Studien zu Diplomatie und Gesandtschaftswesen haben derzeit Konjunktur, je mehr in unseren Tagen die Diplomatie ihren jahrhundertelangen Erfahrungsschatz den Zwängen der Tagespolitik opfern muss und rituelle Abläufe, die die Beziehungen unter Staaten bestimmten, obsolet geworden sind.

Hier sind zwei Titel anzuzeigen, die einander inhaltlich nahestehen, da sie vom östlichen Mittelmeerraum ausgehen, hinter dem immer das byzantinische Reich steht, auch wenn es selbst nicht mehr existiert.

Der erste Titel mit 14 Beiträgen setzt im 11. Jahrhundert ein und reicht bis in das 16. Jahrhundert. Die Publikation geht zurück auf ein Kolloquium, das 2015 in Lüttich stattfand, dessen Beiträge aber erst 2021 (das Jahr ist nirgends ausdrücklich genannt!) erschienen. Im Mittelpunkt steht das Mamlukische Reich, mit dessen Ende im 16. Jahrhundert der Band auch ausklingt. Er ist nach drei Schwerpunkten materiellen Charakters gegliedert, die der Herausgeber, der Lütticher Arabist Frédéric Bauden, in einer Einleitung (S. 1–27) begründet: »Gesandtschaften, Geschenke, Dokumente«. Der erste Abschnitt (»Gesandtschaften«) mit sechs Beiträgen ist sehr heterogen, und die Artikel erweisen sich als membra disjecta, als Beispiele für Möglichkeiten einer Gesandtschaft. Élisabeth Malamut (»Un siècle de voyages diplomatiques byzantins, 1261–1371«, S. 31–56) geht mit Nachdruck auf den geografischen Rahmen der Gesandtschaften ein, die Wege zur See und zu Lande (leider ohne Karten). Die Bedeutung des Balkanraums für die byzantinische Diplomatie wird auf der Basis des »presbeutikos« (Gesandtschaftsbericht) des Theodoros Metochites besonders hervorgehoben. Für die meisten Benutzer des Bandes bedeutet der Beitrag von Motia Zouihal zu den diplomatischen Missionen der Soufis im 12. und 13. Jahrhundert Neuland (S. 57–80). Er schöpft in erster Linie aus (gedruckten) Originalquellen zu religiösen Gesandtschaften in innerarabischen Territorien, deren Ziel auf dem humanitären Sektor lag (Almosenspenden, Befreiung von Gefangenen). Über einen interessanten Einzelfall berichtet Alessandro Rizzo (»Diplomatique sur le terrain: la première mission diplomatique florentine en territoire mamelouk«, S. 81–100). Es geht um eine Gesandtschaft im Jahre 1422, zu deren Vorbereitung keine diplomatischen und praktischen Erfahrungen vorlagen. Der Verfasser schildert, überwiegend auf der Basis unedierter (florentinischer) Archivquellen, auf welche Weise die Signoria Informationen zu den Mamluken sammelte, mit deren Hilfe sie die Mission erfolgreich durchführte. Auch der folgende Beitrag (S. 101–114) von Cécile Khalifa behandelt einen diplomatischen Einzelfall, die Ermordung eines mamlukischen Botschafters in Choirokitia im Verlauf der Eroberung Zyperns 1426 und die politischen und militärischen Konsequenzen. Demselben Zeitraum, aber einem anderen geografischen Bereich, wendet sich Malika Dekkiche in ihrer Untersuchung zu den diplomatischen Beziehungen zwischen den Mamluken und den Timuriden zu (S. 115–142). Hier stehen Riten und Zeremonien im Mittelpunkt, zu denen umfangreiches Quellenmaterial zur Verfügung steht, das es erlaubt, von einer gegenseitigen Kodifizierung diplomatischer Normen zu sprechen. Im Zusammenhang mit der bekannten kastilischen Gesandtschaft des Ruy Gonzales de Clavijo hat Marisa Bueno (S. 143-173) besonders die Rhetorik der (diplomatischen) Briefe untersucht, die trotz eines leichten Tons der Unterwerfung die deutliche Überlegenheit des mongolischen Staates erkennen lassen.

