Schwerter des 10. Jahrhunderts als Herrschaftszeichen der Ottonen. Zu den Vorläufern des Reichsschwerts und zu dessen Imitationsformen

Mechthild Schulze-Dörrlamm

Abstract


Als Zeichen ihrer Herrschaft haben Otto I. (936-973) und Otto II. (973-983) prunkvolle »Wikingerschwerter« des 10. Jahr hun derts benutzt, von denen nur Abbildungen erhalten sind. Einer Zeichnung des sogenannten Mauritius-Schwertes im Halleschen Heiltum (1526/1527) und dem Testament des Kardinals Albrecht von Brandenburg (1540) zufolge scheint Kaiser Otto I. ein Schwert vom Typ V besessen zu haben, das er in seinem Todesjahr dem hl. Mauritius des Magdeburger Domes gestiftet hat. Im Beneventaner Rotulus (985-987) findet sich eine Krönungsminiatur, die offenbar Kaiser Otto II. mit einem Luxusschwert vom Typ S am Gürtel zeigt. Beide Hiebwaffen altertümlicher Machart besaßen noch einen zweiteiligen, wohl tauschierten Knauf aus Knaufstange und Knaufkrone sowie eine Scheide mit kurzem Ortband.

Gegen Ende des 10. Jahr hun derts wurden Form und Dekor des Herrschaftszeichens völlig verändert. Seither besaß es nur noch einen einteiligen Knauf, zusätzlich aber eine lange Scheide, die ganz mit Goldblech ummantelt und reich verziert war. Ältester Beweis dafür ist das Schwert mit Edelsteindekor, das man König Heinrich II. bei seiner Krönung (1002) überreicht und im Regensburger Sakramentar dargestellt hat. Daraus darf man schließen, dass das Essener Zeremonialschwert desselben Typs, das man im späten 10. Jahrhundert aus einer normalen Hiebwaffe in ein kampfuntaugliches Prunkschwert verwandelt hatte, schon die Insignie Kaiser Ottos III. (983-1002) gewesen sein dürfte. Den Ornamenten ihrer Goldblechscheiden war noch nicht anzusehen, wie diese Schwerter dem Herrscher voran getragen wurden.

Beide Herrschaftszeichen sind die Vorläufer jenes Schwerts, das für die Kaiserkrönung Heinrichs IV. (1084) in Italien geschaffen wurde. Davon erhalten blieb nur seine lange, prunkvolle Goldblechscheide, die man später mit dem Krönungsschwert Kaiser Ottos IV. (1198-1218) kombinierte. Gemeinsam bildeten sie seither das Reichsschwert, das unveränderliche Symbol kaiserlicher Staatsgewalt. Seine lange Goldblechscheide mit den Bildnissen von 14 Königen und Kaisern in vollem Ornat, die nur dann zu erkennen waren, wenn man die Insignie mit der Spitze nach oben dem Herrscher voran trug, wurde zum Vorbild für Imitationsformen des Reichschwerts aus späterer Zeit.


Schlagworte


Frühmittelalter; 10. Jh.; Deutschland; Bewaffnung; Schwerter; Reichsschwert; Neuinterpretation

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DOI: https://doi.org/10.11588/jrgzm.2012.2.15323

URN (PDF): http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:16-jrgzm-153234

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