Der vorliegende Band bietet die erste Ausgabe und englische Übersetzung einer französischsprachigen Chronik, welche aus englischer Sicht die Ereignisse des Hundertjährigen Kriegs im Zeitraum von 1415 bis Mai 1425 schildert. Der Band macht den Text jedoch nicht nur editorisch und sprachlich zugänglich, sondern bettet ihn in umfassende Studien ein, die, wie die Chronik selbst, ein Gruppenunterfangen sind.

Der Ausgabe vorangestellt ist eine Einleitung, welche die Bedeutung der Chronik hervorhebt und die wichtigsten Fragen benennt, die der Text aufwirft. Dem schließen sich sieben thematische Kapitel an, die Entstehungskontext (1), Inhalt (2), die Darstellung des Kriegs in der Chronik (3) und die Wahl der französischen Sprache (4) untersuchen. Dann wird die Überlieferungsgeschichte und spätere Verwendung der Chronik insbesondere für die Heraldik des 16. und 17. Jahrhunderts (5) und in Geschichtstexten der Tudorzeit (6) aufgeschlüsselt. Das letzte Kapitel (7) behandelt ihre Rezeption im Kontext eines frühneuzeitlichen »Magistratenspiegels«. Erst dann folgt die Ausgabe des Textes, der sich Übersetzung, Identifikation von Orten und Personen sowie der Stellenkommentar anschließen. Der Band ergänzt die im Text aufbereiteten Informationen um Kartenmaterial (S. XVI–XIX) und zahlreiche Tabellen sowie Übersichten und schließt sich auch hier der Chronik an, welche ihrerseits zu großen Teilen auf Listen zurückgreift. Zwei ausführliche Register der Personen und Orte helfen bei der Navigation durch den Quellentext einerseits und die thematischen Kapitel sowie die Fußnoten der Übersetzung andererseits.

Bereits diese knappe Übersicht zeigt, dass die Verfasserin und der Verfasser sowie die Mitarbeitenden weit mehr geleistet haben als die knappe Kontextualisierung, die solchen Ausgaben üblicherweise vorausgeht. Die Herausgeberin und der Herausgeber, Verfasserin und Verfasser der meisten der thematischen Kapitel, Anne Curry und Rémy Ambühl, sind als ausgewiesene Experten des Hundertjährigen Krieges nicht nur selbst außerordentlich qualifiziert, die Chronik in ihrem historischen Kontext zu verorten. Sie haben sich auch Unterstützung von weiteren Mitarbeitenden geholt, die einige der thematischen Kapitel durch ihre jeweiligen Kompetenzen ergänzt haben. Herausgekommen ist eine beeindruckend umfassende und dabei trotzdem ausgesprochen detailreiche Studie, die dem Leser die Bedeutung des Textes zu unterschiedlichen Epochen erschließt und Fehlbewertungen verhindert.

Bereits die Einleitung vermag es, das Interesse an dem eher kurzen (18 217 Wörter), aber komplexen Werk zu wecken. Curry und Ambühl diskutieren die Implikationen des Incipit in der einzigen Handschrift, welches erkennen lässt, dass die Chronik wohl ursprünglich auf einen einzelnen Autor zurückgeht, in seiner vorliegenden Fassung aber als Gruppenunternehmen entstanden ist. Die drei Personen, die mit ihm in Verbindung gebracht werden können, stehen dabei in ganz unterschiedlicher Verbindung zu dem Endprodukt und seinem Adressaten, Sir John Falstof. Im ersten thematischen Kapitel gelingt es Deborah Ellen Thorpe in einer dichten, aber gut nachvollziehbaren Analyse, anhand der unterschiedlichen Textelemente, Biografien der beteiligten Personen und Merkmale der Handschrift die Leistungen der einzelnen Beitragenden zu trennen und eine faszinierende Kollaboration nachzuzeichnen, aus welcher der Text hervorgegangen ist. In diesem Zusammenhang wird auch deutlich, inwiefern es sich tatsächlich um eine »Soldatenchronik« handelt.

