Special Issue Architekt:innen-Monographien. Kanonisierung, Kontextualisierung, Kritik
Vorwort
[1] Im November 2011 konstituierte sich in Wien das "Forschungsnetzwerk Österreichische Architektur im 19. und 20. Jahrhundert", das, international und gleichzeitig niederschwellig organisiert, mit regelmäßigen Treffen den wissenschaftlichen und an aktuellen Fragen orientierten Austausch zum Ziel hat. Angeregt durch zahlreiche Diskussionen, durch eigene Forschungskontexte und nicht zuletzt durch fruchtbare Verbindungen zum "Netzwerk Biographieforschung" an der Universität Wien entstand dabei vor einigen Jahren die Idee zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Architekt:innen-Monographie als einem essentiellen architekturhistorischen Publikationsformat. Im September 2021 fand dazu das Symposium "Architekt:innen-Monographien. Potentiale, Grenzen, Alternativen" statt, konzipiert und veranstaltet von den Initiator:innen des Forschungsnetzwerks – und zugleich Herausgeber:innen dieses Special Issue im RIHA Journal – gemeinsam mit dem "Forschungsbereich Kunstgeschichte" des Instituts für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraums der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.1 Dabei wurden die Architekt:innen-Monographie im deutschsprachigen Raum im 19. und 20. Jahrhundert, mit speziellem Fokus auf die zentraleuropäische Moderne, kritisch in den Blick genommen und der aktuelle Umgang mit diesem Publikationsformat innerhalb der Disziplin Architekturgeschichte beleuchtet, ohne dessen offensichtliche begriffliche und phänomenologische Unschärfen aus den Augen zu lassen.Der gewählte geographische Raum, den wir als Herausgeber:innen auch für diesen Special Issue beibehalten, steht im Zentrum unserer eigenen fachlichen Expertise; selbstverständlich könnten auch andere räumliche Bereiche aufschlussreich sein. Für unser Thema stellt der zentraleuropäische Raum ein geeignetes Untersuchungsfeld dar, weil hier vor allem im 20. Jahrhundert eine beachtliche Anzahl an Monographien über Architekten (kaum Architektinnen) zu finden ist, die deutlich zeigt, wie die Konstruktion von Narrativen in der Kunst- und Architekturgeschichte entsteht.
[2] Aus der Reihe von Vorträgen wurden acht Beiträge für das vorliegende Themenheft ausgewählt, ergänzt durch einen Aufsatz der Herausgeber:innen, der grundlegende Überlegungen anstellt und eine multiperspektivisch angelegte Revision dieses wissenschaftlichen Publikationsformats versucht. Bei der Klärung von Begriffen wie Monographie und Biographie kann der Blick über die Grenzen der eigenen kunst- bzw. architekturhistorischen Disziplin hinaus transdisziplinär nutzbar gemacht werden. So werden in den Literaturwissenschaften Definitionen und Gattungsbegriffe bereits seit vielen Jahrzehnten analysiert und diskutiert. In diesem Sinn liefert Sarah Herbe in ihrem Aufsatz "Leben und Werk, Gattung und Geschichte. Zur Rolle der Biographie in der Literaturwissenschaft" einen produktiven Input für eine Befragung der Architekt:innen-Monographie.
[3] Als zentral für alle Beiträge erweist sich die Frage nach der 'Monographiewürdigkeit' und nach den Mechanismen dessen, was man weithin als Kanonbildung versteht. Wer erhält überhaupt eine Monographie und wer schreibt sie? Die Aufsätze von Elke Katharina Wittich, "Frühe Schinkel-Monographien. Erzählungen über einen Künstler, der eigentlich ein gut ausgebildeter Baubeamter war", sowie von Ruth Hanisch, "Eine Architektenmonographie als Abrechnung. Joseph August Luxʼ Otto Wagnervon 1914", führen anhand zweier im derzeitigen Kanon fest verankerter (männlicher, 'weißer', europäischer) Architekten die Komplexität der hegemonialen Bedeutungskonstruktion vor Augen. Sie bieten überdies ein differenziertes Bild der weiteren wichtigen, in diesen beiden Fällen ebenfalls ausschließlich männlichen Protagonisten: der (vielfach zeitgenössischen) Autor:innen von Architekt:innen-Monographien.
