Stadien und weitere Sport-Arenen – ganz unterschiedlicher Größe, Funktion und Bekanntheit – sind heute sowohl Symbole des im 20. Jahrhundert zum Massenkulturgut aufgestiegenen modernen Sports als auch feste Bestandteile urbaner Infrastruktur. Mitunter haben sie es gar geschafft, zur Metonymie zu werden, wenn es beispielsweise heißt, eine Mannschaft habe »an der Anfield Road« (Liverpool), »im Camp Nou« (Barcelona) oder vor der »gelben Wand« – der größten Tribüne in der Dortmunder Arena, dem »schönsten Stadion der Welt« (The Times, 2009) – zu bestehen. Sie sind Bauten und Symbole, Inszenierungs- und Identifikations-, Erfahrungs- und Erinnerungsorte. Zugleich haben sie eine materielle wie eine Repräsentationsgeschichte, können weithin akzeptierte Komplexe wie solche mit politisch hoch umstrittener Geschichte sein.

Eine tiefergehende historiografische Beschäftigung mit ihnen kann sich mithin aus ganz verschiedenen Perspektiven anbieten und anregende Ergebnisse liefern. Davon zeugt der von Dietmar Hüser, Paul Dietschy und Philipp Didion herausgegebene Band zu »Sport-Arenen – Sport-Kulturen – Sport-Welten«, der »[d]eutsch-französisch-europäische Perspektiven im langen 20. Jahrhundert« verspricht. In ihrer sehr instruktiven Einleitung umreißen die Herausgeber nicht nur die gesellschaftliche Aufstiegsgeschichte des modernen Sports seit Mitte des 19. Jahrhunderts, der von England – und etwas später auch den USA – aus über Kulturtransferprozesse seinen Weg in alle Welt fand. Sie unterstreichen ebenso seinen heutigen Stellenwert als global verbreitetes Kulturgut und skizzieren den langwierigen Prozess, den der Sport zurückgelegt hat, um zu einem akzeptierten Gegenstand der Geschichtswissenschaft zu werden.

Deutlich – und hier liegt die programmatische Dimension des Buches – wird zudem, dass und wie sich über eine Beschäftigung mit dem Sport interessante und belastbare Brücken in andere Felder der Geschichtswissenschaft schlagen lassen. Zu diesen zählen unter anderem die Geschichte von Internationalismus und nationaler Konkurrenz, Medialisierung und Kommerzialisierung, sozialer Exklusion und schichtenübergreifender Integration, einstiger Eliten- und heutiger weltweiter Populärkultur.

Um einen gut greifbaren Ansatzpunkt für entsprechende Brückenschläge zu besitzen, rückt der Band die »Sport-Arenen« ins Zentrum und macht sie zum Ausgangspunkt von 21 Einzelanalysen. Die Arenen werden verstanden als Orte, »an denen sich [der] Sport zum Brennglas herrschender Verhältnisse und gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse über öffentliche Meinungsführerschaft und kulturelle Machtbalancen, über dominante Konventionen, Werte und Normen oder über soziale Integration und Exklusion bestimmter Gruppen verdichtet« (S. 16). Zugleich versteht der Band sie als »öffentliche Performanzorte für faszinierende Höchstleistungen und Heroisches« und »für das Interagieren von Sportler*innen und Publik[a]« (S. 18).

Der Bandbreite potenziell relevanter Einzelthemen entsprechend ist der Sammelband, der überwiegend auf eine Online-Tagung aus dem Januar 2021 zurückgeht, in sechs Sektionen mit jeweils drei bis vier deutsch- und französischsprachigen Aufsätzen (und einem englischsprachigen Text) gegliedert: »Stadien & Inszenierung«, »Stadien & Räume«, »Stadien & Urbanität«, »Stadien & Emotionen«, »Stadien & Frauen« sowie »Stadien & Architektur«.

