Ist die Bibliothek ein Dritter Ort? Ein Seminarbericht

DOI: http://dx.doi.org/10.11588/ip.2015.2.23763

Corinna HAAS, Rudolf MUMENTHALER, Karsten SCHULDT

Ist die Bibliothek ein Dritter Ort? Ein Seminarbericht

Zusammenfassung

Das Schlagwort „Dritter Raum” beziehungsweise „Dritter Ort” hat sich in den letzten Jahren im Bibliothekswesen etabliert. Es beschreibt strategische Entscheidungen von Bibliotheken, sich als Kommunikationsort und gesellschaftlichen Raum zu entwerfen. In einem Seminar an der HTW Chur wurde das Schlagwort einer kritischen Prüfung unterzogen (1). Zuerst wurden die Herkunft und heutige Nutzung des Schlagworts überprüft (2). Dabei zeigten sich relevante Differenzen sowohl zwischen der Originalliteratur, die im US-amerikanischen Rahmen der 80er und 90er Jahre angesiedelt ist und der heutigen bibliothekarischen Verwendung, als auch zwischen Bibliotheken, die das Schlagwort nutzen. In einem weiteren Schritt überprüften Studierende in verschiedenen neu- oder umgebauten schweizerischen Bibliotheken forschend die These vom „Dritten Ort” (3). Die Arbeiten der Studierenden zeigten vor allem Bibliotheken, die infrastrukturell „Dritte Orte” sein wollen, aber von den Nutzerinnen und Nutzern nicht als solche akzeptiert werden. Der Text stellt die im Seminar geleistete Arbeit dar und schliesst (4) mit offenen Fragen, die sich aus den festgestellten Differenzen zwischen bibliothekarischem Diskurs, Realität in den Bibliotheken und Zielen der Originalliteratur ergeben.

Schlüsselwörter

Dritter Ort, forschendes Lernen, Kommunikationsort, Ethnologie, bibliothekarisches Selbstverständnis


Abstract

The term „Third Place"” has become popular in librarianship in recent years. It describes strategic decisions made by libraries in order to turn themselves into places of communication and social interaction. In a seminar at HTW Chur, the term was critically discussed. (1) The origin and current use of the term „Third Place"” were examined. (2) Some relevant differences were considered between its use in the original literature which is situated within the US context of the 80s and 90s, and today's library use, as well as between libraries that use the term; following this discussion, students examined the thesis of the „Third Place"” in the context of various new or rebuilt Swiss libraries. (3) The research carried out by the students in particular libraries showed that they want to be "third places", but are not accepted as such by their users. This article presents the proceedings and outcomes of the seminar and concludes (4) with open questions that arise from the identified differences between the discourse of librarians, the reality in the libraries, and the intentions of the original literature.


Keywords

Third Place, research-based teaching, communication space, ethnology, librarians self-image





Inhaltsverzeichnis


1 Einleitung

2 Aufbau des Seminars

3 Was ist ein „Third Space“?

3.1 Der Third Space in der bibliothekarischen Diskussion

3.2 Der Third Space bei Ray Oldenburg

3.3 Weitere Irritationen

4 Ergebnisse aus schweizerischen Bibliotheken

4.1 Definitionsansätze für Bibliotheken als „Dritter Ort“

4.2 Untersuchungen der Realität in Bibliotheken

4.3 Abschluss des Seminars

4.3.1 Ethnografie in Bibliotheken: Marktstudien und sozialwissenschaftliche Forschung

4.3.2 Kritik am Dritten Ort als Bibliotheksraumkonzept

5 Fazit und offene Fragen

Literatur

AutorInnen



1 Einleitung

In den Debatten um die zukünftige Gestaltung von Bibliotheken hat sich in den letzten Jahren das Schlagwort „Dritter Raum” oder „Dritter Ort” etabliert. In zahlreichen Texten – beispielsweise im Schwerpunkt „Die Bibliothek als Dritter Ort” der BuB 07/2015, die erst nach dem hier besprochenen Seminar erschien, und damit ein weiterhin bestehendes Interesse am Thema dokumentiert –, aber vor allem in Projekten zum Um- und Neubau von Bibliotheken, sowohl Öffentlichen als auch Wissenschaftlichen, wird es benutzt, um eine neue Form von Einrichtungen zu beschreiben: Bibliotheken als Orte, die einen gesellschaftlich intensiv genutzten Raum darstellen sollen. (Vgl. Harris 2003; Stanley 2005; Brehm Heeger 2006; Barth 2015) Wie immer bei solchen Schlagworten ist es schwierig anzugeben, wann und wie dies das erste Mal passierte, aber die gängigen Datenbanken (LISA, LISTRA, Web of Science, Google Scholar) zeigen betreffende englischsprachige Texte nach dem Publikationsjahr 2000, mit steigender Tendenz. Eine Durchsicht der deutschsprachigen bibliothekarischen Zeitschriften zeigt das Aufkommen erst nach 2010, dann aber ebenfalls mit steigender Tendenz.


Im Rahmen eines Seminars in der Ausbildung an der HTW Chur sollte untersucht werden, ob Bibliotheken den Ansprüchen, die im Schlagwort enthalten sind, gerecht werden. In der Vorbereitung des Seminars wurde schnell offensichtlich, dass diesen Forschungen durch die Studierenden eine intensive Diskussion des Schlagwortes „Dritter Ort” vorausgehen muss. Im Rahmen des Seminars wurde zudem offensichtlich, dass die Antwort auf die Frage, ob Bibliotheken ein „Dritter Ort” sind, vielschichtig ausfällt. Eine einfache Antwort ist nicht möglich.


Dieser Text berichtet, auf der Grundlage der Arbeiten der Studierenden und der verwendeten Seminarunterlagen, über diese Lehrveranstaltung.1 Im ersten Teil (2) werden kurz die Grundfrage und der Aufbau des Seminars geschildert, vor allem um die von den Studierenden geleistete Arbeit zu kontextualisieren. Darauf (3) folgt eine Diskussion des Begriffs „Dritter Raum” und seiner Verwendung in der bibliothekarischen Diskussion. Anschliessend (4) werden die Arbeiten der Studierenden dargestellt. Im letzten Teil (5) wird aus diesen Ergebnissen nicht nur ein Fazit gezogen, sondern werden vor allem auch offene Fragen skizziert. Die beiden Autoren dieses Textes, Rudolf Mumenthaler und Karsten Schuldt, leiteten das Seminar; die Autorin, Corinna Haas, war als Gastreferentin beteiligt.


2 Aufbau des Seminars

Die Fragestellung des Seminars wurde gewählt, da das Schlagwort „Dritter Ort” den Dozierenden regelmässig auffiel und in den letzten Jahren (zum Teil) auch von Ihnen selber benutzt wurde, um den jeweiligen Studierenden die Entwicklungen im Bibliothekswesen zu erläutern. Offensichtlich hat das Schlagwort einigen Wert, da es sowohl von den Studierenden übernommen wurde als auch in zahlreichen Diskussionen im deutschsprachigen Bibliothekswesen auftauchte. Gleichzeitig wurde durch diese häufige Verwendung auch sichtbar, dass der Begriff nicht klar eingegrenzt ist, sondern unterschiedlich verwendet wird. Gerade angesichts einiger Diskussionen im Unterricht und der Ergebnisse von Studienabschlussarbeiten über die reale Nutzung von Bibliotheken in der Schweiz, gab es auch immer wieder Verunsicherungen auf Seite der Dozierenden: Es gab zunehmend widersprüchliche Antworten auf die Fragen, ob Bibliotheken als Dritte Orte wirkten und ob die Absicht der Bibliotheken der tatsächlichen Nutzung entsprach. Je öfter solche Verunsicherungen vorkamen, umso mehr drängte es sich als Thema eines Seminars auf.


Seminare sind im Curriculum der HTW Chur einer der Orte, an denen die Studierenden angehalten werden sollen, möglichst eigenständig und kritisch ein praxisrelevantes Thema zu bearbeiten. Ein Ziel der Dozierenden ist es, die Studierenden zu eigenständigen Forschungen anzuhalten, damit sie die Wirksamkeit von Forschung eigenständig erleben und gleichzeitig die Möglichkeiten der Anwendung von wissenschaftlichen Methoden in der Bibliothekspraxis erfahren. (Schuldt & Mumenthaler 2015) Dabei sind der „Raum Bibliothek” und die tatsächliche Nutzung von Bibliotheken ein Schwerpunktinteresse der beiden Dozierenden. Wenn möglich, lassen sie Studierende unterschiedliche Methoden ausprobieren, die sich auf diesen Schwerpunkt beziehen.


Vor diesem Hintergrund wurde das Seminar, welches im ersten Halbjahr 2015 stattfand, wie folgt konzipiert: Während dreier Sitzungen von je 180 Minuten wurden die Studierenden in das Thema und die Möglichkeiten unterschiedlicher Forschungsmethoden eingeführt. Zuerst wurden die Literatur und Diskussion zum „Dritten Ort” besprochen, wobei der Fokus auf den regelmässig zitierten Werken von Ray Oldenburg sowie der bibliothekarischen Literatur aus dem deutsch- und englischsprachigen Raum lag. (Siehe Abschnitt 3.1 und 3.2) Anschliessend wurden unterschiedliche Forschungsmethoden, vor allem solche, die schon in Bibliotheken eingesetzt wurden, vorgestellt. Dabei wurden sowohl die Möglichkeiten als auch Grenzen dieser Methoden thematisiert. Beide Male wurden erste Forschungshypothesen aufgestellt, mit denen versucht wurde, Bibliotheken zu beschreiben, die sich als „Dritte Orte” auszeichnen. Zuletzt wurde gemeinsam die Bibliothek der Zürcher Hochschule der Künste, die kürzlich zusammen mit der Hochschule am neuen Standort eröffnet wurde, besucht, um dort gemeinsam eine mögliche Forschung zu planen. Nach einer kurzen Einführung durch den Leiter der Bibliothek erkundeten die Studierenden die Einrichtung in Arbeitsgruppen, um dort konkrete Planungen für eine mögliche Forschung – beispielsweise die konkrete Frage, wo Beobachtungen stattfinden könnten, wo und wie Interviews durchgeführt und welche Dokumente analysiert werden könnten – vorzunehmen. Anschliessend wurden diese Möglichkeiten zusammengetragen und in gemeinsamer Diskussion zu einem möglichen Forschungsplan, inklusive einer Planung der Auswertung von erhobenen Daten, verdichtet. Sinn dieser einleitenden Sitzungen war, exemplarisch eine Forschungsplanung durchzuführen, die von der Literaturarbeit über die Hypothesen- und Fragenentwicklung, von der Wahl der Untersuchungsmethoden bis zur konkreten Durchführungsplanung die in der Forschungsliteratur sonst oft nur angedeutete Arbeit bei einem Forschungsprojekt zu verdeutlichen. Zudem wurde so im gesamten Seminar ein gemeinsames Verständnis des Themas erarbeitet. Gleichzeitig sollte eine Offenheit für verschiedene Ansätze und Methoden erzeugt werden.2 Nach diesen Übungen organisierten sich die Studierenden zu Arbeitsgruppen, die jeweils ein Forschungsprojekt in einer von ihnen gewählten Bibliothek in der Schweiz planten. Untersucht wurden die Pestalozzi Bibliothek Altstadt – Zürich (Guttmann, Kramer, Reitze, Zehnder), die Kinder- und Jugendbibliothek Solothurn (Christen, Fritschi, Schumacher, Wegmüller), das Rolex Learning Center der EPFL – Lausanne (Conti), die Bibliothek Hauptpost – St. Gallen (Jehli, Steiger, Steiner, Stucki), die Bibliothek der Pädagogischen Hochschule Zürich (Boelsterli, Ichsanow, Merki, Mühlebach, Mürner) sowie die Stadtbibliothek Aarau (Lorenzo, Luthiger, Wiegart).


