbruch vom 11. ins 12. Jahrhundert zu bieten, der jenseits der nationalen Zuschreibungen verbindend Mittelalterliches erkennen lässt.

Die Austragung und Lösung der Konflikte boten nämlich oftmals größere Übereinstimmungen, als die traditionelle Sicht erwarten lässt. Einschränkend ist festzuhalten, dass die mitunter sehr disparate Quellenverteilung nicht in den Händen des Autors liegt, doch dass dadurch nicht jeder Vergleich im selben Maße überzeugend ist (insbesondere aufgrund der unverhältnismäßig reichhaltigeren urkundlichen Überlieferung auf französischer Seite), was jedoch die grundsätzliche Bedeutung der einzelnen Beispiele für sich sowie der generellen Ergebnisse und des Stellenwerts dieser Arbeit in keiner Weise beeinträchtigt. Ihr ist vielmehr zu wünschen, die über die bekannten Narrative hinausgehende Auseinandersetzung mit dieser konfliktbeladenen Zeit weiter anzuregen.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Matthias Weber, Rezension von/compte rendu de: Thomas Kohl, Streit, Erzählung und Epoche. Deutschland und Frankreich um 1100, Stuttgart (Anton Hiersemann) 2019, 559 S. (Monographien zur Geschichte des Mittelalters, 67), ISBN 978-3-7772-1926-4, EUR 188,00., in: Francia-Recensio 2020/3, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2020.3.75558