Sämtliche Beiträge bieten interessante und empirisch fundierte Einblicke in die Geschichte verschiedener, nicht ausschließlich, aber zumeist deutscher oder französischer Sport-Arenen, wobei klassische (Multifunktions- oder Fußball-)Stadien im Mittelpunkt stehen. Sie können hier aus Platzgründen nicht im Einzelnen gewürdigt werden. Hervorgehoben werden sollen stattdessen einzelne Beiträge, die insofern weiterführend sind, als sie – anders als manche Aufsätze, die eher »Stadion-Porträts« bieten – über den Gegenstand hinausreichende Perspektiven eröffnen. Heraus ragt unter anderem der Aufsatz Julian Riecks, der die bislang verblüffend unbeleuchtet gebliebene Geschichte des Estadio Santiago Bernabéu in Madrid als Geschichte eines »urbane[n wie] nationale[n] Inszenierungsraum[s]« (S. 218) in vier unterschiedlichen politischen Systemen im 20. und 21 Jahrhundert untersucht und gekonnt Sport-, Architektur- und politische Kulturgeschichte miteinander verbindet. Ferner sticht Dietmar Hüsers Beitrag hervor, der am Beispiel des zweiten Berner Wankdorf-Stadions, Endspielort der WM 1954, und mit Bezugnahme auf Pierre Nora theoriegeleitet zeigt, wie ein (bundesdeutscher) Erinnerungsort über Jahrzehnte langsam geschaffen und aktualisiert wurde.

Über den engeren Arenen-Bezug hinaus weisen ferner die Beiträge von Saskia Lennartz und Camille Martin, die sich mit der Geschichte des Frauenfußballs im Saarland und in Frankreich beschäftigen. Sie machen nachdenklich, indem sie zeigen, auf welche Vielfalt struktureller Faktoren die fortgesetzt auszumachenden Akzeptanzhürden und Ausbreitungsprobleme des Frauenfußballs zurückgehen und wie geschlechtlich codierte Exklusionsmechanismen teilweise bis in die Gegenwart fortwirken. In anderer Weise nachdenklich macht nicht zuletzt der etwas aus dem Rahmen fallende Beitrag von Florian Wittman und Anselm Küsters, der den Band abschließt. Mit Mitteln der Digital Humanities, nämlich genauen Text-Mining-Analysen, untersuchen sie Stadionrezensionen, die zwischen 1912 und 2011 in deutschen Bau- und Architekturzeitschriften erschienen. Ihre Ergebnisse sind keineswegs nur für eine zeitgemäße Sportgeschichtsschreibung relevant, vielmehr führen sie vor Augen, inwiefern digitale Methoden für die Geschichtswissenschaft insgesamt von Nutzen sein können. Wie auch andere Teildisziplinen des Fachs, speziell die Historische Semantik, argumentieren Wittmann und Küsters überzeugend, dass computergestützte Analysen großer Textkorpora übergeordnete (sprachliche) Veränderungen deutlicher erkennbar machen können, als dies bei konventioneller Quelleninterpretation »von Hand« möglich ist. Gleichzeitig zeigen die Autoren prägnant, dass dies keineswegs den zweiten Schritt einer detaillierten inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Quellenmaterial ersetzen kann.

Der letzte Beitrag des Bandes verweist indirekt auch auf kleinere Defizite, die sich in verschiedenen Aufsätzen wiederfinden. Denn anders als Wittmann und Küsters schweigen mehrere Beiträge zur Methodik. Während Fragestellungen und Quellenkorpora klar benannt werden, bleiben die Wege des Erkenntnisgewinns partiell etwas im Dunkeln. Darüber hinaus ließe sich kritisch anmerken, dass nur wenige Aufsätze dezidiert deutsch-französisch vergleichende oder transnationale Untersuchungsperspektiven einnehmen und sich die meisten Autorinnen und Autoren stattdessen auf Untersuchungsgegenstände in jeweils einem Land beschränken. Das indes kann den insgesamt sehr positiven und weitere Forschungsfragen eröffnenden Eindruck, den der Band hinterlässt, nicht wirklich trüben. Wer nach den verschiedenen Facetten einer historiografisch zeitgemäßen Auseinandersetzung mit Sport-Arenen sucht, findet in diesem Buch künftig einen sehr gelungenen und tragfähigen Ausgangspunkt.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Kristoffer Klammer, Rezension von/compte rendu de: Dietmar Hüser, Paul Dietschy, Philipp Didion (Hg.), Sport-Arenen – Sport-Kulturen – Sport-Welten/Arènes du sport – Cultures du sport – Mondes du sport. Deutsch-französisch-europäische Perspektiven im »langen« 20. Jahrhundert/Perspectives franco-allemandes et européennes dans le »long« XXe siècle, Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 2022, 499 S., 19 s/w, 18 farb. Abb. (Vice versa. Deutsch-französische Kulturstudien, 7), ISBN 978-3-515-13206-0, EUR 82,00., in: Francia-Recensio 2023/2, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2023.2.96984