Mit seiner Monografie zu den Auswirkungen der Kleinen Eiszeit an der Mittelmosel legt Daniel Raths eine gründlich gearbeitete Studie vor, die sich die Rekonstruktion des Mesoklimas eines klar abgegrenzten Naturraums zum Ziel nimmt. Damit setzt er einen Kontrapunkt zu makroklimatischen Studien und reagiert auf ein von Franz Mauelshagen formuliertes Desiderat nach Lokal- und Regionalstudien zur Exemplifizierung überregionaler Befunde. Dementsprechend verortet sich Raths zwischen Regionalgeschichte und Historischer Klimatologie (S. 17, 20). Die Mittelmosel ordnet er als klimatisch begünstigten Naturraum ein, der sich durch den Weinanbau von anderen Regionen abhebe. Da die Region damit besonders sensibel auf Wetter und Witterung reagiere, biete sie sich in hohem Maße für eine klimahistorische Studie an.

Die Studie ist zweigeteilt aufgebaut: Auf einführende Bemerkungen zu Forschungsstand und zeitlicher und räumlicher Eingrenzung des Untersuchungsgegenstandes folgt das erste Hauptkapitel mit einer ausführlichen Reflexion des Konzepts der Kleinen Eiszeit und mit Zielsetzungen und Herausforderungen der Historischen Klimatologie. Im zweiten, umfassenderen Hauptkapitel diskutiert Raths die Leistungsfähigkeit der herangezogenen Quellen, bevor er die von ihm identifizierten Gunst- und Ungunstphasen an der Mittelmosel näher beschreibt. Diese Darstellung schließt eine sehr knappe Einordnung der Befunde ab. Bereits an dieser Stelle hervorzuheben ist der mit 305 Seiten überaus umfangreiche und detaillierte Anhang, in dem Raths alle im Quellenkorpus identifizierten Wetter-, Witterungs- und Klimadaten sowie Angaben zu Getreide- und Weinpreisen, Ernteerträgen, der Häufigkeit des Wetterläutens und Hexenprozessen nach Jahren aufgeschlüsselt auflistet.

Bei der Festlegung des untersuchten Raumes orientiert sich Raths an der gebräuchlichen Einteilung der Abschnitte der Mosel, wobei diese von der geografisch korrekten Gliederung des Flusses abweiche. Der Nutzen dieser strikten räumlichen Abgrenzung bleibt indes unklar, da Raths aus Mangel an Quellen aus dem eher ländlich geprägten untersuchten Raum regelmäßig Chroniken aus Limburg, Luxemburg und Metz zugrunde legt, die teils deutlich außerhalb liegen (vgl. Karte auf S. 69). Auch hinsichtlich der zeitlichen Eingrenzung limitiert die schwierige Quellenüberlieferung den Anspruch der Studie: So sei es notwendig, sich auf die Zeit zwischen 1450 und 1700 zu beschränken, auch wenn dies nicht mit der herkömmlichen Periodisierung der Kleinen Eiszeit übereinstimme (S. 26). Darüber hinaus sei es wegen der unzureichenden Datenquantität und -qualität unmöglich, eine »moderne klimahistorische Studie« (S. 45) vorzulegen. Im Gegensatz zur wegweisenden Arbeit Christian Pfisters1 verwendet Raths daher nur ein vereinfachtes Modell der ungewichteten Indizierung von Proxydaten. Als weitere, besonders einschlägige Referenz nennt er die meteorologische Studie Paul Dostals zum Oberrhein2, da diese einen ähnlichen, ebenfalls durch Weinanbau geprägten Naturraum mit derselben Klimaklassifikation untersuche.

