Nordwesteuropa und vor allem Flandern haben als Textilherstellungslandschaften und also frühe »industrielle« Zentren in der europäischen Wirtschaftsgeschichte schon einige Beachtung erfahren. Die vorliegende Veröffentlichung beschäftigt sich erneut mit diesem Gegenstand, speziell mit der Beziehung zwischen städtischem und »ländlichem« Gewerbe bzw. der Einbindung verschiedener Arbeitsmärkte in die flandrische Textilindustrie. Betrachtet wird mit (West-)Flandern um Ypern herum eine Produktionslandschaft von besonderer Dichte und Dynamik im 14.–16. Jahrhundert. Zahlreiche Dörfer waren im späteren 14. Jahrhundert »Newcomer« der exportorientierten Textilherstellung, die im 15. und vor allem im 16. Jahrhundert allerdings zu bedeutenden Tuchzentren aufgestiegen waren.

Der Band setzt argumentativ bei dem Forschungsbild an, dass Stadt und »Land« – hier Dörfer mit gern 1000 und mehr Einwohnern! – zwei klar abgegrenzte und sich gegenüberstehende ökonomische Zonen darstellen. Er kann zeigen, dass diese Unterscheidung für den untersuchten Raum nicht haltbar ist, dass vielmehr die dörflichen Tuchzentren allmählich in die städtische Landschaft des westlichen Flanderns hineinwuchsen. Nieuwkerke mit einer Bevölkerung von um die 4000 Einwohner hatte dabei im 16. Jahrhundert mit vielleicht 15 Prozent einen bemerkenswerten Anteil an der flandrischen Wolltuchherstellung und ist (wohl mehr oder minder repräsentativ für die Region) zentrales Fallbeispiel in der Auseinandersetzung mit den Entwicklungsfaktoren der aufsteigenden ländlichen Tuchzentren. Der Band ordnet sich dabei insbesondere in die wirtschaftshistorische Diskussion um die proto-industrielle Entwicklung Europas ein.

In fünf gut strukturierten Kapiteln verfolgt der Verfasser die Entwicklung der ländlichen Tuchzentren und ihre Beziehung zu den städtischen Zentren, zunächst mit Blick auf die Verfügbarkeit von ländlichen Arbeitskräften und vor allem auf die Anreize für sie, sich in die Textilherstellung im Nebenerwerb oder als Haupttätigkeit einzubringen. Gerade die Frage nach proto-industriellen Merkmalen richtet sich besonders darauf, ob die Weberei (und andere Verarbeitungsschritte) als Nebenerwerb stattfanden. Wenn auch die Datenlage mit Schwerpunkt auf dem 16. Jahrhundert und Nieuwkerke überwiegend eher Ableitungen erlaubt, kann der Verfasser doch überzeugend darlegen, dass die Agrarordnung der Region mit fragmentiertem Landbesitz zwar durchaus einer proto-industriellen Entwicklung förderlich war, jedoch die Landwirtschaft in den dörflichen Tuchzentren zunehmend an Bedeutung verlor. Die Textilherstellung ist spätestens im 16. Jahrhundert für viele Arbeitskräfte die beherrschende, wenn nicht einzige Einkommensquelle.

Der Verfasser charakterisiert die ländlichen Zentren als »fully fledged industries« (S. 61) (Kapitel 1). Dabei handelt es sich bei den ländlichen Zentren um (zunächst) weniger regulierte Produktionsumgebungen ohne Gilden. Eine besondere Rolle wird in der Produktionsorganisation stattdessen den Tuchmacher-Unternehmern bzw. dem Verlagswesen zugesprochen, »… drapers were the pivotal agents in late medieval cloth industries, certainly in the Flemish West-Quarter« (S. 90), nicht zuletzt durch faktische, wenn auch nicht rechtliche Monopolisierung des Marktzugangs (Kapitel 2). Herausgestellt wird bei der Frage nach der Regulierung der Produktion das Fehlen von Vorgaben im Bereich der Halbfertigproduktion, d. i. Wollverarbeitung und Garnherstellung, das den Produzenten, den eigentlichen Handwerkern und mehr noch den Verleger-Tuchunternehmern die Möglichkeit gab, die Produktion und deren Kosten flexibel zu gestalten.