Der zweite Abschnitt des Bandes befasst sich mit der materiellen Kultur der Geschenke, die zwar in letzter Zeit stärker in den Blickwinkel der Forschung treten, aber immer noch, wie gerade diese Publikation zeigt, ein Feld reicher, neuer Informationen darstellen, besonders wenn Quellen in arabischer Sprache herangezogen werden. Thierry Buquet untersucht (S. 177-202) in einem allgemein gehaltenen Überblick den Import exotischer Tiere in christliche Länder und Fragen des damit verbundenen Transports (Giraffen, Elefanten, Zebras, Affen), verdeutlicht mittels einer sehr übersichtlichen Karte. Die mamlukisch – italienischen Beziehungen (Venedig, Florenz, Genua) im Zeitraum 1421–1512 sind Gegenstand einer minutiösen und umfangreichen Untersuchung von Beatrice Satelli (S. 203–272), die überwiegend unedierte italienische Archivquellen sowie übersetzte arabische Texte auswertet. In einem Glossar und zehn Anhängen macht sie die Ergebnisse übersichtlich zugänglich, betont aber auch, dass die Mehrzahl der Quellen für diese Fragestellung noch unbearbeitet in den Archiven liegt. Den speziellen Fall eines mamlukisch-venezianischen Austauschs von Geschenken im Jahr 1489/1490 wertet Jesse J. Hysell aus (S. 273–287). Kolophone in armenischen Handschriften des 12.–15. Jahrhunderts, die in diesem Kulturraum wesentlich ausführlicher gehalten sind als etwa in Byzanz und oft richtiggehende Kurzberichte darstellen, untersucht Isabelle Augé in ausgewählten Beispielen, um die Bedeutung des Buches im Rahmen der Gesandtschaft herauszustellen (S. 288–303). Diese Thematik führt Émilie Maraszak weiter im Hinblick auf die Rolle illuminierter Handschriften im diplomatisch-kulturellen Austausch zwischen den Kreuzfahrerstaaten, Byzanz, dem Okzident und der islamischen Welt (S. 304–326). Der Titel ist allerdings zu weit gegriffen und entspricht nicht dem tatsächlichen Inhalt, der sich auf wenige ohnehin bekannte Beispiele beschränkt. Die Bedeutung der Auftraggeber ist recht unübersichtlich dargestellt. Zur wichtigen griechisch-lateinischen Inschrift in der Geburtskirche in Bethlehem, die aus wenig einsichtigen Gründen in Anm. 9 ausführlich behandelt wird, siehe jetzt Erich Lamberz, Die zweisprachige Inschrift im Bema und die Konzilsinschriften im Mittelschiff, in: Bianca und Gustav Kühnel, Die Geburtskirche in Bethlehem. Die kreuzfahrerzeitliche Auskleidung einer frühchristlichen Basilika, Regensburg 2019, S. 159–180, bes. S. 164.

Der dritte Abschnitt ist ganz der arabischen Quellenkunde und der Interpretation von Quellen zur Diplomatie gewidmet. Frédéric Bauden (S. 329–405) geht hier exemplarisch auf mamlukische Geschenklisten im Archiv der Krone von Aragon (Barcelona) an König Jakob II. im Zeitraum 1293–1310 ein und analysiert sie paläografisch und philologisch. Die Originaltexte werden (mit Illustrationen) ediert, übersetzt und Wort für Wort kommentiert. So entsteht ein Musterbeispiel für den Umgang mit diesen Texten, das auch auf andere Kulturbereiche anwendbar ist und größtmögliche Kontrolle erlaubt. In ähnlich analytischer Weise behandelt Daniel Potthast (S. 406–446) mamlukische diplomatische Briefe in westlichen Archiven (Barcelona, Pisa, Florenz, Venedig, Dubrovnik). Sie zeigen die lange und ausgeprägte Tradition mamlukischen Briefverkehrs. Eine kritische Untersuchung dieses Beitrags muss dem Spezialisten vorbehalten bleiben.

Den Abschluss dieses Abschnitts, der gleichermaßen Diplomatik wie Diplomatie beleuchtet, stellt die Analyse eines Handels- und Friedensvertrages, erstmals von Michele Amari ediert, aus dem Jahr 1397 mit der Republik Pisa aus der Feder von Mohamed Querfelli dar (S. 447–463).

