In dem seit einigen Jahrzehnten florierenden Forschungsfeld der Diplomatiegeschichte nimmt die Stadt Straßburg aus zumindest zwei Gründen eine herausragende Stellung ein: Erstens aufgrund ihrer reichen Überlieferung, und zweitens – forschungsgeschichtlich betrachtet (wobei auch auf die problematischen politischen Hintergründe des 20. Jahrhunderts zu verweisen ist) – aufgrund der bedeutenden Impulswirkung des Alterswerks von Hermann Heimpel zu der Familie Vener1. Abseits solcher prominenter Gestalten und Familienverbände wurde das Straßburger städtische Gesandtschaftswesen in jüngerer Zeit jedoch weniger gewürdigt. Hier setzt die bei Sabine von Heusinger, einer der gegenwärtig besten Kennerinnen der elsässischen Archivlandschaft, verfasste, leicht überarbeitet publizierte Dissertation von Simon Liening an. Sie zeigt, welch große Erkenntnisfortschritte die Forschung auch heute noch durch Arbeiten machen kann, die sich mit unediertem Archivmaterial befassen.

Die Arbeit beginnt mit einer Situierung ihres Gegenstandes in den Kontext der vorwiegend deutschen Forschung zum Gesandtschaftswesen und konstatiert, dieser Bereich stelle für die Städte ein noch recht unbeackertes Feld dar2. Sie legt dann den Straßburger Fall in Quellen und Forschung dar. Es folgen drei Großkapitel, welche den Kern der Analyse ausmachen. In Kapitel II (»Organisation und Zuständigkeiten: Gesandtschaften und Außenpolitik«) kann Simon Liening zunächst aufzeigen, dass die Verfassungsänderungen des 14. Jahrhunderts in Straßburg eine Umgewichtung des traditionell patrizischen Einflusses zu den Zünften hin mit sich brachten, außerdem, dass fortan dem Stadtrat entscheidende, aber nicht exklusive Bedeutung für das Gesandtschaftswesen zukam, und ferner, dass ein begrenzter Personenkreis an dessen Politik partizipierte.

Aufschlussreich sind hier die aus den Quellen gewonnenen konkreten Beobachtungen zu diplomatischen Praktiken, teils unscharfen Kompetenzen, zu In- und Exklusion von Gesandten in die Prozesse, zu Entsendungen durch städtische Initiative oder Anforderung von außen. Wir erfahren etwas über Geheimhaltung, die bis hin zu Aufforderungen zum Zerreißen von Briefen ging, sowie zu Einfluss und Handlungsspielräumen der Gesandten, etwa auch durch das Pflegen von Parallelkorrespondenzen (mit Rat und Ammeister). Als Rahmenbedingungen der Gesandtschaften werden auch ihre Finanzierung und Ausstattung besprochen. Nach einer Einteilung des Personals in Boten, Gesandte und Stadtschreiber werden von 37 ermittelten Personen einige von ihnen vorgestellt (hierbei wäre m. E. eine ausführlichere Prosopografie in stärkerer Systematisierung hilfreich gewesen).

Kapitel III (»Kontextbezogene Herausforderungen für Straßburger Gesandtschaften«) stellt dann drei case studies der Straßburger Diplomatie vor, einmal bei dem Thronwechsel des Jahres 1400 nach der Absetzung Wenzels. Hier wird die kontinuierliche Beobachtung und Bewertung des Geschehens durch die Gesandten verdeutlicht. Das zweite Beispiel ist die Gründung des Marbacher Bundes im Jahr 1405. Hierbei wird das konfliktbeladene Verhältnis der Stadt zu König Ruprecht dargelegt. Unter Nutzung der Edition der »Deutschen Reichstagsakten, Ältere Reihe«, kann der Verfasser drei Phasen der Verhandlungen detailliert analysieren: von Vorverhandlungen (Stichwort: Konsensfindung) über Gesandtschaften (Stichwort: Interessenvertretung) bis hin zum Ausscheiden Straßburgs aus dem Bund durch eine Einigung mit Ruprecht.