Mit dem Ausbau des Textilgewerbes einher gingen Handelsverbindungen der »ländlichen« Kaufleute-Drapiers in die städtischen Zentren. Gerade diese (sozialen) Netzwerke zwischen Stadt und »Land« stellt der Verfasser als zentral heraus (Kapitel 3). Messehandel und informelle Handelskontakte trugen zur Durchlässigkeit zwischen den vermeintlich getrennten Wirtschaftssphären bei. Einer sich ausweitenden Produktion folgte nicht zuletzt auch eine kulturelle Entwicklung der »vermarkteten« Dorfgesellschaft, im Austausch mit anderen städtischen Zentren (Kapitel 4) und formte eine analoge Ideologie (Kapitel 5).

Der Blick auf Stadt-Land-Beziehungen knüpft vor allem an die Frage an, woher vormoderner wirtschaftlicher Wandel seine Impulse erhielt, aus der Stadt oder vom Land. Letztlich schlussfolgert der Verfasser, dass der Motor für die Wirtschaftsentwicklung alternierend in städtischen und »ländlichen« Sphären lag, die eng verwoben und in sich nicht homogen waren, und charakterisiert die Landschaft als »hybrid rural-urban textile industries« (S. 215). Wie der Verfasser zeigt, machen dabei auch zunächst wenig regulierte Orte wie Nieuwkerke parallel zu ihrem Aufstieg eine Formalisierung ihres institutionellen Rahmens durch. Insofern könnte man schließen, dass weniger Stadt- gegen Land- bzw. Dorfweberei abzugrenzen ist, sondern ein entwickeltes Produkt bzw. ein Produktionsort gegen aufsteigende Nachfolger, die, sobald sie selbst eine bestimmte Marktposition erlangt hatten, eine ähnliche Organisationsform erreichen wie ihre einstigen städtischen Vorbilder.

Der Band ist gut strukturiert geschrieben, die Zusammenfassungen der Kapitel und am Ende haben einen großen Mehrwert für Leserinnen und Leser, die sich einen schnellen Überblick über die Ergebnisse machen wollen. Bedauerlich (wenn auch der Überlieferungslage anzulasten) ist, dass viele Überlegungen vor allem für das 16. Jahrhundert angestellt werden konnten, und so die langfristigen Entwicklungslinien wie auch der Vergleich zwischen den zahlreichen aufsteigenden Tuchzentren notwendigerweise etwas kurz kommen.

So sehr die Diskussion um proto-industrielle Faktoren den Band interessant macht, ist dem Verfasser aber auch zuzustimmen, dass eine zu starke Fokussierung auf die Anfänge des Kapitalismus und der modernen Marktwirtschaft ggf. den Blick auf vormoderne (zeitgenössische) Perspektiven eines »commercial welfare« verstellen kann (S. 216). Eine Auseinandersetzung mit der vielschichtigen Entwicklung und Vernetzung westflandrischer Tuchzentren zeigt jedenfalls, dass die Entwicklungsprozesse hier nicht ohne Weiteres in wirtschaftshistorische Diskussionen wie etwa die um eine europäische Proto-Industrie einzuordnen sind.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Angela Ling Huang, Rezension von/compte rendu de: Jim van der Meulen, Woven into the Urban Fabric. Cloth Manufacture and Economic Development in the Flemish West-Quarter (1300–1600), Turnhout (Brepols) 2021, 250 p., 16 b/w fig., 13 b/w tabl. (Studies in European Urban History [1100–1800], 54), ISBN 978-2-503-59455-2, EUR 84,00., in: Francia-Recensio 2023/2, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2023.2.96769