Beim anzuzeigenden, reich bebilderten Band handelt es sich um die Dokumentation einer Tagung zum Thema »Image(rie)s religieuses à l’ère industrielle en Europe (XVIIIe–XIXe siècle)«, die 2016 in Mulhouse stattfand. Das Herausgeberinnenduo verkörpert Zusammenarbeit über Disziplinengrenzen hinweg: Céline Borello ist eine Professorin für frühneuzeitliche Geschichte, die sich mit Arbeiten zu Predigt und politischen Einstellungen im französischen Calvinismus einen Namen gemacht hat, während Aziza Gril-Mariotte, Professorin für Kunstgeschichte, sich auf die Erforschung des Kunstgewerbes und hier vor allem des Stoffdrucks spezialisiert. Zusätzlich zur Interdisziplinarität sind Borello und Gril-Mariotte zwei weitere Wagnisse eingegangen, die den Band zu einem spannenden Experiment machen. Wie schon der Titel anzeigt, überschreiten sie erstens die in der Wissenschaftspraxis oftmals so unglücklich zementierte Epochengrenze um 1800. Zweitens spannen die hier versammelten Studien in der Zusammenschau – teils aber auch als Einzelstücke – ein konfessionsübergreifendes Panorama auf. Bei alledem lautet die zentrale Frage, wie sich Produktion, Verbreitung und Nutzung religiöser Bildformen im »industriellen Zeitalter« wandelten.

War im Titel der Tagung noch von »Europa« die Rede, so beschränken sich die publizierten Aufsätze überwiegend auf den Raum des heutigen Frankreichs; in einem Beitrag kommt darüber hinaus das piemontesische Waldensertum (Simone Baral) zur Sprache. Fast zwangsweise im Vordergrund stehen daher insgesamt der französische Katholizismus und Calvinismus. Damit ist ein heuristisch durchaus produktives Spannungsfeld eröffnet. Denn zum einen könnten katholische Bilderverehrung und calvinistischer Ikonoklasmus – oder, wie Patrick Cabanel in seinem Beitrag vorschlägt, »Idoloklasmus« – konträrer zueinander kaum sein, jedenfalls auf der Ebene der Doktrin. Schon die Frage nach einer religiösen Bildwelt des Calvinismus erscheint provokant, zumal bestimmte, für den Katholizismus passende Kategorien wie etwa »Sakralkunst« in diesem transkonfessionellen Rahmen explizit hinterfragt werden müssen. Zum anderen liegt ein Hauptverdienst des Bandes gerade darin, aufzuzeigen, wie bestimmte Motive und visuelle Produkte zwischen den Konfessionen zirkulierten.

Besonders ergiebig sind in dieser Hinsicht zwei Aufsätze: der eine von Dominique Lerch zur überkonfessionellen Anziehungskraft der sogenannten nazarenischen Kunst im Elsass, der andere von Jean-François Luneau. Letzterer analysiert eindrucksvoll die Verwendung ursprünglich katholischer Bilder in einem Set von Glasdiapositiven aus dem späten 19. Jahrhundert, die im calvinistischen Tempel von Mazet-Saint-Voy (Auvergne) bei der Katechese zum Einsatz kamen. Aus deutscher Sicht sind diese Befunde zum 19. und 20. Jahrhundert besonders anschlussfähig an die aktuellen Hamburger Forschungen zu Interkonfessionalität, die sich freilich eher auf das 16. und 17. Jahrhundert konzentrieren.