In einer weiteren, als Symposium gedachten Sitzung, stellten die Arbeitsgruppen sich gegenseitig die geplanten Untersuchungen vor und diskutierten diese. Im Anschluss an diese Sitzung wurden von einigen Gruppen allzu engagiert geplante Forschungen reduziert, ansonsten wurden die präsentierten Vorschläge gut geheissen. Erst im Anschluss an diese Sitzung unternahmen die Studierenden dann tatsächlich ihre Forschungen. Im knappen Zeitraum von zehn Wochen wurden in den genannten Bibliotheken Beobachtungen mit verschiedenen Methoden, Befragungen und Interviews durchgeführt sowie Dokumente ausgewertet. Grundsätzlich waren die Forschungen erfolgreich, einige Studierende bemerkten im Anschluss an das Seminar, dass eine längere Planung und längere Forschungszeit (z.B. die Ausdehnung des Seminars auf zwei Semester) die Ergebnisse verbessert hätten, auch wären allfällige Pre-Tests mit mehr Zeit besser durchzuführen und auszuwerten gewesen. Davon abgesehen zeigte die Arbeit der Studierenden allerdings, dass kleinere Forschungsprojekte in Bibliotheken möglich sind und neue Erkenntnisse hervorbringen können.


In der letzten, eintägigen Sitzung stellten die Arbeitsgruppen ihre Ergebnisse vor. (Siehe Abschnitt 5) Diese Sitzung wurde von der Mit-Autorin dieses Textes begleitet, die als Expertin zum Einsatz von ethnologischen Methoden in der Bibliothekspraxis die Arbeit, Ergebnisse und Interpretationen der Studierenden kommentierte und anschliessend einen Ausblick auf weitere Methoden und Forschungsfragen lieferte. Im Anschluss reflektierten die Studierenden ihre eigene Arbeit im Seminar und die Ergebnisse ihrer Arbeitsgruppe in einer Hausarbeit.


Das didaktische Ziel, anhand einer aktuellen Debatte die Realität in Bibliotheken zu erforschen und dabei Erfahrungen in kleineren Forschungsprojekten zu sammeln, welche reflektiert die Basis für eigenständige Projekte im Berufsalltag neben und nach dem Studium liefern können, wurde mit dem Seminar erreicht. Hingegen wurde auf die titelgebende Fragestellung des Seminars keine eindeutige Antwort gefunden. Eher wurde mit den Ergebnissen klar, dass es eine solche nicht geben kann.


3 Was ist ein „Third Space“?

Der enge Zeitrahmen des Seminars machte es notwendig, dass ein erster Teil der Literaturarbeit im Vorfeld von den Dozierenden vorgenommen wurde, welche diese Ergebnisse als Grundlage präsentierten, aufgrund deren die Diskussionen in der gesamten Gruppe stattfinden konnten. Dies überspringt selbstverständlich einen wichtigen Schritt von Forschungsprojekten, da die Studierenden auf der Grundlage schon ausgewerteter Literatur mit dem Projekt begannen. Gleichwohl musste die Interpretations- sowie weitere Literaturarbeit von ihnen im Rahmen des Seminars geleistet werden. Schnell wurde bei der ersten Übersicht klar, dass es einen erstaunlichen Unterschied zwischen dem Verständnis des „Dritten Ortes” in der bibliothekarischen Diskussion und der soziologischen Originalliteratur, auf die verwiesen wird, gibt. Der Aufbau dieses Abschnittes folgt der Präsentation im Seminar: Zuerst wird die bibliothekarische Diskussion dargestellt (3.1), anschliessend werden die Irritationen dieser Diskussion (3.2, 3.3) aufgezeigt, insbesondere in Bezug auf den Inhalt der Originalliteratur.


3.1 Der Third Space in der bibliothekarischen Diskussion

Der „Dritte Ort” – in englischsprachigen Texten „Third Space”, in französischsprachigen „troisième lieu” (Servet 2009; 2010) – ist ein Begriff, welcher in der englischsprachigen bibliothekarischen Diskussion nach 2000 auftaucht und sich spätestens ab 2010 auch in der deutschsprachigen und französischsprachigen Diskussion etabliert hat. Er ist nicht konkurrenzlos, wird aber weithin benutzt und verstanden, um entweder neue Aufgaben von Bibliotheken zu entwerfen oder aber neue und neu umgebaute Bibliotheken zu beschreiben.


Als Dritter Ort wird dabei ein Raum beschrieben, der weder „Erster Ort” (privater Raum) noch „Zweiter Ort” (Arbeit, Ausbildung) sei. Manchmal wird diese Aussage weiter gefüllt, beispielsweise bei Fansa als „Ort, an dem Gesellschaft passiert” (Fansa 2015:438), manchmal wird sie in einen Zusammenhang mit den sozialen Aspekten des Lernens gesetzt (Montgomery & Miller 2011:234), als notwendiger Rückzugsraum für Kinder beschrieben (Brem Heeger 2006:27), oder als Ort, an welchem Personen „relaxen” und „sich wieder herstellen” könnten (Harris 2007; Waxmann et al. 2007), manchmal wird auch die Kette Starbucks als vorbildlicher Dritter Ort genannt (Stanley 2005:14). Eine kleine Anzahl von neu gebauten und neu konzipierten Bibliotheken wird ebenso als Vorbild beschrieben (allen voran die Centrale Openbare Bibliotheek Amsterdam: Servet 2010; Dudek 2010). Insbesondere gelten „Dritte Orte” als Einrichtungen, an welchen Kommunikation und soziale Interaktion vorherrschen (Harris 2003).


Allen Texten gemeinsam ist die Vorstellung, dass das Konzept des „Dritten Ortes” eine sinnvolle Aufgabe für Bibliotheken beschriebe. Wenn Bibliotheken zu gesellschaftlichen Orten würden oder zumindest zu Orten, die sich durch eine kommunikative Atmosphäre auszeichneten, an denen sich die Nutzerinnen und Nutzer wohl fühlten, dann würden sie (auch) zukünftig relevant bleiben. (Z.B. Barth 2015) Mit vermittelt werden zwei, eher unausgesprochene Überzeugungen: Erstens, dass das Konzept des „Dritten Ortes” sinnvoll und gesellschaftlich richtig sei und zweitens, dass Nutzerinnen und Nutzer heutzutage solche Orte forderten oder zumindest, wenn sie vorhanden seien, nutzen würden.


In einer ganzen Reihe von Texten wird versucht, mit Hilfe einer Aufzählung von Kriterien zu beschreiben, was eine Bibliothek als „Dritten Ort” auszeichnet. Cathryn Harris zitiert zum Beispiel die Aussagen einer 2007 in Australien durchgeführten Konferenz zu „ten practical ways for a library to be recognised as a third place” (Harris 2007:145):

  • „create a brand

  • respond to community identity

  • allow for planned and chance encounters

  • lead with programming

  • don't dumb down the vision due to lack of funds

  • aggregate and cluster

  • make a street cluster a destination and cultural precinct

  • encourage discovery

  • always open and always on

  • fantastic design and fabulous people

  • if nothing else is achieved, make sure you have the best coffee in town” (Harris 2007:145)


Andere zitieren direkt aus dem Werk von Ray Oldenburg (Oldenburg 1989; 2001), um „Dritte Orte” zu beschreiben. Gene Coppola führt daraus als Kriterien folgendes an:

  • „free or inexpensive;

  • food and drinks, while not essential, are important;

  • highly accessible;

  • proximity for many;

  • involve regulars – those who habitually congregate there;

  • welcoming and comfortable;

  • both new friends and old should be found there.” (Coppola 2010:14)


Susan E. Montgomery und Jonathan Miller reduzieren dies auf drei Punkte:

  • „be easy to get to;

  • provide food & drinks, and

  • have a design that invites students in and allows them to linger.” (Montgomery & Miller 2011:234)


Robert Barth führt – in mehreren Artikeln fast wortgleich (Barth 2014a; 2015b) – folgende Liste an:

  • „Ein neutraler Ort, wo man kommen und gehen kann. Niemand spielt Gastgeber, alle fühlen sich zu Hause und wohl.

  • Der Ort ist leicht zugänglich und einladend. Man geht auch gerne allein hin.

  • Er wirkt von aussen einladend und hat ein niedriges (Zugangs-) Profil.

  • Er ermöglicht ein informelles Zusammenkommen.

  • Die Besucher finden sich regelmässig ein.

  • Die Institution wirkt ausgleichend auf Unterschiede zwischen Menschen. Keine Mitgliedschaft, nicht exklusiv.

  • Die hauptsächliche Aktivität ist das Gespräch, die Unterhaltung; die Atmosphäre ist spielerisch.

  • Die Institution vermittelt das Gefühl von ‚home-away-from-home‛, eines zweiten Zuhauses.

  • Sie trägt zur lebendigen Gemeinschaft bei und fördert das Gefühl der Zugehörigkeit.

  • Die Menschen können ‚sich selbst sein‛.” (Barth 2014a:30)


Diese Aufzählung macht klar, was auch in der Durchsicht der Literatur deutlich wurde: Das Konzept „Dritter Ort” wird unterschiedlich ausgelegt, obgleich es auch starke Gemeinsamkeiten gibt. Eine ganze Anzahl von Fragen – beispielsweise, ob die Gesellschaft nur in drei „Orte” einzuteilen ist oder in mehr – wird nicht angesprochen. Gleichzeitig scheint das verbindende Element die Vorstellung zu sein, dass ein „Dritter Ort” durch geringe Zugangsschranken und durch Kommunikation zwischen den Anwesenden geprägt sein muss. Gleichzeitig wird dem Raum Bibliothek, in kleinerem Rahmen auch der Arbeit der Bibliothekarinnen und Bibliothekare, grosse Bedeutung eingeräumt. Zudem wird immer wieder der gleiche Autor, Ray Oldenburg, als Quelle des Begriffs angeführt.3 Im folgenden wird diese Quelle vorgestellt, wobei sichtbar werden wird, dass die bibliothekarische Vorstellung vom „Dritten Ort” nicht mit dieser – zudem in einer anderen gesellschaftlichen Situation geschriebenen – Quelle übereinstimmt.


3.2 Der Third Space bei Ray Oldenburg

Die Lektüre der Arbeiten von Ray Oldenburg wirkt als Verunsicherung der bibliothekarischen Diskussion. Grundsätzlich wird immer wieder auf die beiden Monographien, welche Oldenburg publizierte – letztere als Herausgeber – verwiesen: „The Great Good Place: Cafés, Coffee Shops, Bookstores, Bars, Hair Salons, and other Hangouts at the Heart of a Community” (Oldenburg 1989) sowie „Celebrating the Third Place: Inspiring Stories about the ‚Great Good Place’ at the Heart of Our Communities” (Oldenburg 2001). Das erstgenannte Buch hat in den 1990er Jahren mehrere Auflagen (1989, 1997, 1999) und insoweit eine grosse Verbreitung erfahren.