In der sorgfältigen Vorstellung der erschlossenen Quellenbestände im zweiten Hauptkapitel reflektiert Raths ihren Nutzen für eine Klimarekonstruktion. Direkte klimarelevante Daten entnimmt er Chroniken aus Metz und Limburg sowie dem Diarium (1693–1709) des Trierer Kurfürsten Hugo von Orsbeck, dem er wegen der fast täglichen Einträge zum Wetter den Charakter eines Witterungstagebuchs zuschreibt (S. 83 f.). Zu den indirekten Überlieferungen zählt er neben hydrologischen und phänologischen Daten sowie Preisreihen für Wein und Getreide (deren Quellenwert er kritisch hinterfragt) auch Hexenverfolgungen und apotropäische, also Unheil abwehrende, Handlungen. Kern seiner Analyse ist eine Tabelle, die für jedes Jahr des Untersuchungszeitraums nach Jahreszeiten aufgeschlüsselt klimarelevante Daten indiziert. Auf Grundlage dieser Tabelle identifiziert Raths zusammenhängende Gunst- und Ungunstphasen, ohne jedoch näher auf die Kriterien für ihre Abgrenzung einzugehen. Dies fällt umso mehr ins Auge, als seine Periodisierung für die Mittelmosel von der makroklimatischen Einteilung Pfisters abweicht und dies erklärtermaßen zu den zentralen Befunden der Studie zählt.

In der Darstellung der jeweiligen Phasen beschränkt sich der Verfasser im Großen und Ganzen auf die Aufzählung von Wetterereignissen, Ernteerträgen und Preisentwicklungen. Hierbei zeigt sich ein primär quantifizierender Zugang zum Quellenmaterial, Deutungen der Zeitgenossen werden bis auf den Verweis auf apotropäische Handlungen und Wellen von Hexenverfolgungen nicht einbezogen. Nur vereinzelt wird direkt aus dem Quellenmaterial zitiert. Raths erklärt zwar, dass er einen rein deskriptiven Anspruch verfolge (S. 45), dennoch ist das Ausbleiben einer zumindest exemplarischen Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Wahrnehmung ungewöhnlicher Wetterereignisse und längerfristiger Krisenzeiten sowie der entwickelten Bewältigungsstrategien angesichts des vielversprechenden erschlossenen Quellenmaterials unbefriedigend. Der Verzicht auf eine kulturgeschichtliche Einordnung ist zudem überraschend, da Raths selbst betont, dass die Klimawirkungsforschung, also die Analyse kultureller Reaktionen auf die jeweiligen Ereignisse, ein zunehmend bedeutsamer Zweig der Historischen Klimatologie werde (S. 45 f.).

Auch die abschließende Zusammenfassung kann dieses Manko nicht beheben. Raths beschränkt sich darin in erster Linie auf einen Abgleich seiner Befunde mit makrohistorischen Studien und der Untersuchung Dostals. Für die Mittelmosel und den Oberrhein ergäben sich hinsichtlich der jeweiligen Gunst- und Ungunstphasen ähnliche, von überregionalen Studien abweichende Befunde. Dem deskriptiven Zugang entspricht, dass Raths als zentrales Ergebnis seiner Untersuchung herausstellt, innerhalb der Kleinen Eiszeit seien in der untersuchten Region nicht kalte, sondern eher feuchte Witterungsanomalien vorherrschend und ursächlich für Teuerung und Hungersnöte gewesen. Insgesamt ist Raths Leistung, einen sehr heterogenen und verstreuten Quellenbestand zu erschließen, durchaus verdienstvoll. Dank der Aufbereitung der Daten im Anhang stellt seine regionalgeschichtliche Klimarekonstruktion einen idealen Ausgangspunkt für weiterführende, klimahistorisch wie sozial- und kulturgeschichtlich orientierte Untersuchungen dar.

1 Beispielsweise in: Christian Pfister, Wetternachhersage. 500 Jahre Klimavariationen und Naturkatastrophen (1496–1995), Bern u. a. 1999.
2 Paul Dostal, Klimarekonstruktion der Regio TriRhena mit Hilfe von direkten und indirekten Daten vor der Instrumentenbeobachtung (Berichte des Meteorologischen Institutes der Universität Freiburg, 13), Freiburg i. Br. 2005.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Lisa Kolb, Rezension von/compte rendu de: Daniel Raths, Rekordernten und Hungerjahre. Klimabedingte Gunst- und Ungunstphasen an der Mittelmosel während der sogenannten Kleinen Eiszeit 1450–1700, Trier (Kliomedia) 2022, 599 S. (Trierer Historische Forschungen, 76), ISBN 978-3-89890-219-9, EUR 90,00., in: Francia-Recensio 2023/2, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2023.2.96899