Curry und Ambühl selbst können dann auf Basis der inhaltlichen und formalen Diskussion zeigen, welches Interesse der Chronik wohl zugrunde lag. Im folgenden Kapitel über die Darstellung des Krieges antizipieren Curry und Ambühl eine gewisse Enttäuschung ob der Tatsache, dass die »Soldatenchronik« letztlich wenig über das Tagesgeschäft des Krieges, Kriegsstrategie und Belagerungslogistik zu vermelden weiß, machen jedoch deutlich, dass die im Text erkennbare Bewertung von Einzelaspekten (z. B. Geringschätzung gegenüber der Artillerie, S. 100) und der Fokussierung auf eine kleine Anzahl von Protagonisten dennoch neue Einsichten ins Kriegsgeschehen (z. B. die Schlacht von Maine) erlaubt. Die Einschätzung der sprachlichen Position der Chronik leistet Richard Ingham, der danach fragt, aus welchen Gründen in den 1450er-Jahren eine für englische Leser geschriebene Chronik noch auf Französisch verfasst wird, und durch sprachliche Gegenüberstellung zeigen kann, dass der Text von einem erfahrenen und ausgebildeten Schreiber aus Frankreich aufgezeichnet worden sein muss, was sich mit dem Ergebnis Thorpes deckt.

In den drei folgenden Kapiteln wird das Nachleben der Chronik diskutiert, welches nicht weniger interessant ist als ihr Zustandekommen. So können Curry und Ambühl ihre Nutzung durch eine Reihe von Herolden belegen und bringen eine Annotation in der Handschrift der Soldatenchronik mit dieser Verwendung in Verbindung (S. 131–134). Das Interesse, das die Chronik und ihr Gegenstand in der Frühen Neuzeit auf sich zogen, belegen die Autorinnen und Autoren außerdem am Fortleben des Werks in einem Text Edward Halls, durch dessen Vermittlung es Spuren bis in die Stücke Shakespeares hinterlassen hat. In einem kurzen, aber anregenden Kapitel diskutiert Scott Lucas die Rezeption des Textes in einem anonym überlieferten »Mirror of the Magistrates« und zeigt am Beispiel dieser alternativen Lektüre die andauernde Relevanz der Themen der Chronik in neuen politischen Kontexten: die Verklärung des englischen Heldenmuts auch angesichts der militärischen Niederlage. Die Einordnung der Rezeptionsgeschichte der Chronik in unterschiedliche postmittelalterliche Kontexte, welche diese drei Kapitel leisten, bietet eine wichtige Perspektive auf aktuelle Diskussionen über die Rolle mittelalterlicher Denkmuster in Diskursen über Nationalismus, Imperialismus und die Kontinuität von Normen und Werten.

Die Ausgabe ist solide: die Eingriffe in den französischen Text sind minimal, sodass dieser sich für eine wissenschaftliche Beschäftigung eignet; die Übersetzung hingegen legt größeren Wert auf Lesbarkeit, ohne sich zu große Freiheiten zu nehmen. Die Identifikation der Personen ist herausragend. In dieser dankenswerten Leistung zeigen sich die exzellente Quellenkenntnis und Erfahrung von Curry und Ambühl besonders deutlich.

Die begleitenden Studien gehen weit über das hinaus, was man einleitend zu einer Textausgabe erwartet und haben teilweise den Charakter argumentativer Aufsätze. Die Mühe, welche in die Identifizierung der Personen, Orte und Daten und Kontexte geflossen sein muss, ist beachtlich; das wird insbesondere am materialreichen ersten Kapitel Thorpes deutlich und zeigt sich wieder im Kommentar. Darüber hinaus hat die Kollaboration der Herausgebenden und ihrer drei Mitarbeitenden aber auch bereits viele der aufgeworfenen Fragen beantwortet. Wo andere Textausgaben dazu einladen, sich mit dem so zugänglich gemachten Text überhaupt erst zu beschäftigen, bieten die thematischen Kapitel in diesem Band eine beachtliche Fülle von neuen Informationen, Interpretationen und Bewertungen, die sicherlich dazu führen werden, dass die weitere Forschung auf einem hohen Niveau ansetzen kann. Die Fülle an Karten, Tabellen und die beiden ausführlichen Register erleichtern die Arbeit dabei ungemein. Gleichzeitig soll nicht unerwähnt bleiben, dass die umfassende Kontextualisierung und der reichhaltige Apparat und Stellenkommentar die Ausgabe auch für die universitäre Lehre empfiehlt, wo sie für die spätere Phase des Hundertjährigen Kriegs die Chronik des Enguerrand de Mostrelet durch eine ganz andere Perspektive auf das Geschehen ergänzen kann.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Claudia Wittig, Rezension von/compte rendu de: Anne Curry, Rémy Ambühl, A Soldiers’ Chronicle of the Hundred Years War, College of Arms Manuscript, M9, Cambridge (D. S. Brewer) 2022, 480 p., 9 fig., ISBN 978-1-84384-619-2, GBP 90,00., in: Francia-Recensio 2022/4, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2022.4.92093