Oldenburg ist Soziologe, der für die spezifischen Aufgaben und Herausforderungen von Bibliotheken kein spezielles Interesse hat. Was ihn interessiert, ist die US-amerikanische Gesellschaft am Ende der 1980er Jahre (Oldenburg 1989) und in den 1990er Jahren (Oldenburg 2001). Für Oldenburg ist diese Gesellschaft bedroht durch eine zunehmende Individualisierung – nicht unbedingt verstanden als Zunahme von Lebensstilen, sondern als Vereinsamung der Menschen – und Abkapselung in kleinen, persönlichen Welten. Menschen würden aufgrund dieser Lebensweise immer mehr dazu neigen, nur noch auf kleine Gruppen von Menschen bezogen zu sein, ansonsten aber den Rest der Welt als Fremde wahrzunehmen. Dies würde durch die Gestaltung der öffentlichen und quasi-öffentlichen Orte – beispielsweise Shoppingcenter oder auch, relativ oft angesprochen, Kneipen und Restaurants, die vor allem auf Profitmaximierung hin organisiert seien – sowie die (damals) immer weiter zunehmende Zersiedelung in unzusammenhängende Vorstädte gefördert. Menschen würden nicht mehr lernen, untereinander zu kommunizieren und einander zu vertrauen, wodurch die gesellschaftliche Kohärenz verloren ginge. Durch diese fehlende Kohärenz würde die Gesellschaft inhumaner und könnte in letzter Konsequenz zerfallen. Das „informal public life” (Oldenburg 1989:9) wäre nicht mehr intakt:


„The problem of place in America manifests itself in a sorely deficient informal public life. The structure of shared experience beyond that offered by family, job, and passive consumerism is small and dwindling. The essential group experience is being replaced by the exaggerated self-consciousness of individuals. American life-styles, for all the material acquisition and the seeking after comforts and pleasures, are plagued by boredom, loneliness, alienation, and a high price tag. America can point to many areas where she has made progress, but in the area of informal public life she has lost ground and continues to lose it.” (Oldenburg 1989:13)


Die Gesellschaftsanalyse, die Oldenburg vorlegt, ist also eine relativ negative, in weiten Teilen auch explizit konservative, während er zugleich auch einige explizit fortschrittliche Positionen bezieht. Allerdings liefert sie auch ein Gegenbild, den „Great Good Place”, den Oldenburg in der US-amerikanischen Vergangenheit und im zeitgenössischen Europa (wobei er in Europa eine eher enge Auswahl vornimmt: Wien, Frankreich, England) verortet.


Solche Plätze würden die gesellschaftliche Kommunikation von Menschen unterschiedlicher Schichten ermöglichen, sie würden dazu beitragen, dass Menschen lernen, miteinander zu kommunizieren, einander zu vertrauen, in gesellschaftlichen Situation gemeinsam sinnvolle Lösungen zu finden und sich als Teil einer Gesellschaft zu begreifen. Es geht ihm also weniger darum, ob und wie „Third Places” von Zeit zu Zeit belebt sind, sondern darum, dass sie eine Rolle dabei spielen, Menschen zu ermöglichen, gesellschaftliches Verhalten und Kommunikation zu erlernen und ständig zu reproduzieren. Das Ziel, welches Oldenburg anstrebt, besteht darin, diese „Great Good Places” als Lösung eines Problems, das er in der US-amerikanischen Gesellschaft der 1980er und 1990er Jahre sieht, vorzuschlagen. Dazu prägt er den Begriff „Third Place”, welcher ein Synonym für „Great Good Places” sei. Auch er beschreibt diese „Third Places” als Orte, die nicht erste und zweite Orte sind, gleichzeitig verweist er darauf, dass sich damit nicht die gesamte Gesellschaft beschreiben liesse und dass auch nicht alle „Third Places” für alle Menschen gleich gut funktionieren würden.


Als Beispiele erfolgreicher „Third Places” führt Oldenburg in seinem ersten Buch einige historische Beispiele an: Soda Fountains – Bars für nicht-alkoholische Getränke, die eine sehr offene Zugangspolitik hatten und billig waren –, die „Main Street” US-amerikanischer Städte älterer Zeit, auf welcher Kinder und Jugendliche sich relativ frei bewegt hätten und dabei auch gelernt hätten, selbständige und gesellschaftliche Wesen zu sein (Oldenburg 1989:105ff.), die Tavernen zur Zeit der Unabhängigkeitskriege, in denen die frühen Amerikaner zu einer Gesellschaft mit spezifischer Identität geprägt wurden (Oldenburg 1989:165ff.), und die deutsch-amerikanischen Beer Gardens, in denen es im 19. Jahrhundert üblich war, dass im geringen Preis das Essen sowie Musik und Unterhaltung für die gesamte Familie inbegriffen waren und darauf geachtet wurde, dass die Anwesenden zusammen Spass hatten (Oldenburg 1989:89ff.).4 Zugleich führt er eine Reihe von europäischen Beispielen an, wobei gerade Europa für ihn als Gegenbild der US-amerikanischen Gesellschaft gilt.5 Die Wiener Kaffeehäuser – wobei er nicht die heutigen, auf Touristinnen und Touristen zugeschnittenen Einrichtungen, die sich teilweise in Wien finden lassen, sondern „gut funktionierende” Kaffeehäuser mit grossem Stammpublikum und einem Spiel des Personals mit diesem Publikum meint – gelten ihm als Vorbild; ebenso namenlose, kleine französische Cafés und Bistros, die vor allem als Zentrum für eine Gemeinschaft dienen würden, deren Stammgäste regelmässig vorbeikommen, das Café auch als Postlagerstelle und Treffpunkt nutzen würden und den einzelnen Cafés gegenüber eine hohe Loyalität aufwiesen. (Oldenburg 1989:145ff.) Es finden sich zudem lange Ausführungen zum englischen Pub und zu Strassencafés. (Oldenburg 1989:123ff.) Wichtig ist dabei, dass der „Third Place” auch einen Ort des Sehens und Gesehenwerdens darstellt.


Insbesondere in seinem ersten Buch betont Oldenburg mehrfach die Bedeutung von Getränken und Essen für die Funktion des „Third Place”. Vor allem „anregende” Getränke – solche mit Alkohol oder Koffein – müssten vorhanden sein. Gleichzeitig seien Essen und Getränke Mittel zum Zweck, sie würden die Konversationen anregen, nicht bestimmen. Beispielsweise gehe es nicht darum, dass die Gäste möglichst viel konsumierten, sondern darum, dass Gespräche auch über Tische hinweg angeregt würden.


Weiterhin betont Oldenburg, dass „Third Places” Teil urbaner Landschaften wären, was im Umkehrschluss auch bedeutet, dass sie im suburbanen oder ländlichen Raum kaum zu finden wären. Oldenburg betont mehrfach, dass sich „Third Places” dadurch auszeichneten, dass sie jeweils für eine spezifische Gruppe von Menschen – die zum Teil geschlechtlich, aber nicht nach Schichten getrennt sei – funktionieren würden, nie für alle. Teilweise sei das Ansehen der „Third Places” in der Gesellschaft schlecht.6 Diese Abgrenzung nach aussen würde erst die Funktion des „Third Place” als offenem Kommunikationsort ermöglichen.


Obwohl diese Darstellung am Ende relativ offen ist, überzeugte sie offenbar eine ganze Anzahl von Personen, von denen einige sogar Einrichtungen gründeten, die auf den Ideen Oldenburgs aufbauten. Einige dieser Beispiele werden im zweiten Buch Oldenburgs (Oldenburg 2001) beschrieben. Dabei stellten die Inhaberinnen und Inhaber zumeist ihre Einrichtung und ihr Verständnis von „Third Place” selber dar, während Oldenburg sowohl das Buch als auch die einzelnen Texte einführte. Oldenburg nutzt seine Einführungen auch dazu, das Bild vom „Third Place” etwas zu differenzieren. So findet sich die Beschreibung eines Blumenladens, der sich zwar im suburbanen Raum befindet, aber als „Third Place” anerkannt wird (Oldenburg 2001:9ff.). Gleichzeitig wehrt sich Oldenburg explizit dagegen, Starbucks als „Third Place” anzuerkennen – da Starbucks laut Oldenburg zahlreiche Kriterien eines „Third Place” fehlen würden: Das Mobiliar und die Infrastruktur seien darauf ausgerichtet, eine möglichst kurze Aufenthaltszeit herzustellen;7 Menschen würden nicht dazu motiviert, mit fremden Menschen zu reden, sondern in Gruppen eintreten und bis zum (gemeinsamen) Verlassen nur innerhalb dieser Gruppen kommunizieren. Diese Abweisung zeigt, dass das Konzept „Third Place” sehr unterschiedlich interpretiert werden kann.


Im Gegensatz zu dem Bild, welches die bibliothekarische Literatur mit ihren Listen zeichnet, finden sich bei Oldenburg keine Aufzählungen von Kritierien des „Third Place”, sondern immer wieder einzelne Definitionsansätze, die sich über das gesamte erste Buch (Oldenburg 1989) erstrecken und dann im zweiten Buch (Oldenburg 2001) wieder aufgenommen werden. Folgende, sicher nicht ganz vollständige Liste von Kriterien, die Oldenburg angibt, wurde auch im Seminar präsentiert und diskutiert:

  • Orte zufälliger Treffen

  • Orte, die gerade explizit nicht „Erster Ort” (privater Raum) oder „Zweiter Ort” (Arbeit/Bildung) sind (aber die Gesellschaft ist mehr als diese drei Orte)

  • Orte, die neutral sind in dem Sinne, dass niemand Gastgeberin/ Gastgeber sein muss

  • „Third Places” sind oft „plain”, einfach; nicht unbedingt schön

  • „Third Places” sind „leveler” (gleichmachend)

    • „The temper and tenor of the third place is upbeat; it is cheerful” und lässt das „Draussen” vergessen (Oldenburg 1989:25)

    • der Zugang ist offen

    • Vermischung der Anwesenden ist möglich und normal

    • Was zählt, ist die eigene Persönlichkeit der Anwesenden (Status wird „an der Tür abgegeben”)

  • Konversation ist die Hauptaktivität

    • Socializing statt drinking, oft mit „anregenden” Getränken (Alkohol, Koffein) und Essen, aber nicht als Hauptaktivität

    • Konversation als Kulturtechnik wird gepflegt

  • „Third Places” sind geöffnet, wenn die Aufgaben im Zweiten Ort erfüllt sind

  • „Third Places” werden unregelmässig aufgesucht (im Gegensatz z.B. zu Tennisclubs)

  • „Third Places” sind für die Besucherinnen und Besucher räumlich nahe („nearby”)

  • „Third Places” haben „die richtigen” Besucherinnen und Besucher (jeweils individuell, was „richtig” ist, aber immer eine „crowd”, die zusammenpasst)

    • „Third Places” akzeptieren Newcomer

    • Integration funktioniert über das Aufbauen von Vertrauen (öfter anwesend sein)

  • „Third Places” sind „playful”

  • „Third Places” sind ein „home away from home”

    • Man kennt sich, oberflächlich, aber ausreichend; wenig fordernde Freundschaften

    • Privilegien für „regulars”

  • „Third Places” geben „emotional support”

  • Werden „umgenutzt”, nicht geplant: „Third places, that is, are not constructed as such.” (Oldenburg 1989:36)

  • „Third Places” sind „gemütlich” (bei Oldenburg Deutsch)

  • „Third Places” sind durch „regulars” (Stammgäste) geprägt

  • „Third Places” haben oft bei einem Teil der Gesellschaft einen schlechten Ruf (Zeitverschwendung, unmoralisch etc.)

  • In „Third Places” sind Menschen keine (reinen) Kundinnen und Kunden, sondern spielen unterschiedliche Rollen


Zahlreiche dieser Punkte bedürfen einer weitergehenden Interpretation. Beispielsweise ist bei Oldenburg „playful” vor allem auf die Konservation der Anwesenden untereinander bezogen, nicht auf das „Spielen” mit Dingen. Sichtbar ist aber, dass Oldenburg andere Orte beschreibt als Bibliotheken. Beispielsweise ist es ihm wichtig, dass sich in den „Third Places” eine Gruppe von Stammgästen bildet – die dann zum Beispiel auch ähnliche gesellschaftliche Einstellungen teilen –, die zwar offen für andere Menschen ist, aber doch den jeweiligen Raum prägt. „Regular” wird man, indem man bei den anderen „regulars” Vertrauen aufbaut, was heisst, mehrmals vorbei kommt und sich an die „Regeln” des jeweiligen „Third Place” hält.


