Der Autor dieses Buches ist Militärhistoriker. Er reagiert mit ihm auf die Kritik an seinem Werk »Warfare and Politics in Medieval Germany, ca. 1000« von 2012, er habe für das Verständnis des ottonischen Kriegswesens die demografische Entwicklung sowie die Produktion und Verteilung der materiellen Ressourcen vernachlässigt (S. 3). Bachrach hat deshalb für das ostfränkische Reich seit den späten Karolingern das Vermögen des Fiskus, die Einkünfte von Steuern, Zöllen und anderen Abgaben der Freien sowie die kirchlichen Leistungen, und in Relation dazu die Ausgabenpolitik des Hofes neu berechnet; dabei stützte er sich selbstverständlich auf alle verfügbaren Zeugnisse, vor allem auf die königlichen Urkunden sowie neue archäologische Befunde, und bei der quantitativen Analyse auf ökonomische Modelle. Seine Ergebnisse sind eindrucksvoll. Mit großer methodischer Umsicht ermittelt er die Anzahl der den Herrschern jeweils verfügbaren villae und praedia. Für Otto den Großen summieren sich beispielsweise die Höfe auf 623, die einfachen Güter auf 311. Bei einem anzunehmenden Mittelwert von 50 pro fiskalische Einheit ergeben sich daraus 45 000 mansi, also bäuerliche Anwesen.

Nach herrschender Lehre, so Bachrach, wurden die königlichen Einkünfte von diesen Gütern vor allem für die Versorgung des Hofes auf seinem ständigen Zug durch das Reich verbraucht. Lege man die Angaben des Annalista Saxo oder das staufische Tafelgüterverzeichnis für den täglichen Aufwand zugrunde, ergebe sich bei 3600 Kalorien für 1500 Menschen ein Anteil an der Produktion von etwa vier mansi pro Tag oder ca. 1500 Bauernstellen pro Jahr. Dazu kommen noch die Naturalien für die Versorgung von Pferden. Aus dieser Modellrechnung lässt sich folgern, dass die Bestreitung des iter regis keineswegs einen bedeutenden Aufwand für den Fiskus dargestellt hat, im Gegenteil kann es nur eine verschwindend kleine Größe gewesen sein.

Ein viel größerer Anteil der königlichen Einkünfte wurde demgegenüber für die Errichtung neuer Burgen benötigt; zwischen Heinrich I. und Heinrich II. waren dies in jedem Jahr drei neue Anlagen. Am Beispiel der Hildagsburg nördlich von Magdeburg rechnet Bachrach vor, dass für sie 2,7 Millionen männliche Arbeitsstunden oder 270 000 Manntage benötigt wurden. Spare man die Sonntage aus, waren 2000 Arbeitskräfte 165 Tage lang beschäftigt. Bei einem durchschnittlichen Kalorienverbrauch von 3600/Tag belaufe sich der Aufwand auf etwa 1,15 Milliarden Kalorien, die von der Überschussproduktion von ca. 640/800 mansi erzielt werden konnten. Bei drei neuen Burgen pro Jahr ergebe sich für die gesamte Bautätigkeit ein Bedarf von etwa 2000 mansi. Dabei sind selbstverständlich die Kosten für die ständigen Besatzungen und den Unterhalt der bestehenden Burgen noch nicht berücksichtigt.

Es seien also die Aufgaben der Landesverteidigung, die für das Reich enorme finanzielle Lasten bedeuteten und die der König in alleiniger Verantwortung schultern musste. Der Militärhistoriker David S. Bachrach ist mit diesem Ergebnis zum Ziel seiner Untersuchungen gelangt. Was er aber bewusst beiseiteließ, war die Frage, welchen Eigenanteil die Großen an den königlichen Werken hatten. Der Verfasser denkt zentralistisch und weist die herrschende Auffassung der Funktionsweise des Königtums mit recht drastischen Worten zurück. Mit ihrer Lehre von der »konsensuellen Herrschaft« (Bernd Schneidmüller) stehe die deutsche Mediävistik, sei sie nun repräsentiert durch Gerd Althoff oder Johannes Fried, in der Tradition der »Neuen Verfassungsgeschichte« der 30er- und 40er-Jahre, deren ideologische Kontamination ja längst erkannt ist. Der König sei in seinem Handeln nicht abhängig gewesen vom Adel und habe dementsprechend die Ressourcen auch nicht dazu verwandt, auf seinem Umritt die Großen zu treffen und seine Macht zu stabilisieren.

Allerdings verkennt Bachrach, dass es keines Rückgriffs auf Otto Brunner oder Walter Schlesinger bedurfte, um die Wechselwirkung mehrerer Beteiligter bei der Ausübung von Herrschaft zu würdigen; vielmehr braucht man nur der Einsicht des weltanschaulich ganz unverdächtigen Soziologen und Historikers Max Weber zu folgen und Herrschaft als Chance verstehen, bei einer angebbaren Gruppe von Menschen Gehorsam zu finden. In den Kategorien militärischer Befehlsketten zu denken, reicht für das Verständnis des mittelalterlichen Königtums nicht aus.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Michael Borgolte, Rezension von/compte rendu de: David S. Bachrach, The Foundations of Royal Power in Early Medieval Germany. Material Resources and Governmental Administration in a Carolingian Successor State, Woodbridge (The Boydell Press) 2022, 384 p., 2 fig., ISBN 978-1-78327-728-5, EUR 88,54., in: Francia-Recensio 2023/2, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2023.2.96711