Jeder Beitrag enthält separat ein Verzeichnis der zitierten Quellen und eine Bibliografie der in den Fußnoten zitierten Titel, die Weiterarbeit und Vertiefung erlauben. Ein Index der Personen- und Ortsnamen schließt den Band ab.

Der gesamte Band umfasst ein reiches Panorama von Beispielen des diplomatischen Verkehrs arabischer Länder, vor allem im 14. und 15. Jahrhundert mit europäischen Staaten der westlichen Mittelmeerwelt, während Byzanz, wo fast alle originalen Dokumente dieser Art verloren sind, etwas zurücksteht. Dieses Faktum hätte in den Schlussbemerkungen von Nicolas Drocourt (der vieles zu den diplomatischen Beziehungen zwischen dem Orient und Byzanz geleistet hat) und Stéphane Péquignot (S. 467–481) deutlicher hervorgehoben werden sollen. Auch wenn hier kein Handbuch vorliegt und manche Beiträge, vor allem im ersten Abschnitt, zueinander kaum in Bezug stehen, ist hier eine Publikation zustande gekommen, die bisher überwiegend Unbekanntes zutage förderte und auch dem Nichtspezialisten ungeahnte und gänzlich neue Aspekte eröffnet.

Der zweite hier vorzustellende Band befasst sich mit Vorgängen allein zur byzantinischen Diplomatie aus allen Jahrhunderten und geht zurück auf eine table ronde im Rahmen des Internationalen Byzantinistenkongresses in Belgrad 2016.

Der Band ist in vier Teile gegliedert (»Une diplomatie en transition, Ve–VIe siècle«, »Rechercher et identifier les acteurs de la diplomatie médio-byzantine«, »Le poids de l’Occident dans la diplomatie byzantine aux XIIIe–XVe siècles«, »Permanences et mutations: Le temps long de la diplomatie«) und umfasst zwölf Beiträge. Die ersten drei Teile entsprechen Perioden der byzantinischen Geschichte und bringen isolierte Fallbeispiele, deren Titel wir hier kürzen oder paraphrasieren. Andrey Becker (»From Hegemony to Negotiation«, S. 21–39) behandelt die Verhandlungen mit den Völkern des Ostens (Perser und Hunnen im 5. Jh.), Ekaterina Nechaeva (»Collusion on the Eastern Front«, S. 40–57) behandelt zwei im Grunde wenig charakteristische Einzelbeispiele von zwei römischen Offizieren, die in ihren Verhandlungen mit den Persern kollaborierten.

Der zweite Teil umfasst das 9.–12. Jahrhundert und beginnt mit der rätselhaften Gesandtschaft des Photios, bei der Jakub Sypiański (»Photius entre l’Assyrie et al-Andalus«, S. 61–112) für Verhandlungen in Cordoba plädiert. Dem Autor blieb unbekannt, dass diese Gesandtschaft heute überwiegend als Fiktion betrachtet wird (Franz Dölger, Regesten der Kaiserurkunden des oströmischen Reiches von 565 bis 1453, Teil 1, München 2009, Regest Nr. 451 – dem Autor unbekannt). Jean-Pierre Arrignon (»Le traité byzantinio-russe de 944, acte fondateur de l’état de la Kievskaja Rus?«, S. 113–128) behandelt ein (heute) hochaktuelles Thema, doch kann von einer Staatsgründung 944 nicht die Rede sein, denn sie fand doch eher mit der Hinwendung zur Orthodoxie 988/989 statt. Élisabeth Malamut übersetzt und analysiert die Formeln der diplomatischen Korrespondenz mit den Bulgaren im Zeremonienbuch des Konstantin Porphyrogennetos (S. 129–155).