In diesen „Third Places” lernten Menschen, sich sozial zu verhalten, was insgesamt die soziale Kohärenz erhöhen würde.8 Die Lektüre der beiden Bücher liess einige Fragen offen:

  • Oldenburg beschreibt „Third Places” als Lösung für Probleme der US-amerikanischen Gesellschaft, nicht als Konzepte für die Zukunft von Bibliotheken. Genauer führt er in einer kurzen Stelle sogar explizit an, dass Bibliotheken zu komplex wären, um als „Third Places” zu wirken.9 Ganz besonders postuliert Oldenburg nicht, dass Menschen von sich aus direkt oder indirekt „Third Places” verlangen würden. Dies eröffnet mehrere Fragen: Wieso gilt es heute für viele Bibliotheken als ausgemacht, dass Third Places eine Antwort auf gesellschaftliche Herausforderungen seien? Wieso wird angenommen, dass Nutzerinnen und Nutzer danach verlangten, dass Bibliotheken zu solchen Orten würden? Weshalb wird angenommen, dass solche „Dritten Orte” einem Bedürfnis der Nutzenden entsprächen? Werden entsprechend deklarierte und eingerichtete Räume als „Dritte Orte” genutzt?


  • Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die Probleme, die Oldenburg mit „Third Places” lösen will, überhaupt für den europäischen Raum gelten. Immerhin führt er europäische Beispiele als Lösungen an, so als ob in Europa genügend „Dritte Orte” existieren würden. Warum wollen Bibliotheken in Europa dann zu solchen werden? Sollte das nicht eher ein Schlagwort für US-amerikanische Bibliotheken sein? Weiterhin muss bemerkt werden, dass das Weltbild von Oldenburg eine eindeutige politische Ausrichtung hat: Es ist das eines fortschrittlichen Konservatismus, der bestimmte gesellschaftliche Änderungen akzeptiert, aber gleichzeitig bestimmten Eigenschaften der modernen Gesellschaft negativ gegenübersteht. 10 Er geht unter anderem von einer Gesellschaft aus, in der Konflikte alleine mit Kommunikation zu lösen seien. Dieser Impetus scheint von Bibliotheken weder wahrgenommen noch in seinen Konsequenzen reflektiert zu werden.


  • Oldenburg betont, dass „Third Places” normalerweise „plain” wären, also nicht architektonisch überzeugend oder erschlagend, sondern einfach und ein bisschen abgenutzt, und dass sie erst von den „regulars” zu „Third Places” gemacht würden, indem diese den Raum umnutzten. Dies kann unterstützt werden, insbesondere wenn die Nutzerinnen und Nutzer oder das Personal sich als „regulars” begreifen, wenn der Ort dazu einlädt, ihn umzunutzen und laut zu sein (also zu kommunizieren), und wenn er eine hohe Aufenthaltsqualität hat. Bibliotheken tendieren hingegen dazu, „Dritte Orte” einrichten zu wollen. Sind sie überhaupt gewillt, den Nuzenden die Freiheit bei der konkreten Ausgestaltung zu überlassen, die Oldenburg als notwendig ansieht?


  • Das Konzept „Third Places” ist bei Oldenburg immer auf kleinere Einrichtungen bezogen. Diese können einige hundert Menschen fassen und unübersichtlich sein, wie beispielsweise Bars in New Orleans, die er in seinem zweiten Buch (Oldenburg 2001:107ff.) beschreibt. Aber alle diese Orte sind klein genug, um eine zusammenhängende Community von „regulars” zu bilden. In bibliothekarischen Texten werden allerdings oft viel grössere Einrichtungen beschrieben, oft sogar Zentralbibliotheken grosser Städte wie Amsterdam. Dies scheint widersinnig. Sollten nicht eher die kleineren Filialen, die in Quartieren verankert sind, als „Third Places” wirken können?


  • Zudem irritieren einige bei Oldenburg betonte Punkte: Beispielsweise die Betonung von anregenden Getränken und Essen für den Kommunikationsprozess oder das „Third Places” in Teilen der Gesellschaft schlecht angesehen sind. Dies scheint nicht dem Fremd- und Selbstbild von Bibliotheken zu entsprechen.


  • Letztlich muss auch betont werden, dass die Bücher von Oldenburg offenbar viele Menschen überzeugt haben und der Begriff „Third Place” eine grosse Verbreitung gefunden hat. Aber dies heisst nicht, dass diese Bücher ohne Schwächen wären. So verzichtet Oldenburg vollständig auf Empirie, entwirft kein klares Modell und illustriert gerade seine Darstellungen europäischer Beispiele vor allem mit zahlreichen persönlichen Anekdoten. Es stellt sich die Frage, inwieweit einem solchen Diskussionsbeitrag als Grundlage für bibliothekarische Strategien zu vertrauen ist.


  • Ein weiterer Punkt, der sich nicht ganz in das Bild einpassen lässt, ist, dass das Originalbuch 1989 publiziert wurde und sich somit auf die 1980er Jahre bezieht, während der Begriff erst rund zehn Jahre in der englischsprachigen bibliothekarischen Literatur Verbreitung fand, in der französisch- und deutschsprachigen sogar erst rund 20 Jahre später. Sicherlich sind gute soziologische Modelle auch nach einigen Jahrzehnten noch relevant, müssen aber doch kontextualisiert werden. Dies hat im Bibliothekswesen aber nicht stattgefunden: Obgleich Oldenburg offensichtlich eine andere Gesellschaft beschreibt, als wir sie heute haben – beispielsweise konnte er die Veränderungen, die sich durch die Verbreitung des Internets nach 1995 ergeben haben überhaupt nicht abschätzen, gleichzeitig haben sich europäische und angloamerikanische Gesellschaften geändert, so ist zum Beispiel die Arbeit sowie die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit tendenziell flexibler geworden –, wird das Buch immer noch unkommentiert als Quelle angeführt. Ist das richtig?


Offensichtlich ist, dass sich Bibliotheken nicht unbedingt auf das Modell von Oldenburg beziehen, sondern nur eine Auswahl seiner Kriterien oder Reinterpretationen des Begriffs benutzen. Nicht nachzuvollziehen ist auf den ersten Blick, warum das so ist. Wieso ist dieser Begriff so gut verankert? Wieso überzeugt er Bibliotheken und warum werden Teile, die dagegen sprechen, dass Bibliotheken ihn übernehmen, offenbar ignoriert?11 Wie wirkt sich dies in den Bibliotheken eigentlich aus?


3.3 Weitere Irritationen

Im Rahmen des Seminars wurden einige weitere Irritationen präsentiert, die es notwendig erscheinen liessen, die titelgebende Frage zu stellen. Unabhängig voneinander wiesen Ergebnisse einiger Abschlussarbeiten an der HTW Chur darauf hin, dass der selbst deklarierte Anspruch von Bibliotheken, „Dritter Raum” zu werden, nicht überall tatsächlich auch umgesetzt wurde. Oft wurden Bibliotheken umgestaltet, ohne dass diese Umgestaltungen wirklich zu „Dritten Orten” geführt hatten.


Sayako Bissig (2014) untersuchte beispielsweise die Nutzung von Bibliothekscafés in den Stadtbibliotheken Aarau und Baden, die in den letzten Jahren eingerichtet worden waren, um zur Belebung der Institutionen beizutragen. Die auf Beobachtungen und Interviews gestützte Arbeit zeigte, dass die Einrichtung der Cafés dazu beigetragen hat, das Image der Bibliotheken zu verbessern, doch gleichzeitig gab es kaum eine Überschneidung zwischen der Nutzung der Bibliotheken und der Bibliothekscafés. Insbesondere wurden die Cafés kaum zur Kommunikation zwischen Personen, die sich nicht zuvor kannten, genutzt. Dies ist beachtlich, da viele Bibliotheken Cafés und ähnliche Bereiche gerade deshalb einrichten – und dies auch mit der Betonung von Getränken als Teil von „Third Places” bei Oldenburg einhergeht –, um „Dritte Orte” zu sein. Andrea Breu (2014), welche die Interaktionen von Familien am alten Standort der Freihandbibliothek St. Gallen untersuchte, stellte unter anderem fest, dass Personen fast vollständig in den Familienzusammenhängen kommunizierten, in denen sie auch die Bibliothek betreten hatten. Kommunikation über diese Gruppen hinaus kam selten zustande und wenn, dann eher mit dem Bibliothekspersonal. Auch dies deutet darauf hin, dass die kommunikative Funktion, die Bibliotheken als „Dritte Orte” haben wollen, nicht in dem erhofften Masse existiert. Gleichzeitig gibt es in anderen Arbeiten Hinweise darauf, dass bestimmte Funktionen des „Dritten Raumes” durchaus gegeben sind. In Interviews, die Susanne Kohler (2014) mit älteren Nutzerinnen und Nutzern der Kantonsbibliothek Baselland in Liestal über deren Sicht auf die Bibliothek führte, wurde ersichtlich, dass diese die Bibliothek intensiv als Teil ihres persönlichen Netzes von Einrichtungen und Orten nutzten.


Offensichtlich ist die Situation komplex: Bibliotheken scheinen sowohl gewisse Funktionen „Dritter Orte” zu erfüllen als auch andere Funktionen nicht zu erfüllen. Zudem ist nicht immer ersichtlich, wieso dies der Fall ist. Teilweise existiert die Infrastruktur, die in den bibliothekarischen Texten besprochen wird – insbesondere Bibliothekscafés –, ohne dass ihre Nutzung den Erwartungen entspricht.


Gleichzeitig irritierten einige Diskussionen sowohl im Unterricht als auch ausserhalb. Einer der Autoren konnte sich die von Oldenburg beschriebenen „Dritten Orte” gut in Stammcafés vorstellen, die er selber frequentiert und die eine bestimmte Klientel anziehen. Allerdings befinden sich diese allesamt in Berlin. Im Unterricht in den vergangenen Jahren wurde von Studierenden geäussert, dass sie persönlich sich solche Orte nicht wirklich vorstellen können, sondern Cafés nur kurzzeitig nutzen, immer im Gedanken, dass sie diese nach dem Konsum verlassen müssten. Dies führte zu Diskussionen: Sind „Dritte Orte” auf eine bestimmte Urbanität angewiesen, die in Berlin vorhanden ist, aber in der Schweiz, in der die grösste Stadt Zürich rund 400.000 Einwohnerinnen und Einwohner fasst, nicht? Sind „Dritte Orte” auf bestimmte gesellschaftliche oder kulturelle Gegebenheiten angewiesen, die sich in Berlin – oder Wien, Frankreich etc. – finden, aber nicht in der Schweiz? Sind eventuell die Konsumorientierung oder die Preise in der Schweiz zu hoch? Ist die Schweiz eher so individualisiert, wie Oldenburg die US-amerikanische Gesellschaft beschrieb? Im Seminar wurde auch dies diskutiert. Eine Anzahl von Studierenden dieses Jahrgangs konnte sich allerdings ebenfalls mit dem Bild von Stammcafés identifizieren. Funktionieren „Dritte Orte” also nur für bestimmte Personen oder Personengruppen? Wenn ja, welche Personengruppen wären das und warum funktionieren sie für diese? Haben andere Personengruppen andere „Dritte Orte”?12


Obwohl nur unsystematisch erworben, stiessen diese Irritationen doch Diskussionen unter den Dozierenden und im Seminar selber an. Deren Präsentation machte sichtbar, dass die Frage, ob Bibliotheken Dritte Orte sind und wenn ja, was genau dies heisst, relativ komplex ist und zudem jede Antwort darauf, insbesondere wenn sie – wie im Seminar vorgesehen – anhand von Forschungen im konkreten Raum Bibliothek getätigt werden soll, einer Anzahl von Entscheidungen bedarf. Im Folgenden werden die Arbeiten der Studierenden vorgestellt, die mit diesen Irritationen als Hintergrund in schweizerischen Bibliotheken nach „Dritten Orten” suchten.