Damit ist das Verhältnis zwischen Frühneuzeit und Moderne angesprochen und die entscheidende Frage drängt sich wieder auf: Was änderte sich tatsächlich im anvisierten Untersuchungszeitraum? Eine bündige, thesenhafte Antwort auf diese Frage kann und will der Band nicht bieten. Immerhin wartet er aber mit etlichen anregenden Teilantworten auf. Eine wichtige Einsicht vermitteln die Beiträge von Luneau, von Émilie Chedeville zum bekannten Radierer Gabriel Huquier und von Nastasia Gallian zur Druckgrafiker-Dynastie Leblond im Avignon des 18. und frühen 19. Jahrhunderts: Die Ziele – und Zwänge – der billigen, schnellen Herstellung und Kommerzialisierung schlugen sich oftmals direkt auf die Wahl der Motive und Modelle nieder. Zudem kommt Isabelle Saint-Martin bei ihrer Untersuchung des Komplexes von religiöser Malerei, Gravuren und Katechese im Frankreich des 19. Jahrhunderts zu dem Ergebnis, es habe sich eine »patrimonialisation du religieux« vollzogen. Gemeint ist damit, dass die industriell produzierten Bildkatechismen nicht mehr nur das Beten und die rechte Andacht lehren sollten, sondern zunehmend darauf angelegt waren, ein kanonisches Erbe der Religions- und Kunstgeschichte zu konstruieren und zu vermitteln.

Gril-Mariotte geht in ihrem Beitrag zu religiösen Motiven in Stoffdrucken, die zur Innendekoration dienten, noch einen Schritt weiter: Sie benutzt den durchaus heiklen Begriff der »déchristianisation« und spekuliert, dass diese Drucke die auf ihnen dargestellten biblischen oder hagiografischen Szenen zu einem Typ historistischen Konsumguts neben vielen anderen reduziert hätten. Eine ähnliche Tendenz zur historisierenden, weitestgehend desakralisierten Identitätsstiftung implizieren auch die Aufsätze von Cabanel und Daniel Travier. Vor allem Letzterer konzentriert sich auf die omnipräsente bildliche Erinnerung an den Désert (also die klandestine Phase des Hugenottentums in Frankreich, 1685–1787) in calvinistischen Drucken des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Freilich fehlt in diesem Band eine echte Gegenprobe, denn schlecht bis gar nicht repräsentiert ist hier der gerade im selben Zeitraum florierende Industriezweig der katholischen Devotionalienproduktion. Die Ikonografie des Herzens Jesu etwa mag hochkonventionell, ja sogar kitschig erscheinen, aber bewirkte die Massenherstellung an sich schon eine Desakralisierung? Saint-Martin scheint dies auf einer allgemeineren Theorieebene zu suggerieren, indem sie Walter Benjamin und den Verlust der »Aura« im Prozess der technischen Reproduktion ins Spiel bringt. In Borellos Einleitung zum Band ist die Schlüsselreferenz hingegen das Werk Alphonse Dupronts – also eines großen Denkers des Sakralen, auch und gerade in der Moderne. Letztlich bleibt unklar, was der »industrielle« Charakter des Zeitalters genau bedeutet und was er mit dem Wandel des Verhältnisses von Visualität und Religion zu tun hat. An etlichen Stellen kommt der Band deshalb nicht über die vage quantifizierende, etwas banale Feststellung hinaus, dass sich dank moderner industrieller Produktion die Gesamtzahl der in der Gesellschaft zirkulierenden, religiös konnotierten Bilder vervielfachte.

Einige wichtige Probleme bleiben also ungelöst. Es wäre auch – wie Yves Krumenacker im Fazit zum Band anmerkt – reizvoll gewesen, anderen Religionen, insbesondere dem Judentum, nicht nur in der Einleitung Aufmerksamkeit zu schenken. Gerade durch das, was er offenlässt, signalisiert der Band aber auch vielversprechende Forschungsperspektiven, zu deren Konkretisierung er durchaus einen wertvollen Beitrag leistet.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Kilian Harrer, Rezension von/compte rendu de: Céline Borello, Aziza Gril-Mariotte (dir.), Imageries religieuses à l’ère industrielle. Supports, diffusion et usages (XVIIe–XXe siècle), Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2022, 240 p. (Art & Société), ISBN 978-2-7535-8671-0, EUR 26,00., in: Francia-Recensio 2023/2, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2023.2.96879