Das dritte Beispiel betrifft die städtischen Verhandlungen im Konflikt mit ihrem Bischof Wilhelm von Diest am Konstanzer Konzil, bei denen die Gefangennahme des Bischofs zur Verhängung des Interdikts und zu einem Konzilsprozess führten. Auch wenn eine ältere Abhandlung Finkes schon vorlag, kann der Autor hier teils erstaunlich viel Neues aus den Gesandtenberichten bringen. Dies gilt auch für Kapitel IV (»Symbolische Kommunikation und Straßburger Gesandtschaften«), in dem Liening seine Quellen systematisch zu Aussagen über Rituale und symbolische Kommunikationsformen (Eid, Huldigung, Geschenke, Mahlzeiten usw.) befragt, für die Gesandte Straßburgs Experten sein mussten. Spektakulär fällt der Bericht über ein gescheitertes Ritual bei der Herzogserhebung Amadeus‘ VIII. von Savoyen durch König Sigismund auf dem Konzil von Konstanz aus: da ist dasz gerust zerbrochen do der kunig und die heren uf stunden und ist etwieviel lut geschadiget worden, besunder der jung von Oetingen miner frowen der margrafen bruder hat ein fusz usz gevallen« (S. 174 mit Anm. 720)!

Wer auf der Suche nach dem Haar in der Suppe ist, könnte erstens die Zitierweise in den Fußnoten monieren: Neben der Angabe der Signaturen und den löblichen Transkriptionen der gänzlich deutschsprachigen Dokumente wäre es für Leserinnen und Leser von Interesse gewesen, jeweils konkret zu wissen, wer wann und von wo an wen schreibt. Auch ließe sich betonen, dass eine stärkere Kontextualisierung bzw. Einbindung der Arbeit in die breit vorhandene jüngere internationale Forschungsliteratur zur Praxis des (vor allem auch italienischen und französischen) Gesandtschaftswesens dem Buch an mancher Stelle größere Tiefe verliehen hätte3. Zudem hätte eine vergleichende Perspektive zu städtischer Diplomatie manche Mechanismen und Praktiken noch stärker zutage treten lassen können4.

Für das große Feld der Diplomatiegeschichte und insbesondere des städtischen Gesandtschaftswesens liegt nun für Straßburg eine solide, konsequent aus reichem Quellenmaterial gearbeitete Studie vor, die in dieser Form auch gute Ansatzpunkte dafür liefert, die angedeuteten größeren Fragen in weiterer Perspektive und in größeren Forschungsverbünden zu untersuchen5.

1 Hermann Heimpel, Die Vener von Gmünd und Straßburg 1162–1447. Studien und Texte zur Geschichte einer Familie sowie des gelehrten Beamtentums in der Zeit der abendländischen Kirchenspaltung und der Konzilien von Pisa, Konstanz und Basel, 3 Bde., Göttingen 1982 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, 52).
2 Siehe auch: Christian Jörg, Michael Jucker (Hg.), Spezialisierung und Professionalisierung. Träger und Foren städtischer Außenpolitik während des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, Wiesbaden 2010 (Trierer Beiträge zur den historischen Kulturwissenschaften, 1).
3 Beispielsweise: Dante Fedele, Naissance de la diplomatie moderne (XIIIe–XVIIe siècles). L’ambassadeur au croisement du droit, de l’éthique et de la politique, Baden-Baden 2017 (Studien zur Geschichte des Völkerrechts, 36); Monica Azzolini, Isabella Lazzarini (Hg.), Italian Renaissance Diplomacy. A sourcebook, Durham, NH 2017 (Durham Medieval and Renaissance Texts and Translations, 6).
4 Beispielsweise, auch zur Methodik: Heinrich Lang, Cosimo de’ Medici, die Gesandten und die Condottieri. Diplomatie und Kriege der Republik Florenz im 15. Jahrhundert, Paderborn 2009.
5 Erwähnt sei hier der Band: Roland Deigendesch, Christian Jörg (Hg.), Städtebünde und städtische Außenpolitik: Träger, Instrumentarien und Konflikte während des hohen und späten Mittelalters. 55. Arbeitstagung in Reutlingen, 18.–20. November 2016, Ostfildern 2019 (Stadt in der Geschichte. Veröffentlichungen des Südwestdeutschen Arbeitskreises für Stadtgeschichtsforschung, 44), mit einem Beitrag von Simon Liening.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Tobias Daniels, Rezension von/compte rendu de: Simon Liening, Das Gesandtschaftswesen der Stadt Straßburg zu Beginn des 15. Jahrhunderts, Ostfildern (Jan Thorbecke Verlag) 2020, 254 S. (Mittelalter-Forschungen, 63), ISBN 978-3-7995-4384-2, EUR 34,00., in: Francia-Recensio 2021/3, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2021.3.83627