4 Ergebnisse aus schweizerischen Bibliotheken

Wie schon dargestellt, fanden die Forschungsprojekte, welche in diesem Abschnitt besprochen werden, innerhalb eines zeitlich eng begrenzten Seminars statt. Sie waren vorrangig als didaktisches Instrument gedacht, nicht als rigoros alle Kriterien einer wissenschaftlichen Arbeit erfüllende Forschung. Dies ist zu beachten. Geschildert werden zuerst (4.1) die Ansätze, um aus den Diskussionen um den „Dritten Ort” testbare Kriterien und Thesen zu bilden. Daran schliesst sich die Schilderung der Untersuchungsergebnisse in sechs sehr unterschiedlichen Bibliotheken an (4.2). Zuletzt wird der Abschlussvortrag des Seminars, welcher über die konkrete Fragestellung hinauswies, zusammengefasst (4.3).


4.1 Definitionsansätze für Bibliotheken als „Dritter Ort“

Die erste Aufgabe, welche von den Studierenden in Arbeitsgruppen zu leisten war, war die Festlegung von überprüfbaren Thesen und Hypothesen in Bezug auf die Bibliothek als „Dritter Ort” sowie der Methoden, mit welchen Daten erhoben werden sollten, um diese Tests durchzuführen. Ausgehend von den Diskussionen im Vorfeld, dem Besuch der Bibliothek der Zürcher Hochschule der Künste und den bereitgestellten Texten musste entschieden werden, was eine Bibliothek, die als „Dritter Ort” wirken soll, auszeichnen müsste. Dabei war im Rahmen des Seminars entscheidend, dass diese Hypothesen in den jeweils untersuchten Bibliotheken auch testbar waren. In weiteren Arbeiten könnten auch Diskursanalysen oder theoretische Arbeiten durchgeführt werden, um die Ansprüche Oldenburgs oder der Bibliotheken zu untersuchen.


Auffällig war, dass sich die Studierenden bei ihren Arbeitsdefinitionen auf bestimmte Kriterien konzentrierten und andere – beispielsweise die gesellschaftliche Funktion von „Dritten Orten”, die bei Oldenburg den Ausgangspunkt der Überlegungen darstellt – nicht weiter erwähnten. Alle Arbeitsgruppen definierten, dass in einer Bibliothek, die als „Dritter Ort” wirken soll, Kommunikation und Interaktion die Hauptrollen spielen müssen. Die Arbeitsgruppe zur Kinder- und Jugendbibliothek Solothurn ging davon aus, dass diese Bibliothek gerade deshalb keinen „Dritten Ort” darstellt, weil es keine Kommunikation unter sich unbekannten Personen gibt. (Christen, Fritschi, Schumacher & Wegmüller 2015) Für die Pestalozzi-Bibliothek Altstadt wurde explizit definiert, wie diese Kommunikation auszusehen hätte (mindestens 50% ausgewählter Sitzplätze müssen besetzt und zur Interaktion mit anderen genutzt werden, flexible Möblierung und Kaffeeautomat würde die Interaktion begünstigen; Guttmann, Kamer, Reitze & Zehnder 2015). Für die Stadtbibliothek Aarau definierte die Arbeitsgruppe fünf Kriterien für eine Bibliothek, die „Dritter Ort” sei (bietet Raum und Möglichkeit für sozialen Austausch, Ort ist zugänglich – Öffnungszeiten Abends und am Wochenende, Zugang auch ohne Mitgliedschaft – sowie barrierefrei, Nutzerinnen und Nutzer fühlen sich wohl, der Raum ist frei zu nutzen – ohne Verbotsschilder, mit flexibler Möblierung, mit flexibler Nutzung – sowie einladend; Lorenzo, Luthiger & Wiegart 2015). Für die Bibliothek Hauptpost St. Gallen wurden positive und negative Kriterien definiert (positiv: Mehrzahl der Personen fühlt sich wohl, es wird kein Unwohlsein beobachtet; negativ: es finden wenige Gespräche untereinander statt; Stöbern, Lernen, Medienausleihen und andere „typische Bibliotheksarbeiten” finden als Hauptaktivität statt; Stucki 2015; Jehli, Steiger, Steiner 2015). Für die Bibliothek der Pädagogischen Hochschule Zürich wurden zwei Hypothesen formuliert, wobei sich eine auf das Essen und Trinken bezog (es gibt Zonen, die öfter für Gespräche genutzt werden, diese gelten als „Dritte Orte” in der Bibliothek, es gibt Orte, an denen man sich verpflegt; Boelsterli 2015; Ichsanow, Merki & Mühlebach 2015); ähnlich für das Rolex Learning Center der EPFL Lausanne, bei dem die Hypothese vertreten wurde, dass vorrangig Tätigkeiten ausgeübt werden, die dem „Dritten Ort” und nicht dem „Zweiten Ort” zugeschrieben werden können (Conti 2015).


Die unterschiedlichen Hypothesenbildungen machen deutlich, dass die eher offenen und sich teilweise widersprechenden Definitionen, welche durch Oldenburg, aber auch die bibliothekarische Literatur vorgeschlagen werden, in jedem Fall eine Interpretation des Schlagwortes „Dritter Ort” notwendig machen. Ebenso wie bei den unterschiedlichen Listen, die in der bibliothekarischen Literatur präsentiert werden, fielen auch bei den Definitionsansätzen der Studierenden bestimmte Dinge fort. Beispielsweise findet sich das in einigen Texten betonte „spielerische” von „Dritten Orten” nicht mehr in diesen Definitionen.


Eine Anzahl der Arbeitsgruppen unternahm es, die Eigendefinitionen der Bibliotheken zu erfassen, teilweise durch die Analyse von Strategiepapieren und öffentlichen Äusserungen, (Stucki 2015; Jehli, Steiger & Steiner 2015) teilweise durch Interviews. (Boelsterli 2015; Ichsanow, Merki & Mühlebach 2015) Dieses Vorgehen zeigte, dass auch Bibliotheken untereinander sehr unterschiedliche Definitionen des „Dritten Ortes” verfolgen. Beispielsweise betonte die Leitung einer Bibliothek auf die Frage, ob sie ihre Einrichtung als „Dritten Ort” bezeichnen würde, vor allem deren Funktion als Lernort – etwas, was im Seminar gemeinhin als „Zweiter Ort” verstanden wurde. Gleichzeitig gab es immer wieder, bei aller Verschiedenheit der Bibliotheken, positive Bezüge auf das Schlagwort „Dritter Ort”, auch in Äusserungen der politischen Öffentlichkeit. Hingegen fanden sich in den Bibliotheksordnungen einiger Bibliotheken, die sich explizit als „Dritte Orte” verstanden, gegenteilige Anweisungen. So steht in der Bibliotheksordnung der Pädagogischen Hochschule Zürich: „störende Gespräche untereinander oder mit dem Telefon sind zu unterlassen”. (Boelsterli 2015; Ichsanow, Merki & Mühlebach 2015) Insoweit scheint der Wunsch von Bibliotheken, „Dritter Ort” zu sein, teilweise überzeichnet von anderen Interessen.


4.2 Untersuchungen der Realität in Bibliotheken

Alle Arbeitsgruppen setzten auf – mehr oder minder strukturierte – Formen der verdeckten Beobachtung, um die Realität in den jeweils untersuchten Bibliotheken zu erfassen. Oft kamen dabei angepasste Formen des „Sweeping the Floor” zum Einsatz. (Aabø & Audunson 2012; Lawrence & Weber 2012) In den meisten Fällen teilten sich die Studierenden die Beobachtungszeit auf; in allen Fällen betrug sie mehrere Tage, bei grösseren Arbeitsgruppen insgesamt ein bis zwei “zusammengesetzte” Wochen. Ergänzt wurden diese Beobachtungen oft durch Interviews, sowohl mit anwesenden Nutzerinnen und Nutzern als auch mit dem Bibliothekspersonal.


Grundsätzlich ist das Ergebnis – trotz der unterschiedlichen Definitionsansätze, welche die Arbeitsgruppen auch immer mit Blick auf die jeweils untersuchte Bibliothek entwarfen – , bezogen auf die weitläufigen Vorstellungen von Bibliotheken als „Dritte Orte”, ernüchternd: Die untersuchten Bibliotheken werden nur zu einem geringen Teil tatsächlich als „Dritte Orte” genutzt. Selbstverständlich ist diese Aussage immer von den Definitionsansätzen der Studierenden abhängig, die, wie gesagt, vor allem davon ausgingen, dass dafür in solchen Bibliotheken eine intensive Kommunikation stattfinden müsste. Gleichzeitig ist dieses Ergebnis bedeutsam, da eine ganze Anzahl der untersuchten Bibliotheken sich explizit als „Dritte Orte” versteht und auch grosse Anstrengungen unternommen hat, dies infrastrukturell zu ermöglichen, zum Beispiel durch flexible Möbel, Abbau von Regeln und die Einrichtung von Bibliothekscafés. Dennoch sind die Ergebnisse für die Bibliotheken positiv: Sie werden intensiv genutzt, und insbesondere die Interviews mit Nutzerinnen und Nutzern zeigen, dass diese die Bibliotheken in ihrer jetzigen Form hauptsächlich positiv bewerten.


Fast alle Arbeitsgruppen konnten am Ende des Seminars Daten präsentieren, die zeigten, dass die Bibliotheken zumindest zum Teil Funktionen des „Dritten Ortes” ermöglichen wollen, dass aber die Nutzerinnen und Nutzer Bibliotheken dennoch nicht als „Dritte Orte” nutzen, sondern andere Nutzungsweisen bevorzugen.


Die Untersuchung der Stadtbibliothek Aarau (Lorenzo, Luthiger & Wiegart 2015) – die sowohl ein Bibliothekscafé als auch eine literarische Veranstaltungsreihe anbietet und, im schweizerischen Vergleich, lange Öffnungszeiten realisiert – zeigte, dass die Nutzerinnen und Nutzer sich eher kurz in der Bibliothek aufhalten, dann zwar oft kommunizieren, aber kaum über die eigene Gruppe hinaus. Zudem nutzen sie den Raum nicht flexibel, sondern belassen ihn oft so, wie er ist. Im Aussenbereich und in den literarischen Veranstaltungen scheint die Bibliothek als „Dritter Ort” zu fungieren, sonst nicht. Allerdings zeigen zehn Interviews, die die Arbeitsgruppe mit Nutzerinnen und Nutzern führte, auch, dass sich das Bild von der Bibliothek in den letzten Jahren massiv geändert hat. Die Bibliothek wird, obwohl sie „objektiv” nicht als „Dritter Ort” gelten kann, doch als offen und einladend wahrgenommen. Gleichzeitig ergeben Nachfragen in den Interviews aber auch, dass andere Kriterien für „Dritte Orte” nicht zutreffen. Die Bibliothek ist einladend, aber sie wird praktisch nicht als Treffpunkt genutzt, auch nicht als Freizeitort, dafür aber von einer Anzahl der Personen als Arbeitsort.