[4] Nicht selten sind es Architekt:innen selbst, die zur Feder greifen, ihr Werk und Wirken publizieren und bestimmte (später oft geradezu petrifizierte) Narrative prägen. Beispielhaft erläutert das Marcel Bois in seinem Aufsatz "Forschung als Fortschreibung von Selbstnarrativen? Zur Nachwirkung von Margarete Schütte-Lihotzkys Lebenserzählungen" anhand einer der ganz wenigen international bekannten Architektinnen, die in ihrem Fall jedoch weithin auf ein einziges Werk reduziert wird. Die Architektin Schütte-Lihotzkys war selbstbewusst genug, eine umfangreiche Dokumentation, ein Archiv zu hinterlassen. So steht hinter der 'Monographiewürdigkeit' vielfach auch die 'Archivwürdigkeit'. Es geht dabei also nicht nur um die Frage, wer (und womit) in den Kanon aufgenommen oder marginalisiert wurde und vielleicht erst allmählich wahrgenommen und (wieder-)entdeckt und gewürdigt wird, etwa durch Sensibilität hinsichtlich der Kategorien Gender, Religion oder 'Rasse' sowie weiteren intersektionalen Diskriminierungen. Entscheidend – und tatsächlich alles andere als banal – ist vielmehr oft die Frage, wie viel man überhaupt (noch) über eine Person und ihr architektonisches, künstlerisches Werk erfahren kann. Henrieta Moravčíková verdeutlicht in ihrem Beitrag "Writing a Biography of a Missing Character. Friedrich Weinwurm (1885–1942?)" anhand einer der wichtigsten slowakischen Architekten-Persönlichkeiten der Moderne, von der nicht einmal das genaue Sterbedatum bekannt ist, wie man mangels irgendeines Nachlassteils über Umwege biographische Konstruktionen generieren muss – und kann. Stefanie Kitzberger wiederum beschäftigt sich in ihrem Aufsatz "Komplexe Beziehungen. Notizen zu Biographie und Werk von Friedl Dicker-Brandeis" mit einer vielerorts und multimedial (also nicht in eine einzelne Werkkategorie einpassbar) arbeitenden Raumkünstlerin-Architektin, deren breitere Rezeption hartnäckig durch die Narrative 'Frau' und 'Holocaust-Opfer' kontraproduktiv überblendet wird.
[5] Wie ein roter Faden ziehen sich durch alle Texte die Fragen, wie sich in Architekt:innen-Monographien herrschende Machtstrukturen abbilden und welche Rolle dabei die Verfügbarkeit oder auch Nutzung unterschiedlicher Medien spielt. Die durchaus manipulative Zielsetzung von Publikationen, insbesondere durch die Einbindung des Mediums der Photographie zur Forcierung von bestimmten (oder auch Ausblendung unliebsamer) Facetten eines Architekt:innen-Œuvres und -Lebens analysiert Waltraud P. Indrist in ihrem Beitrag "Das wechselseitige Verhältnis von Architektur, Medien und Politik: Hans Scharoun 1933–1945. Einige methodisch-kritische Reflexionen".
[6] Zum Abschluss wird bei der schon mehrfach angeschnittenen Frage nach den Akteur:innen im Kontext der Architekt:innen-Monographie, den damit verbundenen Bewertungs- und Kanonisierungsprozessen und den jeweils wirksamen Mechanismen neben den Archiven und Sammlungen auch der Bedeutung von Verlagen und Verleger:innen nachgegangen. In einem Gespräch mit Richard Kurdiovsky erläutert Astrid Graf-Wintersberger die "Architekt:innen-Monographien im Residenz Verlag" als eine bemerkenswerte Editionsgeschichte im deutschsprachigen Raum.
[7] Wir danken dem RIHA Journal für die Möglichkeit zur Veröffentlichung und für das Lektorat und die Produktion Marianne Wackernagel (SIK-ISEA Zürich), Andrea Lermer und Sofie Eikenkötter (ZI München). Diese Zeitschrift wirkt nicht zuletzt durch Special Issues in verdichteter Weise als diskursförderndes Medium und ist – als Online-Format zugleich unkompliziert – direkt an die Forschungsgemeinschaft adressiert. Wertvolles Feedback erhielten wir dankenswerterweise durch das im Vorfeld erstellte Gutachten. Wichtige Anregungen verdanken wir überdies unserem Kollegen Andreas Nierhaus, der an der frühen Konzeptionsphase des erwähnten Symposiums beteiligt war, sowie allen Vortragenden und Diskutant:innen dieser Veranstaltung. Unser größter Dank gilt aber den Autor:innen der hier publizierten Beiträge. Wenn diese und unsere eigenen hier angestellten Überlegungen als Herausgeber:innen Impulse und Anregungen für weitere Forschungsfragen setzen könnten, so haben wir ein wichtiges Ziel unseres Vorhabens erreicht.
Wien, Graz und Dortmund im September 2025,
die Herausgeber:innen – Ruth Hanisch, Richard Kurdiovsky, Bernadette Reinhold und Antje Senarclens de Grancy
1 Vgl. https://www.oeaw.ac.at/ihb/aktuelles/veranstaltungsarchiv/veranstaltungen-2021/architektinnen-monographien (letzter Zugriff am 8. Juli 2024).