Im dritten, spätbyzantinischen Teil behandelt Brendan Osswald den Vertrag von 1279 zwischen Karl von Anjou und Nikephoros I. von Epiros (S. 159–174). Der Autor hat leider die 2015 erschienene Arbeit von Rudolf Stefec zu den Regesten der Herrscher von Epiros (erschienen in: Römische Historische Mitteilungen 57 [2015], S. 15–120) nicht gekannt. Der folgende umfangreichste Beitrag (S. 175–272) von Christian Gastgeber (»Changes in Documents of the Byzantine Chancery in Context with the West«) ist ein grundlegender und kenntnisreich ausgearbeiteter Beitrag zur Diplomatik, der sich überwiegend anhand übersichtlicher Tabellen mit Sprache, Material der Dokumente und Übersetzern der Schriftstücke zwischen Byzanz und westlichen Herrschern auseinandersetzt. Michael Bourbeau (S. 273–284) behandelt die Frage, inwieweit die Reise Kaiser Manuels II. in den Westen ein Erfolg war oder in ihren Zielen gescheitert ist. Er hebt zurecht hervor, dass die Reise die Möglichkeit zu persönlichen Kontakten erweitert hat und sieht darin eine neue diplomatische Politik. Er weist aber nicht darauf hin, dass sie schon sein Vater Johannes V. eingeleitet hat (Ungarn, Rom, Venedig) und sein Sohn Johannes VIII. sie fortsetzte (1424, 1437–1440). Eigentlich ist die Frage des Autors aber überhaupt gegenstandslos, weil die Reise nach der osmanischen Niederlage abgebrochen wurde und von Erfolg oder Misserfolg nicht mehr die Rede sein konnte.

Erst im vierten Teil folgen jene Überblicke, die über die speziellen Informationen der ersten drei Teile hinausführen. Jonathan Shepard untersucht für den gesamten Zeitraum (5.–15.Jh.) die Militärdiplomatie zur Anwerbung von Truppen (S. 287–315). Nebojša Porčić geht auf Konstanten und Wandel in der serbischen Diplomatie ein (S. 316–332). Leider gibt es keinen parallelen Beitrag zur bulgarischen Diplomatik, die sich vom 7. bis zum 14. Jahrhundert erstreckt. Einem modernen Aspekt, der Rolle der Frau in der byzantinischen Politik, wendet sich Nike Kontrakou zu (»Women as Diplomatic Actors«, S. 333–378) (11.–15. Jh.). In diesem Zusammenhang kann die Heiratspolitik nicht fehlen, der Élisabeth Malamut vom 8. bis zum 15. Jahrhundert in ausführlicher Weise nachgeht (S. 379–454).

Jedem Beitrag sind separat ein Verzeichnis der Quellen und der zitierten Bibliografie beigegeben.

Der Gesamteindruck des Bandes bleibt zwiespältig. Es wäre nötig, einmal etwas zum Begriff »byzantinische Diplomatie« zu sagen. Die ersten drei Teile bestehen aus Fallbeispielen, mit denen nur der intime Kenner einer Periode etwas anfangen kann. Sie sind ein typisches Ergebnis der immer mehr um sich greifenden Seuche der »Tableronditis«, die sich durch Zufälligkeit der Beispiele und Zusammenhanglosigkeit auszeichnet, auch wenn der einzelne Beitrag in sich geschlossen ist. Positiv hervorzuheben sind die reichen bibliografischen Angaben, die eigene Weiterarbeit erleichtern. Das Dictum von Dimitri Obolensky aus dem Jahr 1961 »la diplomatie byzantine attend encore son historien« bleibt weiterhin gültig, und Kolloquiumsbände können allenfalls Gedanken und Anregungen vermitteln, da es eines stringenten Konzeptes bedarf, nicht hübscher Mosaiksteinchen.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Peter Schreiner, Rezension von/compte rendu de: Frédéric Bauden (dir.), Culture matérielle et contacts diplomatiques entre l’Occident latin, Byzance et l’Orient islamique (XIe–XVIe siècle), Leiden (Brill Academic Publishers) 2021, IX–499 p., 40 ill. en coul., 12 tabl. (Islamic History and Civilization, 183), ISBN 978-90-04-46533-6, EUR 127,00; Nicolas Drocourt, Élisabeth Malamut (dir.), La diplomatie byzantine, de l’Empire romain aux confins de l’Europe (Ve–XVe s.). Actes de la Table-Ronde »Les relations diplomatiques byzantines (Ve–XVe siècle): Permanences et/ou changements«, XXIIIe Congrès International des Études Byzantines, Leiden (Brill Academic Publishers) 2020, 470 p., 13 ill. (The Medieval Mediterranean, 123), ISBN 978-90-04-43180-5, EUR 121,00. , in: Francia-Recensio 2023/1, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2023.1.94515