Die Ergebnisse der anderen Arbeitsgruppe gleichen denen aus Aarau. Die Arbeitsgruppe in der Pestalozzi-Bibliothek Altstadt (Zürich) (Guttmann, Kamer, Reitze & Zehnder 2015) erhob nicht nur per Beobachtungen die Tätigkeiten der Nutzerinnen und Nutzer, die zwar die Bibliothek nutzten, aber so gut wie nicht miteinander interagierten. Sie testete zudem die These, dass durch eine flexible Möblierung die Interaktion gefördert werden könnte, indem sie die vorhandenen Tische und Stühle zu grösseren Gruppen umformierte – was die Interaktion nicht erhöhte – und erhob mit einer Umfrage unter Nutzerinnen und Nutzern (N=42) und dem Bibliothekspersonal (N=17), ob eine andere Platzierung des Kaffeeautomaten in einer „lauteren” Ecke zu mehr Kommunikation führen würde. Dies war nach Enschätzung der Befragten nicht der Fall (70% nein, 19% vielleicht, nur 11% ja). Die Bibliothek wird genutzt, dennoch schloss die Arbeitsgruppe, dass die Ergebnisse so gedeutet werden könnten, dass „sich die Mehrheit der Benutzer gar keine Interaktion wünscht, sondern die Bibliothek vor allem als Platz der Ruhe und des Lesens versteht.” ( Guttmann, Kamer, Reitze & Zehnder 2015:23) In der abschliessenden Diskussion des Seminars wurde die Meinung vertreten, dass dies für andere Pestalozzi-Bibliotheken in Zürich13 nicht gelten würde, die innerhalb ihres jeweiligen Quartiers für eine bestimmte Zahl von Personen gerade doch als Ort der Interaktion wirken. Gleichwohl muss vermerkt werden, dass der Standort Altstadt erst vor einigen Jahren mit dem Ziel umgebaut wurde, ein offenerer Ort zu werden.


Ähnliches gilt für die erst 2015 eröffnete Bibliothek Hauptpost St. Gallen, die als Provisorium im alten Postgebäude am Bahnhof St. Gallen die Kantonsbibliothek Vadiana und die Öffentliche Bibliothek der Stadt unter dem neuen Titel der Stadtbibliothek St. Gallen vereint. (Stucki 2015; Jehli, Steiger & Steiner 2015; zum Prozess, der zur Gründung dieser Bibliothek führte und die positive Sicht der Bevölkerung St. Gallens auf Bibliotheken zeigt, siehe Dora 2013) Die Bibliothek ist explizit an einem publikumsreichen Ort platziert worden und enthielt von Beginn an ein bedientes Café. Die Verbindung der unterschiedlichen Aufgaben (Kantonsbibliothek und Öffentliche Stadtbibliothek) machen es schwierig, den genauen Charakter der Bibliothek zu erfassen. So will die Bibliothek „Dritter Ort” sein, aber gleichzeitig auch „Arbeitsort”. (Stucki 2015:9) Gleichwohl ist die Ermöglichung von Kommunikation als wichtige Aufgabe schon im Konzept festgelegt worden.


Die Untersuchung mittels Sweeping the Floor und verdeckter Beobachtung zeigte hingegen, dass die zahlreichen Nutzerinnen und Nutzer die Bibliothek ganz anders wahrnehmen und nutzen. Insbesondere der Arbeitsbereich, der weit vom Café entfernt ist, ist überaus ruhig. Die Tische wurden zum Beispiel vorwiegend einzeln genutzt oder von Personen, die sich kannten. Teilweise wurde dieses „einsame Arbeiten” durch „Umsetzen” explizit von den Nutzerinnen und Nutzern selber hergestellt. Die Bibliothek erschien sehr ruhig, obwohl es keine Aufforderung dazu durch Schilder oder ähnliches gibt. Unterhaltungen fanden selten und wenn, dann sehr leise statt. In einer Umfrage (N=51) zeigte sich, dass eine Anzahl von Personen die Bibliothek regelmässig aufsucht (9 täglich, 13 mehrmals die Woche, 21 einmal pro Woche), was auf das Vorhandensein von „regulars” hinweist. Während „regulars” bei Oldenburg die kommunikative Atmosphäre überhaupt erst herstellen, scheinen sie dies in St. Gallen gerade nicht zu tun. Gleichzeitig äusserten sich die Befragten in der Umfrage sehr positiv zur Bibliothek und ihrer Atmosphäre.


Das Bibliothekscafé trug ebenso wenig zur Kommunikation bei. Zwar wurde es genutzt, aber weniger als Teil der Bibliothek und kaum in Verbindung mit einem Bibliotheksbesuch. Die Vorstellung, dass Menschen zwischen Arbeit in der Bibliothek und Kommunikation im Bibliothekscafé hin- und herwechseln würden, liess sich in der Realität nicht bestätigen.


Die Arbeitsgruppe postulierte aufgrund ihrer Ergebnisse eine den Vorstellungen von Bibliotheken über ihre eigene Zukunft entgegenstehende Einschätzung:


„[Öffentliche Bibliotheken] möchten Orte sein, wo man Gespräche führt und gerne verweilt, wobei der Begriff des Dritten Ortes eine Rolle spielt, um diese neue Gestalt der Bibliothek in der Bibliothekswelt und gegenüber den Einflussgruppen zu verkaufen. Die Forschungsergebnisse zeigen [...], dass die Nutzer von öffentlichen Bibliotheken ein geringes Interesse an diesem Angebot haben und immer noch vor allem wegen den Medien oder den Arbeitsplätzen in die Bibliothek gehen.” (Jehli, Steiger & Steiner 2015:19)


„Letztlich geht es aber nicht nur um das Wohlbefinden oder um das Verhalten der Nutzer, sondern auch um das architektonische und infrastrukturelle Angebot der Bibliotheken. Diese wurde in den vergangenen Jahren offener gestaltet, was unter anderem wohl auch das Zusammenkommen der Nutzer fördern sollte. Doch wollen das die Nutzer überhaupt? Ist dieser ‚Open Space‛ ein Anliegen der Besucher oder bevorzugen sie nach wie vor ruhige Plätze, abgelegen in einer Ecke und ohne Geräusche, verursacht durch stöbernde Mitmenschen?” (Stucki 2015:12)


Die Arbeitsgruppe, welche die Kinder- und Jugendbibliothek Solothurn, die auch baulich Teil der Zentralbibliothek Solothurn ist, untersuchte, stellte nach ihren Beobachtungen die These auf, dass die Bibliothek einen Teil der von ihr in Anlehnung an Oldenburg gewählten Kriterien erfüllt (on neutral ground, third place as leveler, a low profil und playful mood), aber andere, insbesondere solche, die sich direkt auf die Tätigkeiten der Nutzerinnen und Nutzer beziehen, nicht (conservation as main activity, accessibility, regulars, „a home away from home”). Gleichzeitig zeigen sie, dass nach dem Definitionsansatz, welchen die Leiterin der Bibliothek in einem Interview dargelegt hatte (mit den Kriterien Sitzgelegenheiten und ruhiger Ecke zur freien Nutzung, räumlicher Aufteilung nach Altersgruppen, möglichst wenig Regeln, angenehme Atmosphäre und hohes Dienstleistungsbewusstsein des Personals), die Bibliothek sehr wohl als „Dritter Ort” bezeichnet werden kann. Im Kontext des Seminars, das von der vorhandenen Literatur ausging, fiel auf, dass dieser in der Bibliothek genutzte Definitionsansatz sehr weit vom originalen Begriff „Third Place” entfernt ist und somit auch etwas ganz anderes erreichen und beschreiben soll. Die Arbeitsgruppe fragte folgerichtig nach der Relevanz sowohl des Begriffs als auch der Kriterien von Oldenburg, wobei sie sich dafür aussprachen, die Kommunikation nicht in den Mittelpunkt der bibliothekarischen Arbeit zu stellen und den Begriff „Dritter Ort” als Teil der Bemühungen von Bibliotheken zu verstehen, die sich entwickeln wollen.


Ein ähnliches Unverhältnis stellte die Arbeitsgruppe in der Bibliothek der Pädagogischen Hochschule Zürich fest. (Boelsterli 2015; Ichsanow, Merki & Mühlebach 2015) Die Leiterin beschrieb die Bibliothek als „Dritter Ort”, aber gleichzeitig betonte sie die Funktion als Lernort. Die Bibliothek ist dann auch auf die letztgenannte Funktion hin ausgelegt, nicht darauf, Kommunikation zu ermöglichen. Gleichzeitig finden sich im Gebäude der Pädagogischen Hochschule Orte, die für Essen und Trinken vorgesehen sind, während dies anderswo untersagt ist. Die Beobachtungen zeigen dann auch, dass die Bibliothek vorrangig als ein Lernort genutzt wurde und zwar zumeist von Einzelpersonen. Offensichtlich folgte die Bibliothek erfolgreich der eigenen Definition eines „Dritten Ortes” und wird von den Nutzerinnen und Nutzern auch so angenommen.


Der Studierende, welcher das Rolex Learning Center der EPFL Lausanne – ein Gebäude, dass sowohl eine flexible Nutzung als auch verschiedene Zonen mit unterschiedlichen Lautstärkepegeln vorsieht – untersuchte, stellte die These auf, dass sich das Center als ganzes als „potentielle[r] dritte[r] Ort [...] charakterisieren” (Conti 2015:11) lässt, aber nicht als solcher genutzt werde. Vor allem die anwesenden Studierenden – im Gegensatz zu Touristinnen und Touristen, welche das Gebäude ebenfalls besuchen – nutzten das Center intensiv als „Zweiten Ort”. Ausserhalb der Öffnungszeiten von Restaurant, Mensa und Cafeteria nutzten sie sogar die jeweiligen Sitzgelegenheiten dieser Einrichtungen als ruhige Lernorte.


Insgesamt liess sich feststellen, dass von den Studierenden Kommunikation und Interaktion unisono als Charakteristika für „Dritte Orte” festgelegt wurden. Bibliotheken, in denen nicht kommuniziert und interagiert werde, seien also keine „Dritten Orte”. Dabei gerieten jedoch weitere mögliche Charakteristika von „Dritten Orten” ein wenig aus dem Blick, zum Beispiel dass „Dritte Orte” nicht geplant sind, sondern von ihrem Publikum erst dazu gemacht werden. Das geschieht ja durchaus, zum Beispiel dadurch, dass Bibliotheksnutzerinnen und -nutzer soziale Kontrolle ausüben, um (manchmal vermeintliche) Normen und Regeln durchzusetzen – etwa die, dass man besonders leise sein muss, wie es in den Untersuchungen in St. Gallen und in Lausanne sichtbar wurde.


Der Aufbau und die Anforderungen des Seminars bedingten es auch, dass in der Definition der Verhaltensweisen, die zum „Dritten Ort” gehören sollten, relativ rigoros vorgegangen wurde. Die Verhaltensweisen, welche zum „Ersten” oder „Zweiten” Ort gehören sollten, wurden recht klar abgetrennt. In einer weitergehenden, auch zeitlich längeren, Forschung wäre zu fragen, ob diese Aufteilung nicht auch unnötig künstlich ist. Andere Forschungen zur Nutzung des Raumes Bibliothek (Weis 2015) legen dies nahe. Zudem wäre zu fragen, ob diese Aufteilung schon in der bibliothekarischen Literatur angelegt ist oder erst durch die Forschungsaktivität selber zustande kam.


4.3 Abschluss des Seminars

Im Anschluss an die Referate der Studierenden gab die Mitautorin dieses Textes zunächst einen Überblick über ethnografische Forschung in Bibliotheken14 und trug anschliessend einige weiterführende Kritikpunkte zum Dritten Ort als Konzept für Bibliotheken und Bibliotheksräume vor.


