Was geht?
Über die Lebenserwartung in der Merowingerzeit im diachronen Vergleich und einen Vorschlag zum soliden Umgang mit schwierigen Zahlen
Identifier (Artikel)
Abstract
Auf Basis einer hier zusammengetragenen Sammlung von 66 publizierten merowingerzeitlichen Gräberfeldpopulationen aus Mitteleuropa, die archäoanthropologisch bearbeitet sind, kann die epochenübliche mittlere biologische Lebenserwartung derjenigen, die das Erwachsenenalter erreicht haben („e20“), auf 22,4 Jahre bestimmt werden, oder – ab Geburt gerechnet („a20“) – auf 42,4 Jahre. Die mittlere Lebenserwartung im frühen Mittelalter ist damit circa 4 Jahre höher als im Frühneolithikum und in der Frühbronzezeit dieses Raumes, weitgehend identisch zu jener in der (Spät-) Antike und 2 Jahre geringer als im anschließenden Hochmittelalter. Vor dem Hintergrund der selbstkritischen anthropologischen Fachdiskussion seit den 1970er-Jahren über die Verlässlichkeit der biologischen Altersbestimmungen nach der Komplexen Methode und einem hier dargelegten Vergleich mit Modellsterbetafeln müssen die genannten Zahlen als Mindestwerte verstanden werden. Das tatsächlich erreichte mittlere kalendarische Lebensalter lag, wie hier begründet wird, um ca. 5 Jahre höher – was auch für die genannten Vergleichsserien gilt. Danach lag der Lebensstandard im frühen Mittelalter, hier gemessen an der mittleren Lebenserwartung, in etwa auf dem Niveau der Kaiserzeit im römischen Reich. Die hier vorgeschlagene Vorgehensweise berücksichtigt die Probleme und Unsicherheiten der archäoanthropologischen Altersbestimmungen, verzichtet wegen des unlösbaren Problems fehlender Kinder auf die Kennzahl e0 (Lebenserwartung bei Geburt) und zeigt auf, wie mit einer angemessenen Vorgehensweise („Protokoll“) Unterschiede zwischen Populationen oder solche zu einer Referenzserie auf statistische Signifikanz geprüft werden können. Daten und wesentliche Teile des R-Codes sind dem Aufsatz als Erg. Mat. beigegeben, damit sie von Interessierten für eigenes Weiterarbeiten genutzt werden können.
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