4.3.1 Ethnografie in Bibliotheken: Marktstudien und sozialwissenschaftliche Forschung

Wie der Überblick über Ethnografie in Bibliotheken zeigte, lassen sich seit rund zehn Jahren zwei unterschiedliche Forschungsansätze beobachten. Zum Einen werden ethnografische Methoden in der bibliothekarischen Marktforschung eingesetzt, wobei Nutzerinnen und Nutzer in die Gestaltung physischer und virtueller Bibliotheksräume einbezogen werden (Foster 2007; Schoof 2010; Schulz 2013). Dieser Trend bildete sich um das Jahr 2000 in den USA und Skandinavien heraus und erreichte etwa zehn Jahre später auch den deutschen Sprachraum. Zum Anderen kommen ethnografische Methoden in der qualitativen Sozialforschung über Bibliotheken zur Anwendung, besonders in der bibliothekssoziologischen Forschung Frankreichs (Paugam & Giorgetti 2013; Roselli & Perrenoud 2010).


Bei der bibliothekarischen Marktforschung dient die ethnografische Untersuchung von Lern- und Arbeitskulturen der Zielgruppe als empirische Basis für geplante Veränderungen. Dem gegenüber ist die sozialwissenschaftliche Forschung in Bibliotheken nicht primär service-, sondern vor allem erkenntnisorientiert. Sie muss nicht im Zusammenhang mit geplanten Veränderungen stehen. Eine sozialwissenschaftliche Fragestellung, die sich mit ethnologischen Methoden untersuchen lässt wäre etwa: Welche Rolle spielt die Stadtteilbibliothek XY in ihrem lokalen Kontext, und welche gesellschaftlichen Entwicklungen spiegeln sich dort? Für die Untersuchung dieser Frage stehen die Dienstleistungen der Bibliothek nicht notwendigerweise im Zentrum.


Die studentischen Arbeiten im Seminar standen im Rahmen eines Forschungsdesigns, nicht einer geplanten Veränderung, sind also dem sozialwissenschaftlichen Forschungsansatz zuzuordnen. Aus dem Instrumentarium der Ethnografie wurden vor allem Methoden der Beobachtung und des Interviews eingesetzt (zum Beispiel in Kombination in Guttmann, Kamer, Reitze & Zehnder 2015; Jehli, Steiger & Steiner 2015; Lorenzo, Luthiger & Wiegart 2015; Stucki 2015). Der methodische Schwerpunkt lag bei Formen der verdeckten Beobachtung. Für das raumbezogene Thema „Dritter Ort” hätten sich zusätzlich visuelle Methoden wie Photo Surveys angeboten, auch kombiniert mit qualitativen Interviews (vgl. Foster 2007; Schoof 2010); doch wäre dies im Rahmen des Seminars sicher zu aufwendig gewesen. Prinzipiell ist Beobachtung oder „Sweeping the Floor” gut geeignet für eine erste Erkundung des Forschungsfeldes, sollte jedoch in breiter angelegten ethnografischen Forschungen um solche Methoden ergänzt werden, die die Perspektiven der Probandinnen und Probanden mit einbeziehen – denn letztlich bleibt ethnografische Forschung ja nicht bei der Verhaltensbeobachtung stehen, sondern bemüht sich um ein Verständnis der Wertsetzungen und Beweggründe, die diesem Verhalten oder Handeln zugrunde liegen.


4.3.2 Kritik am Dritten Ort als Bibliotheksraumkonzept

Probleme des Konzepts „Dritter Ort” sind in diesem Seminarbericht eingehend thematisiert worden. Am Ende des Seminars stellte die Mitautorin, die als externe Expertin die Diskussion über den Rahmen der Lehrveranstaltung hinaus erweiterte, die Frage, ob dieses Konzept nicht als veraltet gelten müsse, da eine räumliche Segmentierung der Lebensbereiche, wie Oldenburg sie voraussetzt, in der heutigen Gesellschaft zumindest fraglich sei. Vor allem sei das Konzept jedoch für Bibliotheken zu eindimensional, da sie niemals ausschließlich Lernorte oder “sociable places”, also Zweite oder Dritte Orte seien. Im Anschluss an Julia Weis (Weis 2015) und Les Watson (Watson 2013) machte sie den Vorschlag, die Durchdringung von „Ersten”, „Zweiten” und „Dritten Raum” auch in Bibliothekskonzepte und in die empirische Forschung in und über Bibliotheken aufzunehmen. Dies geschehe etwa im dänischen Four Spaces-Konzept (Jochumsen, Rasmussen & Skot-Hansen 2012).15


5 Fazit und offene Fragen

Didaktisch hat das Seminar, wie schon erwähnt, sein Ziel erreicht. Forschendes Lernen, wie es in dieser Lehrveranstaltung umgesetzt wurde, ist eine seit den 1970ern immer wieder erhobene Anforderung an die jeweils moderne und praxisorientierte Lehre. Das Thema „Dritter Ort” und die Durchführung als geleitetes Forschungsseminar haben zu neuen Ergebnissen geführt und sollten den Studierenden vermittelt haben, dass sie in der Lage sind, solche Projekte so durchzuführen, dass neue Aussagen möglich werden. Gleichzeitig sollte klar geworden sein, dass die verbreiteten Schlagworte im Bibliothekswesen hinterfragt werden können und sich dies zumeist auch lohnt, sowohl intellektuell als Herausforderung als auch praxisorientiert für Entscheidungen über die zukünftige Bibliothekspraxis.


Grundsätzlich zeigten die Forschungen der Studierenden, dass es nicht an Versuchen von Bibliotheken mangelt, sich als „Dritte Orte” zu definieren, aber dass das Verständnis davon, was dies genau heisst, nicht einheitlich ist. Gleichzeitig ist offensichtlich, dass zumindest in den Einrichtungen, die untersucht wurden, zwar oft die infrastrukturellen Voraussetzungen getroffen wurden, damit die Bibliothek ein „Dritter Ort” sein kann, diese aber von den Nutzerinnen und Nutzern nicht so gebraucht werden. Immer wieder wurde deutlich, dass die tatsächliche, von den Studierenden beobachtete Nutzung von Bibliotheken sich von den Konzepten und Erwartungen der Architektinnen und Architekten sowie der Bibliothekarinnen und Bibliothekare unterscheidet. Konsens scheint es jedoch darin zu geben, dass die Nutzenden es schätzen, wenn sie sich in der Bibliothek wohl fühlen. Nur scheint es nicht korrekt, wenn man das Konzept des „Dritten Ortes” auf dieses Kriterium reduziert. Hier drängen sich stark andere Modelle und andere Begriffe auf.


In einer frühen Sitzung des Seminars stellten die beiden Dozierenden aus einem anderen Forschungsprojekt herstammend ein Modell zur Untersuchung der Nutzung von Bibliotheken vor, welches auf Henri Lefebvres Schriften basierend postuliert, dass sich die tatsächliche Wirkung des Raumes Bibliothek erklären lässt aus dem Zusammenspiel des (a) gebauten Raumes beziehungsweise der vorhandenen Infrastruktur, (b) dem Verhalten des Bibliothekspersonals und den Angeboten der Bibliothek und (c) dem tatsächlichen Verhalten der Nutzerinnen und Nutzer. Insbesondere (b) und (c) sind geprägt von Annahmen und Erwartungen von Individuen, die nicht einfach sichtbar werden und zum Teil auch gegeneinander wirken können. Der Raum Bibliothek in seiner Nutzung ist im Rahmen dieses Modells immer das Ergebnis der Aushandlungsprozesse zwischen diesen drei Ebenen. Das Modell wurde von den Studierenden nicht weiter aufgegriffen, scheint aber im Hinblick auf die Ergebnisse des Seminars eine grosse Erklärungskraft zu haben. Viele Bibliotheken haben sich mit der Ebene (a) beschäftigt, um zu „Dritten Orten” zu werden, ob sich die Ebene (b) verändert hat, ist nicht richtig ersichtlich. Gleichwohl scheint sich die Ebene (c) an anderen Kriterien und Interessen zu orientieren. Dies führt offenbar oft zu Bibliotheken, die als „potentielle Dritte Orte” gut charakterisiert sind.


Offen bleibt am Ende der Untersuchungen die Frage, was richtig oder falsch ist. Die Ergebnisse lassen zumindest einige Zweifel an der Vorstellung zu, dass gerade die Nutzerinnen und Nutzer wollten, dass Bibliotheken „Dritte Orte” würden. Offenbar sind sie zu grossen Teilen mit den jetzigen Bibliotheken sehr zufrieden und benutzen sie als stille Arbeits- und Lernorte oder als Medienausleihe. Dies lässt selbstverständlich keine Aussage über die Personen zu, welche die Bibliotheken nicht nutzen. Aber es lässt zumindest die Frage stellen, wieso Bibliotheken eigentlich „Dritte Orte” werden wollen. Mit Oldenburg lässt sich das, auch angesichts der realen Ergebnisse, zumindest für die Schweiz nicht begründen. Ist es eher eine Aufforderung der Bibliotheken an sich selbst, offener zu werden?


Gleichzeitig ist offensichtlich, dass das Schlagwort, welches schon bei seiner Definition durch Oldenburg relativ offen war, bei seiner Wiederentdeckung im Bibliotheksbereich zu einem sehr offenen Begriff wurde, der teilweise mit Inhalten, die dem Original direkt widersprechen, gefüllt wird. Das muss, wie auch offensichtlich wurde, nicht schlecht sein. So überzeugte offenbar im Seminar, in welchem von einer ganzen Reihe von Studierenden das Originalwerk gelesen und den anderen zumindest der Inhalt vorgestellt wurde, nicht die gesellschaftspolitische Herleitung Oldenburgs, sondern nur das Schlagwort selber, das immer wieder ähnlich gefüllt wurde. Vielmehr ignorierten die Studierenden, trotz mehrfacher Betonung, diese gesellschaftliche Dimension ebenso wie einzelne, eigentlich irritierende Kriterien, die Oldenburg aufstellte. Gerade diese fehlende gesellschaftliche Verortung, die eher mit der Behauptung ersetzt wurde, dass „Dritte Orte” notwendig wären, scheint ein Schwachpunkt des gesamten Konzepts zu sein. Weder die Gesellschaft noch die Nutzerinnen und Nutzer verlangen nach „Dritten Orten”, egal wie sie definiert werden. Laut Oldenburg würde die Gesellschaft besser, wenn solche Orte existierten, weil sie dazu beitrügen, die gesellschaftliche Kohärenz sowie das Lebensglück der Personen, die sie benutzen, zu erhöhen. Wie weiter oben angesprochen, muss das nicht unbedingt stimmen, aber es ist ein hehres Ziel. Erstaunlich ist, dass dies eigentlich nicht mehr besprochen wird, wenn Bibliotheken sich auf den Begriff beziehen.


Daher wäre auch zu fragen, welche Motive Bibliotheken eigentlich dazu bewegen, sich als „Dritte Orte” darzustellen oder zu entwerfen. Es geht ihnen offenbar nicht darum, Oldenburgs Modell anzuwenden. Nehmen sie einfach das eingängige Schlagwort „Dritter Ort” auf, um die Attraktivität ihrer Räume für das Publikum zu betonen und versuchen damit zugleich die Politik, die Öffentlichkeit, die Nutzerinnen und Nutzer, sich selber oder noch andere Einrichtungen von ihrer gesellschaftlichen Notwendigkeit – auch in Zukunft – zu überzeugen? Das steht wohl eher zu vermuten. Generell ist es vielleicht aufschlussreicher, die Selbstdarstellung von Bibliotheken als „Dritte Orte” vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen und ihrer eigenen Situation zu sehen, als sie streng an Oldenburgs Konzept zu messen. Gleichzeitig verweisen sie in den eigenen Texten beständig selber explizit auf Oldenburg – obwohl es auch andere Konzepte gäbe, auf die verwiesen werden könnte –, so als wären seine Werke eine akzeptierte Quelle für die jeweiligen bibliothekarischen Strategien.


Möglicherweise,so legen es die Seminarergebnisse jedenfalls nahe, verkürzen Bibliotheken das Konzept des „Dritten Ortes” auf Elemente wie Aufenthaltsqualität, Besuchsfreundlichkeit, gutes Lernumfeld und Gemütlichkeit. Genau diese Eigenschaften stellen sie heraus, wenn sie sich als „Dritte Orte” bezeichnen. Bibliotheken scheinen bemüht, mit einem attraktiven Raumangebot eine unbürokratische, den Gästinnen und Gästen zugewandte Haltung zum Ausdruck zu bringen. Dies findet offensichtlich Anklang, wie die steigenden Nutzungszahlen vieler Bibliotheken und auch die Ergebnisse des Seminars zeigen, aber – wie die geringe Kommunikation zwischen den Nutzerinnen und Nutzern in den untersuchten Bibliotheken zeigte – nicht unbedingt so, wie dies von den Bibliotheken intendiert wird. Gegenüber den Unterhaltsträgern der Bibliotheken, Politik und Öffentlichkeit fungiert „Dritter Ort” vielleicht einfach als ein griffiges Schlagwort, mit dem sich für die auch künftige Relevanz von Bibliotheken argumentieren lässt, nämlich als Community Spaces oder gesellschaftliche Orte. Unter den Autoren und der Autorin dieses Textes konnte kein Konsens im Bezug darauf gefunden werden, ob dieser Legitimationsdruck tatsächlich existiert und von wem oder was er genau ausgehen sollte. Die grundsätzlich positive Haltung der Nutzerinnen und Nutzer in den untersuchten Bibliotheken deutet zumindest darauf hin, dass er nicht unbedingt von diesen stammt, sondern das diese auch mit der jetzigen Ausgestaltung – beispielsweise mit Bibliotheken, die nicht als Begegnungsort funktionieren – zufrieden sind. Eine andere These wäre, dass der Begriff „Dritter Ort” eher in der Suche nach der eigenen bibliothekarischen Identität eine Rolle spielt und deshalb vor allem nach innen, in die Bibliotheken hinein, wirkt. Zur Erhellung der Diskussion um den Dritten Ort würde auch beitragen, sie vor dem Hintergrund der Forderung eines Paradigmenwechsels “from collection zu connection” (Thorhauge 2010) zu sehen, die insbesondere in der skandinavischen Bibliotheksszene erhoben wird, aber auch hierzulande Widerhall findet. Denn mit der „Abwendung von Büchern” und der „Hinwendung zu Menschen„ wird ein Funktionswandel der (Öffentlichen) Bibliothek propagiert, in den sich das Selbstbild als „Dritter Ort” gut einfügen könnte.


Egal, wie genau der Begriff interpretiert wird, scheint er einerseits grosse Leerstellen offen zu lassen. Andererseits bieten sich immer wieder andere Modelle an, die Entwicklung von Bibliotheken sowohl voranzutreiben als auch zu erklären. Dies erklärt allerdings weiter nicht die grosse Überzeugungskraft, welche der Begriff des „Dritter Ortes” offensichtlich entwickelt hat.


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AutorInnen

Corinna HAAS
ICI Berlin Institute for Cultural Inquiry, Christinenstr. 18/19, Haus 8, D-10119 Berlin
http://www.ici-berlin.org
corinna.haas@ici-berlin.org


Rudolf MUMENTHALER
HTW Chur, Pulvermühlestrasse 57, CH-7004 Chur
www.ruedimumenthaler.ch
rudolf.mumenthaler@htwchur.ch


Karsten SCHULDT
HTW Chur, Pulvermühlestrasse 57, CH-7004 Chur
LIBREAS. Library Ideas, Berlin u.a.
www.karstenschuldt.info
karsten.schuldt@htwchur.ch





1 Boelsterli (2015), Christen, Fritschi, Schumacher & Wegmüller (2015), Conti (2015), Guttmann, Kamer, Reitze & Zehnder (2015), Ichsanow, Merki & Mühlebach (2105), Jehli, Steiger & Steiner (2015), Lorenzo, Luthiger & Wiegart (2015), Stucki (2015).


2 Dies gelang teilweise. Gerade die Frage, wie die Qualität „Gemütlichkeit” – die bei Oldenburg (explizit mit dem deutschen Wort benannt) als Spezifikum eines „Dritten Ortes” genannt wird – erhoben werden könnte, führte zu Diskussionen. Beispielsweise stand am Ende die offene Frage, ob dieses Kriterium durch „eigenes Ausprobieren” der Studierenden erhoben werden könnte. Am Ende ging leider keine der Arbeitsgruppen dieses Weg, obgleich dies eventuell interessante Ergebnisse hätte aufzeigen können.


3 Hans Christoph Hobohm führte in seinem Vortrag beim Symposium „Die Bibliothek als Idee” der LIBREAS. Library Ideas am 12.09.2015 eine Genealogie des Konzeptes „Dritter Ort” an, die bei den Heterotopien Michel Foucaults startet und Oldenburg nur als einen unter verschiedenen Ideengeberinnen und -gebern gelten lässt. (Publikation in Vorbereitung) Dies lässt sich aus den bibliothekarischen Quellen nicht bestätigen, diese zitieren als ausser-bibliothekarische Quelle durchgängig Oldenburg.


4 Wobei sich nicht nur deutsch-amerikanischen Biergärten dadurch auszeichneten, ein solches Angebot zu haben. Die kostenfreie Beigabe von Essen zum Getränk und die Herstellung von spezifischen Kulturen, die innerhalb des Ortes „Kneipe”, „Bar” oder „Amusement Park” gelebt wurden, finden sich auch in Beschreibung anderer Einrichtungen in den USA im 19. und 20. Jahrhundert. Vgl. als einflussreiche Darstellung Peiss (1986), auf die auch Oldenburg schon hätte zurückgreifen können.


5 Obgleich das Buch 1989 erschien, also gewiss in den Jahren zuvor geschrieben wurde, fällt auf, dass Oldenburg die real-sozialistischen Staaten und deren Zusammenbruch überhaupt nicht thematisiert, auch nicht in späteren Auflagen oder seinem später herausgegebenen Buch (Oldenburg 2001). Ihn interessiert nur ein Teil Europas, aus dem er Beispiele entnimmt, die sich gegen die US-amerikanische Gesellschaft anführen lassen.


6 Auch hier ist das Werk von Peiss (Peiss 1986) (Vgl. Fussnote 4) ein gutes Beispiel: Peiss schreibt eine Geschichte des sozialen Leben von Frauen der Working Class – also im Gegensatz zu Oldenburg geschlechts- und schichtspezifisch – zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in New York und nutzt dabei als Quellen gerade Berichte von Einrichtungen und Verbänden, welche das Leben dieser Frauen, die zum Beispiel Bars und Vergnügungsparks nutzen, als moralisch falsch ansahen, diese „erretten” wollten und im Rahmen dieser Tätigkeiten zahlreiche Beobachtungsberichte über das soziale Leben in den „Third Places” produzierten.


7 Diese Auseinandersetzung wird von Oldenburg direkt angesprochen, nicht angedeutet: „A Starbucks employee visited the Good Neighbor coffeehouse one day and proceeded to instruct one of the owners as to the error of their ways. The chairs were too comfortable, they wasted too much time talking with customers, some of their food wasn't fast enough, etc. Apparently they didn't learn, for the very day I picked up Steve Spracklen's [one of the owners of the Good Neighbor Coffee House] manuscript he asked me about the chairs in what has evolved into the library/dining room in our house. […] Steve and Tracey would like to acquire some so that their customers might enjoy more comfort that they already do.” (Oldenburg 2001:99) Insoweit ist es erstaunlich, wenn in bibliothekarischen Texten „Third Place” und Starbucks explizit als identisch aufgeführt werden. (Siehe Stanley 2005)


8 Dies erinnert an ein ähnlich erfolgreiches soziologisches Werk, das eher mit offenen Definitionen arbeitete, aber eine grosse Zahl Menschen überzeugte: „Bowling alone” von Robert D. Putnam (Putnam 2000), der das Konzept „Social Capital” relativ einfach definierte: Als Social Capital gelten die sozialen Kontakte, die ein Mensch hat. Menschen mit vielen sozialen Kontakten hätten auch einen hohen sozialen Einfluss. Das Problem der US-amerikanische Gesellschaft sei, dass das soziale Kapital, also die direkten sozialen Kontakte, abgenommen hätten. Dies führe zu einer geringen sozialen Kohärenz. Allerdings stellte Putnam fest, dass diese Beschreibung allein nicht ausreicht und führte die beiden Konzepte binding social capital (aus der Gruppe hinaus) und bonding social capital (in die Gruppe hinein) ein. Nur soziales Kapital reicht offenbar nicht aus, es müsse erklärt werden, wie dieses für die Gesellschaft wirkt. Das Gleiche trifft bei Oldenburg zu, der sich allerdings mit diesem Problem nicht beschäftigt. Er müsste erklären, wie genau das Lernen von Kommunikation beispielsweise im englischen Pub die Gesellschaft besser macht.


9 „[...] far more important than the architecture and appointment of these establishments [Third Places] is the habitat in which they may or may not be able to blossom and thrive. There is much in their favor. Unlike hospitals or libraries, which have exacting, complicated, and expensive internal requirements, third places are typically modest, inexpensive, and small by comparison. Further, places not even built for the purpose can be taken over by a local citizenry and pressed into Service as informal social centers. The simplicity of its requirements has made the third place a hardy perennial, capable of sprouting in a variety of forms in most urban centers.” (Oldenburg 1989:203).


10 Ein Beispiel: "The strains that have eroded the traditional family configuration have given rise to alternative lifes-styles, and though their appearance suggests the luxury of choice, non are as satisfactory as was the traditional family when embedded in a supporting community." (Oldenburg 1989:9f.).


11 Noch einmal muss betont werden, dass viele Texte sich explizit auf Oldenburg (1989) berufen. Es ist nicht so, dass dieses Buch eine vergessene Quelle wäre. Es ist auch nicht unmöglich, auf dieses zuzugreifen – mehrere Studierende des Seminars sowie einer der Dozierenden haben es zum Beispiel 2015 noch antiquarisch erworben –, wenngleich dies mit einem gewissen Aufwand verbunden sein kann.


12 Weitere Irritationen ergeben sich, wenn bestimmte Aussagen Oldenburgs kontextualisiert werden. So verweist er positiv auf die Pariser Cafés in der Zeit des Existenzialismus, die er als Zentren der Kommunikation der Pariser intellektuellen Szene ansieht. Tyler Stovall (Stovall 1996) führt in seiner Geschichte der afroamerikanischen Präsenz in Paris diese häufigen Aufenthalte in Cafés aber auf die schlechte Wohnsituation in den billigen Pariser Hotels zurück, in denen sowohl die meisten Existenzialistinnen und Existenzialisten als auch die meisten Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner wohnten. Dies widerspricht der Interpretation von Oldenburg nicht vollständig, aber es zeigt, dass seine Beschreibungen und Interpretationen stark interessengeleitet ist. Ist die kommunikative Funktion den Pariser Cafés in den 1940er und 1950er inhärent oder ist sie nur ein Ergebnis anderer (mangelnder) Infrastruktur? Ähnliche Irritationen mit den Thesen Oldenburgs tauchten im Vor- und Umfeld des Seminars immer wieder auf.


13 Die Pestalozzi-Bibliotheken sind das Netz der Öffentlichen Bibliotheken in Zürich und umfassen aktuell 14 Standorte, der Standort Altstadt stellt die Hauptbibliothek dar.


14 Für eine ausführlichere Darstellung siehe Haas (2014).


15 Diese Kritik wird bei Haas (2015) ausführlich dargelegt.



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